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Gottfried Heller ist tot: Ein Börsianer mit Leidenschaft

Gottfried Heller ist verstorben
Nachruf

Der Gründer der FIDUKA-Depotverwaltung wurde 91 Jahre alt. Gemeinsam mit André Kostolany kämpfte er für eine bessere Aktienkultur in Deutschland. Für viele Anleger war er ein unersetzlicher Ratgeber.

26.10.2026 | 10:30 Uhr

Es gibt Menschen an der Börse, die kennt man wegen ihrer Prognosen. Und es gibt Menschen, die bleiben in Erinnerung, weil sie eine Meinung verkörpern. Gottfried Heller gehörte zu beiden Kategorien. Der Gründer der Münchner FIDUKA-Depotverwaltung war ein leidenschaftlicher Verfechter der Aktienanlage, ein scharfer Beobachter des Weltgeschehens und ein Börsenpraktiker, der auch in turbulenten Zeiten selten um klare Worte verlegen war. Nun ist Heller gestorben. 

Ein Pionier der Vermögensverwaltung 

Geboren wurde Heller 1935 in Weissach bei Stuttgart. Bevor er zu einer prägenden Figur der deutschen Börsenlandschaft wurde, verbrachte er sechs Jahre in den USA. Dort arbeitete er als Wirtschaftsingenieur bei einer New Yorker Beratungsfirma und unterstützte während dieser Zeit auch den Präsidentschaftswahlkampf von Robert F. Kennedy. 

1971 gründete er gemeinsam mit seinem Freund und Partner André Kostolany in München die FIDUKA-Depotverwaltung. Das Unternehmen entstand in einer Zeit, in der die professionelle Vermögensverwaltung in Deutschland noch längst nicht den heutigen Stellenwert hatte. Heller erkannte früh, dass eine erfolgreiche Geldanlage mehr erfordert als den Kauf einzelner vermeintlicher Börsenstars. Entscheidend sei ein durchdachtes, ausgewogenes Portfolio, das unterschiedliche Anlageklassen und Märkte miteinander verbindet. 

Mehr als fünf Jahrzehnte prägte er die Geschicke der FIDUKA. Auch nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft blieb er dem Unternehmen und seinen Kunden eng verbunden. Marco Herrmann, Geschäftsführer und als Chief Investment Officer sein Nachfolger, würdigte Hellers verantwortungsvollen Umgang mit Wertpapieren und seinen Weitblick. Selbst im Ruhestand sei er der Firma und dem Kostolany Börsenseminar mit ganzem Herzen verbunden geblieben. 

Gemeinsam mit Kostolany für die Aktienkultur 

Hellers zweite große Lebensaufgabe war die Verbesserung der Aktienkultur in Deutschland. Gemeinsam mit Kostolany warb er dafür, dass private Anleger die Chancen der Kapitalmärkte nutzen, statt ihr Vermögen überwiegend in festverzinslichen Anlagen zu parken. Die aus seiner Sicht einseitige deutsche Vorliebe für Zinsanlagen kritisierte er in Büchern, Kolumnen und Interviews immer wieder. 

Seit 1974 veranstaltet die FIDUKA das Kostolany Börsenseminar. Heller hielt dort fünf Jahrzehnte lang das Hauptreferat und gab den jährlichen Börsenausblick. Er analysierte die weltpolitische Lage, ordnete wirtschaftliche Entwicklungen ein und leitete daraus Konsequenzen für Anleger ab. Dabei ging es ihm nie allein um kurzfristige Kursziele. Er wollte vermitteln, dass langfristiger Vermögensaufbau Disziplin, internationale Streuung und eine zur persönlichen Situation passende Aufteilung des Vermögens voraussetzt. Seine Vorstellung von einem guten Depot erklärte er gern mit einem Bild aus dem Fußball: „Bei Wertpapieren ist es wie im Fußball. Wir brauchen eine kompakte Mannschaft. Stars allein genügen nicht, sie müssen harmonieren.“ Anleihen und unterbewertete Titel sollten für Stabilität sorgen, Dividendenwerte und ETFs das Mittelfeld bilden. Nebenwerte, Zykliker, Technologiewerte und Aktien aus Schwellenländern übernahmen in seinem Vergleich die Rolle der Stürmer. Entscheidend war das Zusammenspiel – und ein Anleger, der die Mannschaft zusammenhält. 

Klare Worte, auch wenn die Börse verrücktspielte 

Heller war kein Mann, der seine Überzeugungen bei Gegenwind über Bord warf. Er sagte 1993 sieben fette Börsenjahre voraus. Während der Finanzkrise 2008 betrachtete er die eingebrochenen Aktienkurse als „Geschenk des Himmels“. Was viele Anleger in Panik versetzte, sah er als Gelegenheit für langfristig orientierte Investoren. Voraussetzung war freilich, dass sie ihr Geld breit streuten und nicht auf einzelne Unternehmen oder vermeintlich sichere Trends setzten. Seine Einschätzungen veröffentlichte Heller jahrelang in „Börse Online“, „Euro am Sonntag“ und in der „Welt“. Mit Büchern wie „Revolution der Geldanlage“, „Der einfache Weg zum Wohlstand“ und „Wohlstandsrevolution“ erreichte er ein großes Publikum. Hinzu kamen zahlreiche Auftritte in Fernsehen und Radio. 

Seine Stärke lag darin, komplexe Entwicklungen verständlich zu erklären und auch unbequeme Schlussfolgerungen auszusprechen. Dass Heller bis ins hohe Alter Anteil am Börsengeschehen nahm, passte zu seinem Selbstverständnis. Er kommentierte politische Entscheidungen, bewertete Regierungsprogramme und setzte die weltpolitische Großwetterlage in Beziehung zu den Kapitalmärkten. Die Börse war für ihn kein isoliertes Spielfeld, sondern ein Spiegel wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen. Ein Gesprächspartner, der Anleger ernst nahm Professor Urban Bacher, der Heller mehr als 30 Jahre als Partner und Gesellschafter begleitete, erinnerte an dessen Charisma, seine Standhaftigkeit und seinen missionarischen Einsatz für eine bessere Aktienkultur. Heller habe sich auch in unruhigen Zeiten nicht beirren lassen. 2007 wurde er vom „Elite Report“ mit der „goldenen Pyramide“ ausgezeichnet. 

Die geistige Gymnastik des Börsianers 

Vielleicht lässt sich Hellers unermüdliche Neugier am besten mit einem Gedanken erklären, den er gern von seinem langjährigen Weggefährten Kostolany aufgriff. Dieser hatte einmal beschrieben, wie er auch im hohen Alter aktiv geblieben sei: durch geistige Gymnastik – analysieren, denken, debattieren und schreiben. Heller lebte diesen Anspruch. Er blieb interessiert, diskutierte, ordnete ein und mischte sich ein. Die Börse war für ihn nicht bloß Beruf, sondern eine lebenslange intellektuelle Herausforderung. Dabei verband er unternehmerischen Ehrgeiz mit dem Wunsch, Anlegern Orientierung zu geben. 

Mit Gottfried Heller verliert die deutsche Börsenlandschaft einen ihrer profiliertesten Vertreter. Er hinterlässt ein Unternehmen, das er über Jahrzehnte mitgestaltet hat, ein umfangreiches publizistisches Werk und die Erinnerung an einen Mann, der die Aktienanlage nicht als kurzfristiges Spiel verstand, sondern als wichtigen Baustein langfristigen Wohlstands. Gottfried Heller hat sich um die Aktienkultur in Deutschland verdient gemacht. Seine Stimme wird fehlen. (jk)

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