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Warum Anleger mit Geduld oft erfolgreicher sind als mit Timing

John Bilton, Global Head of Strategic Research, Multi-Asset Solutions bei J.P. Morgan Asset Management
Multi Asset Fonds

John Bilton von J.P. Morgan Asset Management warnt vor einem der größten Renditekiller an den Finanzmärkten: dem Versuch, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu finden. In seiner aktuellen Analyse zeigt er, warum hohe Cashbestände, emotionale Entscheidungen und hektisches Handeln langfristig Vermögen kosten – und weshalb gerade in unsicheren Zeiten Disziplin wichtiger ist als Marktprognosen.

19.05.2026 | 10:30 Uhr von «Jörn Kränicke»

John Bilton von J.P. Morgan Asset Management hält wenig von hektischem Hin und Her an den Märkten. Seine zentrale Botschaft lautet: Anleger zerstören Rendite häufig nicht durch schlechte Produkte, sondern durch falsches Verhalten. Wer ständig auf Krisen, Schlagzeilen oder vermeintlich perfekte Einstiegszeitpunkte reagiert, steht sich langfristig oft selbst im Weg.

„Buy and Hold“ führt zum Erfolg

In seiner aktuellen Analyse „Investieren und dranbleiben: So wächst Vermögen langfristig“ argumentiert Bilton, dass vor allem zwei Fehler langfristig Vermögen kosten: übermäßige Barbestände und der Versuch, Märkte zeitlich abzupassen. „Investieren und investiert bleiben“ sei dagegen der entscheidende Erfolgsfaktor.

Besonders eindrucksvoll sind die historischen Vergleiche. Laut der Studie wären 100 US-Dollar, die vor 25 Jahren in ein globales 60/40-Portfolio aus Aktien und Anleihen investiert wurden, inflationsbereinigt auf 258 Dollar angewachsen. Dieselbe Summe in Barmitteln hätte real nur noch einen Wert von 86 Dollar. Ähnliche Ergebnisse zeigt Bilton auch für Europa und Japan.

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„Bauern sind wohlhabender als Jäger“

Bilton verwendet dabei eine bewusst einfache Metapher. Anleger seien erfolgreicher, wenn sie sich wie Bauern und nicht wie Jäger verhielten. Bauern säen, pflegen und warten geduldig auf die Ernte. Jäger dagegen müssten ständig den perfekten Moment treffen. „Große Teile der Vergangenheit sprechen dafür, dass Bauern in der Regel wohlhabender sind als Jäger“, so Bilton.

Tatsächlich verweist der J.P. Morgan Manager auf zahlreiche verhaltensökonomische Studien. Viele Anleger neigten dazu, Gewinne zu früh mitzunehmen und Verluste zu lange auszusitzen – ein als „Dispositionseffekt“ bekanntes Phänomen. Hinzu komme die psychologische Verlustangst. Verluste würden emotional stärker wahrgenommen als langfristig aufgebaute Gewinne. Genau deshalb würden viele Anleger nach Kursrückgängen hohe Cashbestände halten und die anschließende Erholung verpassen.

Bilton kritisiert dabei auch die Rolle sozialer Medien und der Finanzberichterstattung. Panik lasse sich gut verkaufen, schreibt er sinngemäß. Gleichzeitig verstärke die „Gamification“ des Investierens kurzfristiges Denken und riskantes Verhalten. Studien deuteten darauf hin, dass Nutzer solcher Handelsplattformen jährlich mehrere Prozentpunkte schlechter abschneiden als klassische Anleger.

Besonders interessant ist Biltons Umgang mit geopolitischen Risiken. Obwohl Konflikte wie der Ukrainekrieg oder die Spannungen im Nahen Osten die Schlagzeilen dominieren, seien deren langfristige Auswirkungen auf diversifizierte Portfolios oft überraschend gering. Anleger, die kurz vor geopolitischen Schocks investiert geblieben seien, hätten laut der Studie nach drei Jahren in allen untersuchten Fällen höhere Renditen erzielt als mit Barmitteln.

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Hohe Bewertungen sind kein Timing-Indikator

Auch hohe Bewertungen seien kein verlässlicher Grund für den Ausstieg aus dem Markt. Zwar würden ambitionierte Kurs-Gewinn-Verhältnisse die langfristigen Renditeerwartungen belasten. Sie eigneten sich jedoch kaum als Timing-Indikator. Genau hier sieht Bilton einen der häufigsten Denkfehler vieler Anleger.

Die Analyse enthält allerdings auch eine Botschaft, die nicht jedem gefallen dürfte: Wer dauerhaft hohe Cashquoten hält, bezahlt dafür einen erheblichen Preis. Laut der Studie liegen Privatanleger durchschnittlich mit rund einem Viertel ihres Vermögens in Barmitteln. Dadurch gingen langfristig teils mehrere Prozentpunkte Rendite verloren.

Interessant ist dabei, dass Bilton trotz hoher Bewertungen keineswegs blind optimistisch wirkt. Er erkennt ausdrücklich an, dass sich der Konjunkturzyklus in einem späten Stadium befindet und die Märkte teuer erscheinen. Dennoch hält er wenig davon, daraus pauschal den Rückzug aus Risikoanlagen abzuleiten. Stattdessen plädiert er für Diversifikation und disziplinierte Vermögensallokation.

Die Studie ist damit auch ein Gegenentwurf zur heutigen Aufmerksamkeitsökonomie der Finanzmärkte. Während soziale Medien und Nachrichtenticker Anleger permanent zu Reaktionen verleiten, erinnert Bilton an eine alte Börsenweisheit: Nicht Aktivität schafft Rendite, sondern Geduld.

Dass diese Botschaft ausgerechnet in einer Zeit kommt, in der geopolitische Risiken, KI-Euphorie und hohe Bewertungen die Märkte dominieren, macht sie besonders relevant. Denn Biltons eigentliche These lautet: Langfristiger Anlageerfolg entsteht weniger durch die perfekte Prognose als durch die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten. (jk)

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