Fritz Vahrenholt ist ein deutscher Politiker (SPD), Manager, Wissenschaftler und Buchautor.
Fund Forum Hybrid

„Wir haben in Deutschland genug Gas für die nächsten 40 Jahre“

Deutschland könne selbst Gas fördern und außerdem CO2-neutral Kohlekraftwerke betreiben. „Diese Chancen werden fahrlässig vertan“, sagt Prof. Dr. Fritz Vahrenholt. Der Experte für Erneuerbare Energien und ehemalige Hamburger Umweltsenator ist Gastredner beim FUND FORUM Hybrid am 1. Dezember 2022 in München.

16.11.2022 | 06:45 Uhr von «Matthias von Arnim»

TiAM FundResearch: Herr Vahrenholt, seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind die Energiepreise in die Höhe geschossen. Wie kann Deutschland darauf reagieren?

Fritz Vahrenholt: Um zu verstehen, warum wir in der Situation sind, in der wir jetzt sind, ist es wichtig, mit einem Missverständnis aufzuräumen: Der Ukrainekrieg ist nicht der Auslöser der jetzigen Situation, sondern nur ein Trendverstärker. Die Strom- und Gaspreise haben sich an der Energiebörse schon seit dem Jahr 2021 deutlich nach oben bewegt. Ende 2021 war Strom viermal so teuer wie zu Anfang des Jahres. Als Russland Ende Februar in die Ukraine einmarschiert ist, sind die Preise dann noch einmal in die Höhe geschossen. Aber das war, wie gesagt, nicht der Anfang der Preisrally.

TiAM FundResearch: Was sind die Preistreiber?

Fritz Vahrenholt: Die Verteuerung von Strom und Gas ist politisch gewollt. In Europa werden jedes Jahr weniger CO2-Zertifikate ausgegeben als im Jahr zuvor. Dadurch steigt deren Preis. Im Jahr 2021 war dieser Effekt besonders stark. Denn die Wirtschaft war gerade dabei, sich nach der Coronakrise wieder zu fangen. Die Nachfrage nach Energie zog an. Gleichzeitig wurden CO2-Zertifikate knapp. So hat sich deren Preis innerhalb kurzer Zeit verfünffacht. Für die Wirtschaft bedeutete das, dass sich der Strompreis aus Steinkohle- und Gaskraftwerken verdoppelt und der aus Braunkohlekraftwerken verdreifacht hat. Die Bundesrepublik hat durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten über den Europäischen und deutschen Emissionshandel im Jahr 2021 insgesamt rund 12,5 Milliarden Euro an Erlösen erzielt. Das war ein Rekordwert. Und schön für die Staatskasse. Aber auf Kosten der Unternehmen und der Verbraucher. Putins Krieg spielte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle.

TiAM FundResearch: Durch diesen Effekt lassen sich die Preissteigerungen erklären?

Fritz Vahrenholt: Wie gesagt, gibt es mehrere Gründe. Aber sie hängen zusammen und sind zu einem großen Teil hausgemacht. Neben den CO2-Zertifikaten ist auch das Angebot an Energie bewusst verknappt worden. In den vergangenen Jahren sind europaweit Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 20.000 Megawatt stillgelegt worden, davon allein in Deutschland 11.000 Megawatt. Dazu kommt noch die Abschaltung von Kernkraftwerken. Allein seit 2019 wurden in Deutschland rund 5.500 Megawatt gesicherter Stromleistung abgestellt. Diese Lücke schlossen Gaskraftwerke. Die Nachfrage nach Gas stieg deshalb stark an. Seit Russland den Gashahn zugedreht hat, sind wir also in einer Situation, in der unser Energiemix deutlich weniger diversifiziert ist und die Nachfrage nach Gas zunahm.

TiAM FundResearch: Die Bundesregierung versucht, Russland durch andere Zulieferer zu ersetzen. Kann das gelingen?

Fritz Vahrenholt: Es ist eine große Herausforderung. Und es wird teuer. Denn erstens sind wir ja nicht die Einzigen, die jetzt bei den internationalen Energieproduzenten Schlange stehen. Zweitens ist LNG-Gas deutlich teurer als Pipelinegas. Und drittens hat der Sektor in den vergangenen Jahren immer weniger in die Förderung neuer Öl- und Gasvorkommen investiert. Die Investitionen der vier größten westlichen Ölkonzerne betrugen bis vor zehn Jahren noch etwa 130 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Im Jahr 2020 waren es ja nur noch etwas über 40 Milliarden. Auch das war gewollt. Die Regeln des Finanzmarktes sorgen seit ein paar Jahren dafür, dass Unternehmen mit großem fossilem Fußabdruck aus den Investitionslisten der institutionellen Investoren rausfliegen. De facto sind in den vergangenen zehn Jahren keine neuen Energiequellen durch westliche Energiekonzerne erschlossen worden. Ausnahme waren US-amerikanische Frackingfelder. Das sorgt dafür, dass die USA sich noch mit eigenem Gas gut versorgen und die Preise in den USA niedrig halten können. Aber auch das wird nicht ewig so weitergehen. Die Bundesregierung sollte sich nicht darauf verlassen, dass sie langfristig auf das Fracking-Gas aus den USA bauen kann.

TiAM FundResearch: Gibt es Alternativen?

Fritz Vahrenholt: Ja. Und zwar direkt unter unseren Füßen. Genauer gesagt, in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und in Brandenburg liegen riesige Schiefergasvorkommen. Würde man sie nutzen, könnte sich Deutschland für die nächsten zwanzig bis vierzig Jahre unabhängig von Gasimporten machen. Man kann Fracking umweltfreundlich gestalten, sagt die vom Bundestag eingesetzte Wissenschaftskommission.

TiAM FundResearch: Es wäre ein Ausbau und die Verlängerung der Nutzung fossiler Energie. Stünde das nicht im Widerspruch dazu, dass Deutschland sich sogar per Gesetz verpflichtet hat, den CO2-Ausstoß zu verringern?

Fritz Vahrenholt: Nein. Möglich machen würde das die Anwendung von „Carbon capture and sequestration“, kurz CCS. Damit kann Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von fossilen Stoffen entsteht, unterirdisch gespeichert werden. Das Verfahren wurde in Deutschland entwickelt. Die Anwendung wird vom Weltklimarat empfohlen und kommt in vielen Ländern, wie zum Beispiel in Kanada, den USA und China schon zum Einsatz. Hierzulande ist CCS aber kein Thema.

TiAM FundResearch: Warum?

Fritz Vahrenholt: Weil nur auf den Ausbau Erneuerbarer Energien gesetzt wird, das ist die Politik der Bundesregierung und der EU. Und weil es Bedenken gibt, dass Schadstoffe ins Grundwasser gelangen könnten. Aber das ist Unfug. Das CO2 wird bei dem Verfahren in viel tiefer liegenden Erdschichten gespeichert. Das kommt mit dem Grundwasser überhaupt nicht in Berührung.

TiAM FundResearch: Wenn die Anwendung politisch nicht gewollt ist, dann scheidet die Alternative wohl aus. Welche Möglichkeiten haben wir noch?

Fritz Vahrenholt: Wir könnten auch die heimische Braunkohle mit CCS verantwortungsvoll nutzen. Die Regierung reist im Moment um die Welt und kauft woanders Gas und Kohle ein. Zum Beispiel in Kolumbien. Ohne CCS tun wir damit fürs Weltklima aber nichts Gutes. Und die Kosten dürfen wir nicht vergessen. Mit Gas -und Strompreisen von mehr als zehn Eurocent pro Kilowattstunde ist Deutschlands Industrie auf Dauer nicht konkurrenzfähig. Die Unternehmen in China und den USA können mit rund drei Eurocent kalkulieren.

TiAM FundResearch: Das klingt sehr pessimistisch. Wie kann sich Deutschland aus dem Dilemma befreien?

Fritz Vahrenholt: Ich habe die Hoffnung auf die Restnutzung der Kernenergie noch nicht aufgegeben. Der Ausbau der Erneuerbaren erfordert Backup-Kraftwerke. Kurz- bis mittelfristig kommen wir daher um die Nutzung fossiler Brennstoffe nicht herum, aber dann bitte mit CCS. Die ganze Energiewende war schließlich auf die Idee gebaut, dass wir die kommenden Jahre billiges russisches Gas kaufen und dies nach und nach ersetzen. Zu glauben, dass man jetzt den Umstieg innerhalb kurzer Zeit ohne fossile Brennstoffe im Hauruckverfahren hinbekommt, ist reine Illusion. Denn auch für die Transformation benötigt man Energie. Windräder bauen sich nicht ohne Energie. Und die Zeiten, in denen Windräder und Solaranlagen keine Energie produzieren – zehn Tage Dunkelflaute im Winter sind nichts Ungewöhnliches – müssen überbrückt werden. Das sind gigantische Strommengen. Stromspeicher alleine werden dies nicht schaffen. Die Kapazitäten, die dafür nötig wären, sind auf absehbare Zeit nicht vorhanden und nicht wirtschaftlich. Kurzum: Wenn wir uns aus unserem selbst geschaffenen Dilemma befreien wollen, sollten wir uns als erstes von ideologischen Dogmen lösen und pragmatisch daran gehen, unsere Energieversorgung zu sichern. Am besten sofort. Denn sonst verlieren wir einen großen Teil unserer industriellen Arbeitsplätze.

TiAM FundResearch: Herr Vahrenholt, vielen Dank für das Gespräch.

FUND FORUM Hybrid 2022

Am 1. Dezember 2022 findet in München das nächste FUND FORUM Hybrid statt. Geladen sind prominente Keynote-Speaker. Neben Prof. Dr. Fritz Vahrenholt (siehe Interview auf dieser Seite) sind auch der ehemalige Zentralbanker Franz Josef Benedikt und die Investmentlegende Lenny Fischer zu sehen und zu hören. Auf dem Forum, das auch per Online-Stream live mitverfolgt werden kann, stellen sechs Investmentgesellschaften ihre Kapitalmarkt-Thesen und die passenden Strategien vor. Diskussionen mit dem Auditorium sind dabei ausdrücklich erwünscht. Anmeldungen sind noch möglich.  HIER KLICKEN>>

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