
Künstliche Intelligenz treibt die Aktienmärkte an. Doch je mehr Branchen vom KI-Boom erfasst werden, desto schwieriger wird es, Risiken wirksam zu streuen.
20.10.2026 | 12:03 Uhr
Gleichzeitig setzen steigende Zinsen die Bewertungen unter Druck und rücken die tatsächliche Ertragskraft von Unternehmen in den Mittelpunkt. Nelson Yu, Senior Vice President, Head of Equities bei AllianceBernstein, erläutert, warum Substanzwerte, ausgewählte europäische Aktien und Unternehmen mit robusten Cashflows für Anleger an Bedeutung gewinnen.
Die globalen Aktienmärkte haben im dritten Quartal 2026 weiter zugelegt. Der MSCI All Country World Index (ACWI) stieg um 1,6 Prozent, getragen von japanischen Aktien und US-Standardwerten (Grafik 1). Gleichzeitig gerieten chinesische Aktien unter Druck. Hinter der positiven Gesamtentwicklung zeichnet sich eine Verschiebung ab: Der Einfluss künstlicher Intelligenz reicht inzwischen weit über den Technologiesektor hinaus und verändert die Beziehungen zwischen Branchen und Regionen.
Zugleich verschärft das höhere Zinsniveau die Anforderungen an Aktieninvestments. Hartnäckige Inflation und eine erneute geldpolitische Straffung ließen die Anleiherenditen steigen. Damit wächst der Druck auf Bewertungen und künftige Gewinne. Anleger müssen genauer unterscheiden, welche Unternehmen ihre Wachstumserwartungen durch nachhaltige Erträge und belastbare Cashflows untermauern können.
Substanz schlägt Wachstum
Im dritten Quartal weiteten sich die Kursgewinne über die großen Technologiewerte hinaus aus. Substanzaktien entwickelten sich besser als Wachstumswerte: Der MSCI ACWI Value Index legte um 3,8 Prozent zu und gewann seit Jahresbeginn 16,1 Prozent. Besonders kräftig entwickelten sich Energieaktien, unterstützt durch die globale Nachfrage und Angebotsengpässe im Nahen Osten. Auch Gesundheitswerte und Grundstoffunternehmen verzeichneten Zugewinne.
Die Erholung der Substanzwerte wird von mehreren Faktoren getragen: Energieinvestitionen, höhere Verteidigungsausgaben und die Modernisierung industrieller Anlagen schaffen zusätzliche Impulse. Zugleich könnten steigende Zinsen diesen Anlagestil begünstigen, weil Unternehmen mit gegenwärtigen Cashflows weniger stark von weit in der Zukunft erwarteten Gewinnen abhängig sind.
Breit gestreut, doch einseitig investiert
Die Schwankungen im Technologiesektor erreichten im dritten Quartal ein Niveau, das zuletzt während des Dotcom-Crashs Anfang der 2000er-Jahre zu beobachten war (Grafik 2). Besonders bei Halbleiteraktien zeigten sich erhebliche Ausschläge. Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor ist, ob sich die hohen Investitionen der großen Technologie- und Cloudkonzerne in entsprechend hohe Gewinne übersetzen werden. Die Turbulenzen müssen daher nicht zwangsläufig eine Verschlechterung der technologischen Fundamentaldaten signalisieren.
Gleichzeitig erfasst KI immer mehr Branchen – von Halbleitern und Rechenzentren über Energie und Maschinenbau bis hin zur Bauwirtschaft. Während einige Unternehmen von der Technologie profitieren, geraten andere unter Druck, weil ihre bisherigen Wettbewerbsvorteile gefährdet sind. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, welche Unternehmen von KI profitieren, sondern auch, welche Geschäftsmodelle durch sie unter Druck geraten.
Unsere Analysen zeigen, dass das KI-bezogene Aktienuniversum seit Ende 2023 deutlich gewachsen ist. Die entsprechenden Titel weisen inzwischen eine mehr als doppelt so hohe Volatilität wie der Gesamtmarkt auf, gemessen an einem Beta von über zwei. Wer verschiedene Branchen ins Portfolio aufnimmt, ist damit nicht automatisch ausreichend diversifiziert: Unternehmen können trotz unterschiedlicher Geschäftsmodelle von denselben Investitionsströmen und Markterwartungen abhängen.
Europas Börsen spielen ihre eigenen Trümpfe
Eine regionale Diversifizierung kann helfen, die Abhängigkeit vom dominierenden KI-Anlagethema zu reduzieren. Während US-Aktien und asiatische Schwellenmärkte in unseren Analysen eine vergleichsweise hohe Korrelation zu KI-Titeln aufweisen, korrelieren europäische und japanische Aktien sowie andere Teile der Schwellenmärkte weniger stark mit diesem Trend (Grafik 3).
Europäische Industrie- und Finanzwerte bieten Anlegern Wachstumsperspektiven jenseits des KI-Booms. Auch das Gesundheitswesen kann von KI profitieren, ohne stark mit dem KI-Aktienmarkt zu korrelieren. Weitere Diversifizierungschancen bieten Energie- und Chemieunternehmen. Entscheidend ist dabei die Zusammensetzung des jeweiligen Marktes. Südkorea wird beispielsweise stark von Halbleiter- und Speicherchipunternehmen geprägt. Andere Schwellenländer bieten dagegen Anlagechancen jenseits des Technologiesektors.
Auch kleinere Unternehmen können von KI profitieren, ohne in gleichem Maße von den hohen Infrastrukturinvestitionen der großen Technologiekonzerne abhängig zu sein. Während Hyperscalierer erhebliche Mittel in KI investieren, können ausgewählte Nebenwerte die Technologie nutzen, um ihre Produktivität zu steigern und freie Cashflows zu erwirtschaften.
Cashflow statt Zukunftsversprechen
Das gestiegene Zinsniveau verschärft den Bewertungsdruck zusätzlich. Zum Ende des dritten Quartals lag die durchschnittliche Rendite globaler Staatsanleihen laut Bloomberg bei nahezu vier Prozent – dem höchsten Stand seit 2007. Höhere Abzinsungssätze verringern den heutigen Wert künftiger Gewinne und treffen insbesondere Unternehmen, deren Bewertungen stark auf langfristigen Wachstumserwartungen beruhen.
Im Vorteil sind Unternehmen, die bereits heute verlässlich freie Cashflows erwirtschaften. Sie können Investitionen finanzieren, Kapital an Aktionäre zurückführen und wirtschaftliche Schwächephasen besser überstehen. Robuste Bilanzen, wiederkehrende Einnahmen und nachhaltige Wettbewerbsvorteile gewinnen damit an Gewicht.
Solche Qualitätsunternehmen finden sich auch außerhalb der klassischen KI-Gewinner. Das Gesundheitswesen korreliert traditionell nur in geringem Maße mit dem KI-Aktiensegment, kann zugleich aber von der zunehmenden Integration künstlicher Intelligenz profitieren. Auch Energie- und Chemieunternehmen sowie ausgewählte Finanz- und Industriewerte bieten Diversifizierungspotenzial.
Qualität statt einseitiger KI-Wetten
Für Anleger kommt es darauf an, Unternehmen mit nachhaltigem Gewinnpotenzial zu identifizieren und unterschiedliche Ertragstreiber miteinander zu kombinieren. KI bleibt ein wichtiger Wachstumstreiber. Doch eine breite Streuung erfordert mehr als Investitionen in unterschiedliche Branchen: Entscheidend ist, ob sich deren Erträge tatsächlich aus unterschiedlichen wirtschaftlichen Faktoren speisen.
Gerade bei steigenden Zinsen und einem wachsenden KI-Einfluss werden deshalb Unternehmensqualität, Bewertung und belastbare Cashflows zu zentralen Kriterien der Aktienauswahl.
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