
Die Rendite französischer Staatsanleihen, sogenannter OATs, ist erstmals seit 2009 auf über 4 Prozent gestiegen, die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen liegt so hoch wie zuletzt 2007 und die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen nähert sich der Marke von 3 Prozent.
25.08.2026 | 08:49 Uhr
Angesichts des weltweiten Zinsanstiegs zeigen auch die Aktienmärkte erste Anzeichen von Nervosität. Die ausbleibenden Fortschritte im Iran-Konflikt, nachdem Donald Trump angekündigt hatte, die am 17. August ausgelaufene Waffenruhe nicht verlängern zu wollen, wirkten zweifellos als kurzfristiger Auslöser. Die Ursachen dieser Entwicklung reichen jedoch tiefer.
KI und Staatsverschuldung treiben Kapitalbedarf
Neben der Sorge vor einem Wiederaufflammen der Inflation infolge des Iran-Konflikts steht der Anleihemarkt im Spannungsfeld zweier Themen, die für Wirtschaft und Märkte von grundlegender Bedeutung sind: zum einen die Verschlechterung der öffentlichen Finanzen und die wachsende Schuldenlast der westlichen Staaten, zum anderen die künstliche Intelligenz und die Finanzierung der damit verbundenen enormen Investitionen. Beide Entwicklungen verstärken sich gegenseitig.
Um den Ausbau ihrer KI-Kapazitäten zu finanzieren, haben die großen Technologiekonzerne, die sogenannten Hyperscaler, in den vergangenen Monaten verstärkt den Anleihemarkt in Anspruch genommen. Während Anleihen zur Finanzierung von KI-Projekten 2024 kaum 1 Prozent der weltweiten Investment-Grade-Emissionen[1] ausmachten, stieg ihr Anteil im ersten Halbjahr 2026 auf 18 Prozent. Der starke Eintritt der Hyperscaler in den Kreditmarkt hat das weltweite Emissionsvolumen deutlich steigen lassen. Seit Jahresbeginn liegt es 36 Prozent über dem Wert des entsprechenden Vorjahreszeitraums.
Langlaufende Staatsanleihen geraten unter Druck
Für Investoren wird es zunehmend schwieriger, dieses zusätzliche Anleiheangebot aufzunehmen. Genauer gesagt verschieben sich dadurch die Anlageprioritäten – zulasten langlaufender Staatsanleihen. Denn der Wettbewerb ist unmittelbar. Erstens finanzieren sich die Hyperscaler überwiegend über langfristige Verbindlichkeiten. Rund 70 Prozent der emittierten Anleihen haben eine Laufzeit von mindestens sieben Jahren; die durchschnittliche Laufzeit dürfte bei etwa 15 bis 17 Jahren liegen. Einer aktuellen Studie von Goldman Sachs[2] zufolge entfallen auf Emissionen der Hyperscaler mehr als 40 Prozent sämtlicher weltweiter Investment-Grade-Emissionen mit Laufzeiten von über 15 Jahren.
Zudem bieten Technologieunternehmen derzeit recht hohe Renditeaufschläge gegenüber Staatsanleihen in den jeweiligen Emissionswährungen. So begab Alphabet vor wenigen Tagen beispielsweise eine 20-jährige Anleihe in australischen Dollar mit einer Rendite von 6,95 Prozent, während die Rendite 20-jähriger australischer Staatsanleihen bei 5,45 Prozent liegt.
Hinzu kommt, dass potenzielle Käufer der Anleihen von Hyperscalern inzwischen dieselben Investoren sind, die auch Staatsanleihen halten. Insbesondere in den USA sind private Investoren eingesprungen, während die Fed ihre Bilanz verkleinerte und die Bestände ausländischer Zentralbanken an US-Staatsanleihen stagnierten. Mittlerweile halten sie 73 Prozent der US-Staatsschulden – gegenüber 50 Prozent vor zehn Jahren. Doch genau diese Investoren sind es, die am ehesten Schuldtitel von Hyperscalern kaufen werden – oft zu einem komfortablen Aufschlag, mit ähnlichen Laufzeiten und ohne die mit Staatsanleihen verbundenen Risiken einer ausufernden Fiskalpolitik.
Verdrängungseffekt dürfte zunehmen
Zusammenfassend lässt sich an den Anleihemärkten ein deutlicher Verdrängungseffekt beobachten: Der Markt wird mit Anleihen zur KI-Finanzierung überschwemmt, die zulasten von Staatsanleihen absorbiert werden. Diese Entwicklung steht erst am Anfang.
Einerseits wächst der Finanzierungsbedarf für KI weiter. In den kommenden Quartalen ist mit neuen Anleiheemissionen im Volumen von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar zu rechnen. Andererseits steigt auch der Finanzierungsbedarf der Staaten weiter – entweder aufgrund der anhaltenden Verschlechterung der öffentlichen Finanzen wie in Frankreich, den USA und Großbritannien oder zur Finanzierung struktureller Investitionen wie in Deutschland und in geringerem Maße in Japan.
Sofern es nicht zu einer Rückkehr von massiven Anleihekäufen durch die Zentralbanken kommt, was derzeit nicht auf der Agenda zu stehen scheint, dürfte der zunehmende Wettbewerb den weiteren Zinsanstieg zusätzlich befeuern. Langfristig birgt dies Risiken für die Finanzierung der Weltwirtschaft.
[1] Bezeichnet Emittenten oder Anleihen, deren Rating zwischen AAA und BBB bzw. Aaa und Baa3 liegt. Diese Wertpapiere weisen ein geringes Ausfallrisiko auf.
[2] IG Credit – Too Much, Too Fast, Jeffrey Papai, 12.07.2026
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