
Beständige Qualitätsaktien rücken derzeit in den Schatten der Künstlichen Intelligenz.
12.08.2026 | 05:30 Uhr
Zwar verlieren defensive Aktien nicht an genereller Relevanz, doch sie müssen gerade stark um die Aufmerksamkeit der Anleger buhlen, sagt Kent Hargis, Chief Investment Officer—Strategic Core Equities und Portfolio Manager—Global Climate Transition Strategy bei AllianceBernstein. Investoren werden von dem Versprechen KI-getriebener Produktivitätssteigerungen angelockt. Ob die traditionelle Definition von Qualität unter den aktuellen Bedingungen überarbeitet werden muss und was Anleger bei der Anpassung ihres Portfolios beachten sollten, erklärt der Experte in seinem Marktkommentar.
Qualitätsorientiertes Investieren basiert schon immer auf einer einfachen Idee: Aktien von Unternehmen mit widerstandsfähigen Geschäftsmodellen und vorhersehbaren Gewinnverläufen entwickeln sich im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Marktumfeldern tendenziell gut – sofern sie zum richtigen Preis erworben werden. Solche Aktien waren oft ein wesentlicher Bestandteil langfristiger, defensiver Aktienstrategien, die der Marktvolatilität widerstehen sollen. Der heutige Markt stellt diese Prämisse jedoch auf die Probe. Künstliche Intelligenz (KI) befeuert einen der größten Investitionsbooms der jüngeren Vergangenheit und defensive Qualitätsaktien entwickeln sich derzeit unterdurchschnittlich. Das bedeutet aber nicht, dass Qualität ihre Relevanz verloren hat. Die aktuellen Bedingungen könnten allerdings eine Überarbeitung traditioneller Definitionen von Qualität erfordern.
KI hat die Sichtweise des Marktes auf Qualität verändert
Qualitätsaktien sind Unternehmen, die dauerhaft Renditen erzielen können und
die über ihren Kapitalkosten liegen. Herausragende, qualitativ hochwertige
Geschäftsmodelle finden sich in vielen Branchen bei profitablen Unternehmen,
die ihr Kapital effektiv einsetzen. Dadurch können sie stabiles Wachstum und
nachhaltige Gewinne erzielen. In den vergangenen Jahren wurde der
Begriff „Qualität“ zunehmend mit „Asset-Light“-Geschäftsmodellen in Verbindung
gebracht. Also mit Unternehmen mit geringer Kapitalintensität in technologie-
und dienstleistungsorientierten Branchen. Da sind beispielsweise
Zahlungsdienstleister, Telemedizin-Anbieter und Cloud-Computing-Unternehmen,
die im Hintergrund agieren – nicht glamourös, aber beständig. Gut geführte
„Asset-Light“-Unternehmen haben ihre Fähigkeit, Umsatz zu generieren, nicht
verloren. Sie können ihre Gewinne wie gewohnt steigern. Doch im heutigen, von
KI geprägten Umfeld, haben sie etwas von ihrer Marktattraktivität eingebüßt.
Anleger haben stattdessen die Bewertungen von Hyperskalierern, Chipherstellern und anlagenschweren Unternehmen, die Rechenzentren und Stromnetze bauen, in die Höhe getrieben. Kapitalintensive Unternehmen werden normalerweise nicht mit Qualität in Verbindung gebracht. Doch die starke Fokussierung des Marktes auf KI hat zu einer Diskrepanz zwischen kurzfristiger Kursführerschaft und langfristigen Qualitätsmerkmalen geführt. Deshalb haben Qualitätsaktien eine unterdurchschnittliche Performance gezeigt, während spekulative Wachstumsunternehmen eine überdurchschnittliche Performance erzielt haben. Zyklische Abwärtsbewegungen sind nicht ungewöhnlich. Und historisch gesehen hat sich die Qualität nach Marktverwerfungen auch wieder erholt. Wie lange das angesichts des Ausmaßes des KI-Ausbaus dauern wird, bleibt allerdings abzuwarten.
KI-Wachstum wird langsamer, trotzt Investitionen
Anleger stehen jetzt vor der Herausforderung, einen zyklischen Aufschwung von
dauerhaften strukturellen Veränderungen zu unterscheiden. Der derzeitige Markt
bevorzugt zunehmend unsichere Wachstumschancen, die angetrieben werden vom
Versprechen KI-getriebener Produktivitätssteigerungen. Und weniger die
Wachstumschancen mit historischer Beständigkeit. Aber selbst wenn mehr in KI
investiert wird, wird ihr Wachstum irgendwann langsamer. Wenn das eintritt,
wird der Fokus weniger auf den Ausgaben der Hyperskalierern und mehr auf der
Nachhaltigkeit der Gewinne liegen. Schließlich können KI-getriebene
Investitionsausgaben zwar die Grundlage für zukünftiges Gewinnwachstum
schaffen, aber auch den freien Cashflow schmälern und das
Rentabilitätspotenzial schwächen.
Wie Unternehmen mit diesen Veränderungen umgehen, entscheidet darüber, ob sie das Potenzial der KI nutzen können, um Anlegern Rendite zu bringen. Im Laufe der Zeit ist auch zu erwarten, dass Anleger den Bewertungen mehr Aufmerksamkeit schenken. Das wachsende Vertrauen in KI hat dazu geführt, dass die Märkte bereits einen reibungslosen und profitablen Ausbau einpreisen. Dadurch gibt es nur noch wenig Spielraum für Fehler. Das gilt insbesondere für ausgewählte Technologie- und Industrieunternehmen, die in der Produktion von Speicherchips und -medien tätig sind. Selbst fundamental attraktive Hyperskalierer müssen erst noch beweisen, dass sie die enormen Investitionen in die KI-Infrastruktur monetarisieren können.
Das Portfolio anpassen, nicht die Philosophie
Weil sich der Begriff "Qualität" verändert, sollte es möglich sein,
mehr Chancen mit einem defensiven Aktienportfolio zu erreichen. Dabei müssen
aber nicht die Grundprinzipien geändert werden. Das bedeutet, dass sich Anleger
weiterhin an soliden Unternehmensgrundlagen orientieren sollten und
gleichzeitig damit rechnen müssen, dass Qualitätswerte möglicherweise in andere
Sektoren und Branchen abwandern. Derzeit scheint sich der Fokus bei der
Qualität auf kapitalintensive Geschäftsmodelle zu verlagern. Das bedeutet
jedoch nicht, dass die traditionellen Kennzeichen von Qualität verschwinden.
Aktive Fondsmanager müssen ermitteln, welche anlagestarken Unternehmen vom
zyklischen Aufschwung profitieren und welche besser positioniert sind, um
langfristig von KI-Investitionen zu profitieren. Ebenso kann das Verständnis
dafür, welche Qualitätsunternehmen am aktuellen Markt überverkauft sind,
Auswirkungen auf künftige Renditen haben.
Es ist beunruhigend, dass immer mehr Firmen die Marktführerschaft übernehmen, die man nicht kennt. Aber Qualitätsunternehmen werden weiterhin viel Geld verdienen und sind immer noch eine lohnende Investition. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der KI sind real und der dadurch ausgelöste Investitionszyklus wird die Aktienmärkte noch einige Zeit umgestalten. Doch kein Investitionszyklus verläuft ewig geradlinig. Da die Erwartungen steigen und die durch KI getriebenen Bewertungen zunehmen, müssen Anleger möglicherweise selektiver vorgehen und diejenigen Unternehmen auswählen, die enorme Investitionen in die KI-Infrastruktur in nachhaltige Gewinne umwandeln können. Das Ziel „Qualität” ist für Aktienanleger nicht verschwunden, doch sein Umfang könnte sich in einem Markt verändern, der zunehmend von einmaligen, generationenübergreifenden strukturellen Verschiebungen geprägt ist. Wenn Anleger Geduld haben, diszipliniert sind und sich mit den realen Herausforderungen auseinandersetzen, werden sie am Ende dafür belohnt.
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