
Das prägende Thema im Technologiesektor ist und bleibt Künstliche Intelligenz. Schon jetzt steht fest: KI wird einen epochalen Effekt haben und den Technologiesektor neu ordnen.
09.06.2026 | 08:57 Uhr
Wie bereits im vergangenen Jahr scheint man auch 2026 die Geschwindigkeit dieser Entwicklung unterschätzt zu haben. Die großen Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta – haben ihre Investitionspläne für 2026 deutlich nach oben korrigiert. Gleichzeitig gewinnt die Monetarisierung von KI zunehmend an Fahrt.
Die Hyperscaler heben ihre Investitionspläne erneut an
Noch zu Beginn des Jahres gingen Analysten von einem konsolidierten Investitionsbudget von rund 600 Mrd. US-Dollar aus – bereits ein Rekordwert. Doch nach den Ergebnissen des ersten Quartals 2026 wurde klar: Diese Schätzungen waren zu konservativ.
Meta und Alphabet erhöhen das Tempo
Meta geht mittlerweile von Investitionen in Höhe von 125 bis 145 Mrd. US-Dollar aus – ursprünglich lag die Spanne bei 115 bis 135 Mrd. US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Treiber sind die neu gegründeten „Meta Superintelligence Labs“ sowie der Ausbau von Rechenzentren und GPU-Kapazitäten. Die hohen Investitionen im Bereich „Superintelligenz” werden von Investorenseite jedoch kritisch gesehen, da sich hier auf absehbare Zeit kaum zusätzliche Rendite erwirtschaften lässt.
Gleichzeitig steigt die Verweildauer auf Instagram und Facebook weiter an. Meta kann KI für gezieltere Werbeschaltungen nutzen und so die Monetarisierung beschleunigen. Dies zeigte sich auch im Umsatzwachstum des ersten Quartals.
Auch Alphabet (Google) kündigte deutlich höhere Investitionen an. Die Prognose stieg auf 180 bis 190 Mrd. US-Dollar – zuvor ging das Unternehmen von einer Spanne von 175 bis 185 Mrd. US-Dollar aus. Dies entspricht einem Vorjahreswachstum von 100 %. Google setzt auf eigene KI-Chips (TPUs), Cloud-Infrastruktur und Modellentwicklung unter dem Dach von DeepMind, wobei besonders das Cloudgeschäft mit einem Umsatzwachstum von 63 % überzeugen konnte. Dieses Wachstum ist auf die zunehmende Nutzung von Gemini zurückzuführen.
Amazon und Microsoft setzen auf ihre Plattformen
Amazon hält an seiner Investitions-Prognose von rund 200 Mrd. US-Dollar fest, bleibt damit aber beim absoluten Investitionsvolumen der Spitzenreiter unter den Hyperscalern. Die AWS-Sparte investiert massiv in neue Rechenzentrumsregionen sowie in eigene KI-Chips der Trainium- und Inferentia-Familie. Zudem hat das Unternehmen kürzlich 25 Mrd. US-Dollar in Anthropic und 50 Mrd. US-Dollar in OpenAI investiert. Im Gegenzug vergab Anthropic Aufträge in Höhe von 100 Mrd. US-Dollar an AWS. OpenAI kündigte zudem eine strategische Partnerschaft an. Mit Claude und Frontier laufen nun zwei leistungsstarke KI-Enterprise-Programme auf AWS.
Microsoft bestätigte seine Ausgabenpläne mit einem Anstieg von rund 25 % gegenüber dem Vorjahr. Die Partnerschaft mit OpenAI bildet weiterhin den strategischen Kern. Microsoft integriert KI-Funktionen in seine Produktpalette – von Azure über Office 365 bis hin zu GitHub Copilot. Die vorsichtige Herangehensweise führte jedoch zum Verlust der exklusiven Partnerschaft mit OpenAI. Zudem konnte Copilot die hohen Erwartungen bislang nicht erfüllen. Microsoft fiel im KI-Wettlauf zurück. Zugleich birgt das Softwaregeschäft rund um Office Risiken durch KI-getriebene Umbrüche. Allerdings wächst das Cloudgeschäft weiter stark.
Die nächste Größenordnung ist bereits absehbar
Die führenden Hyperscaler steuern in der Summe auf ein kombiniertes Investitionsvolumen von 725 bis über 800 Mrd. US-Dollar zu. Dies wäre der dritte Rekordwert in Folge und ein Wachstum von mehr als 60 % gegenüber den bereits historischen Werten des Jahres 2025.
Die Nachfrage nach KI-Rechenkapazitäten ist so groß, dass für 2027 ein weiterer deutlicher Investitionsanstieg erwartet wird. Ein erneuter Anstieg in dieser Größenordnung ist jedoch unwahrscheinlich. Rund 75 % dieser Investitionen fließen direkt in die KI-Infrastruktur, darunter GPUs, Netzwerktechnik, Rechenzentren und Kühlsysteme.
Die KI-Monetarisierung gewinnt zunehmend an Fahrt
Lange lautete die zentrale Kritik: Es wird investiert, aber wer verdient dabei eigentlich Geld? Diese Frage lässt sich 2026 zunehmend konkret beantworten.
So wies OpenAI Ende 2025 einen wiederkehrenden Jahresumsatz von 20 Mrd. US-Dollar aus, während es 2024 noch 6 Mrd. US-Dollar und 2023 2 Mrd. US-Dollar waren.
Im April 2026 lag der auf das Gesamtjahr hochgerechnete Umsatz bei rund 24 Mrd. US-Dollar. OpenAI monetarisiert über ChatGPT-Abonnements, den API-Zugang (Zugang über eine Programmierschnittstelle), Enterprise-Lizenzen sowie zunehmend agentenbasierte Lösungen.
Anthropic wächst noch schneller
Die Wachstumsgeschichte von Anthropic ist noch eindrucksvoller: Das Unternehmen startete 2025 mit einem wiederkehrenden Jahresumsatz von rund 1 Mrd. US-Dollar, beendete das Jahr bei 9 Mrd. US-Dollar und meldete im April 2026 einen wiederkehrenden Jahresumsatz von 30 Mrd. US-Dollar. Im Mai waren es sogar 44 Mrd. US-Dollar. Damit hat Anthropic OpenAI beim auf das Gesamtjahr hochgerechneten Umsatz überholt. Treiber ist vor allem „Claude Code“, ein KI-Entwicklungsassistent. Mittlerweile zahlen mehr als 1.000 Unternehmenskunden über 1 Mio. US-Dollar pro Jahr.
Die Hyperscaler monetarisieren KI vor allem über ihre Cloud-Plattformen. Microsoft Azure AI verzeichnet ein zweistelliges Wachstum und GitHub Copilot hat über 1,8 Millionen zahlende Enterprise-Nutzer. Google Cloud verzeichnet erstmals einen signifikanten KI-Umsatzbeitrag durch die Integration von Gemini sowie KI-Leistungen, die über die Cloud bereitgestellt werden. Auch AWS erfährt eine gesteigerte Nachfrage für Cloud-Dienste, gerade die KI-Entwickler-Plattform Bedrock.
Gewinner und Verlierer im Technologiesektor
Die massiven Investitionen der Hyperscaler in KI schaffen ausgeprägte Gewinner- und Verliererstrukturen. Den größten strukturellen Vorteil haben Unternehmen, die direkt am Aufbau von KI-Rechenkapazitäten beteiligt sind. Der größte Anteil der Investitionen, rund 35 bis 40 %, entfällt auf KI-Chips. Nvidia bleibt Hauptprofiteur, aber auch Alternativlieferanten gewinnen Marktanteile. Ebenfalls stark positioniert sind Unternehmen, die KI-spezifische Netzwerkchips und kundenspezifische ASICs (“Custom Chips”) für Hyperscaler entwickeln.
Speicherchips werden zum Engpass
Die größte Neubewertung hat der Bereich der Speicherchips erfahren. Früher war das Geschäft mit Speicherchips eher volatil. Heute stellen Speicherchips den größten Engpass in der Wertschöpfungskette dar. Die hohe Nachfrage nach schnellen, flüchtigen KI-DRAMs – also High Bandwidth Memory Speichern (HBM-Memory) – hat zu Kapazitätsengpässen und Preissprüngen von 80 bis 90 % im Vergleich zum vierten Quartal 2025 geführt.
Davon konnten mehrere Unternehmen profitieren, wie beispielsweise SK Hynix, das enge Beziehungen zu NVIDIA pflegt. Die Wertentwicklung der Aktien fiel entsprechend aus. Gleichzeitig steigen die Gewinnerwartungen in diesem Bereich.
Netzwerke sind gefragt, Software gerät unter Druck
Der enorme Datendurchsatz in KI-Rechenzentren erfordert eine große Netzwerkbandbreite. Anbieter von Netzwerk- und optischer Übertragungstechnik profitieren vom Ausbau der Netzwerkinfrastruktur. Zudem müssen klassische Firmennetze ausgebaut werden, um den durch KI-Agenten verursachten gestiegenen Datenverkehr zu bewältigen. Das bietet Chancen für etablierte Anbieter von Unternehmensnetzwerken, die aus Bewertungsgesichtspunkten moderat erscheinen.
Zu den größten Verlierern der aktuellen Entwicklung zählen derzeit traditionelle Softwareanbieter sowie IT-Dienstleister. Im Fokus steht das KI-Disruptionsrisiko. Die immer neueren Enterprise-Anwendungen von Anthropic und OpenAI schüren die Sorge, dass klassische Anbieter an Bedeutung verlieren. Fraglich bleibt jedoch, ob KI-Agenten eigenständig komplexe Geschäftsprozesse übernehmen können. Softwareanbieter mit komplexen Lösungen dürften nicht so einfach zu ersetzen sein. Zugleich sind einige Anbieter in diesem Bereich selbst im KI-Cloudgeschäft aktiv und verfolgen ehrgeizige Wachstumsziele.
Worauf es jetzt ankommt
Aktuell spricht vieles dafür, dass die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung weiterhin unterschätzt wird. Dabei sind vor allem die Nachfrage nach KI-Rechenkapazitäten und die Monetarisierung von KI-Anwendungen entscheidend. Solange die verfügbaren Kapazitäten nicht ausreichen, um die Nachfrage zu decken, dürfte dieser Trend anhalten. Die größten Engpässe liegen derzeit bei Speicherchips und Stromkapazitäten.
Neue Technologien können das Bild verändern
Im März stellte Google den Vektor-Kompressionsalgorithmus TurboQuant vor. Dieser komprimiert den Key-Value-Cache, also das „Arbeitsgedächtnis“ eines großen Sprachmodells, während der Schlussfolgerung („Inferenz”). Dadurch soll sechsmal weniger Speicher benötigt werden. Ein solcher Durchbruch wäre negativ für Produzenten von Speicherchips.
Zugleich werden KI-Hochleistungschips immer energieeffizienter. So erzielt die neueste Chipgeneration Rubin von NVIDIA beispielsweise eine zehnmal höhere Leistung pro Watt als die aktuelle Blackwell-Generation. Allerdings steigt auch die benötigte Rechenleistung insgesamt rasant, sodass sich hier bislang noch kein wirklicher Durchbruch abzeichnet.
Zwischen Euphorie und echtem Fundament
Die KI-Investitionswelle des Jahres 2026 wurde unterschätzt, und auch für 2027 sind weiter steigende Ausgaben absehbar. Zugleich gibt es deutliche Fortschritte bei der Monetarisierung. Vor allem Anbieter von KI-Infrastruktur dürften davon profitieren und bleiben daher auch trotz möglicher Korrekturphasen interessant.
Wichtig: Nicht jeder, der in KI investiert, ist automatisch ein Gewinner. Entscheidend ist vielmehr, wer entlang der KI-Wertschöpfungskette eine schwer ersetzbare Position einnimmt. Es bleibt spannend, ob sich die Schere zwischen den aktuellen Gewinnern der KI-Entwicklung und den Verlierern weiter öffnet oder sich wieder schließt. Auch neue Technologien wie TurboQuant oder energieeffizientere KI-Chips könnten die Kräfteverhältnisse noch einmal verschieben.
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