
Megacaps aus den USA bleiben hinter dem Markt zurück, warum die „Old Economy“ jetzt mit einer Outperformance durchstarten könnte.
13.05.2026 | 09:00 Uhr
Erschütterte Energiemärkte, hohe Inflationsängste, geopolitische Auswirkungen: In diesem Umfeld zeigen sich Value-Aktien und Aktien mit minimaler Volatilität trotzdem widerstandsfähig – insbesondere außerhalb der USA, analysiert Nelson Yu, Head – Equities bei AllianceBernstein. Wie sich der Nahost-Konflikt weiterhin auf die Aktienmärkte auswirken wird, aus welchen Gründen die Energieschocks ein Risiko für Aktien darstellen und warum Sektoren der „Old Economy“ jetzt genau das Richtige für Anleger sein können, erklärt der Experte in seinem Marktkommentar.
Die weltweiten Aktienmärkte gaben im ersten Quartal nach. Eine Ursache dafür war der Krieg im Iran. Er erschütterte die Energiemärkte, schürte die Inflationsängste und verschlechterte die Aussichten für das Wirtschaftswachstum. Zusätzlich zu den geopolitischen Risiken bereitete den Anlegern die Konzentration an den Aktienmärkten auf die großen amerikanischen Tech-Titel Sorgen. Befürchtet wurde eine zunehmend disruptive Wirkung der Künstlichen Intelligenz auf diese Megacaps-Unternehmen.
Als die amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran zu einem regionalen Krieg eskalierten, sperrte Iran die Straße von Hormus – eine Meerenge, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird – und startete Gegenangriffe auf die arabischen Golfstaaten und Israel. Das weckte Befürchtungen hinsichtlich eines langwierigen Konflikts im Nahen Osten, der komplexe Risiken für die Weltwirtschaft mit sich bringen könnte.
Zum Quartalsende lag der MSCI ACWI Index in US-Dollar um 3,2 Prozent im Minus. Alle wichtigen Märkte gaben nach Kriegsbeginn nach. Die Schwellenländer und Japan verzeichneten im März die stärksten Einbußen, schlossen das Quartal jedoch aufgrund ihrer besseren Performance zu Jahresbeginn vor dem globalen Markt ab. Während Qualitätsaktien sich mit dem Gesamtmarkt entwickelten, blieben Wachstumsaktien hinter dem Markt zurück. Value-Aktien und Aktien mit geringer Volatilität zeigten sich relativ widerstandsfähig, insbesondere in Märkten außerhalb der USA (siehe Grafik 1). Das Schlusslicht bildeten Sektoren zyklischer Konsumgüter und Technologie, zu denen auch die US-Megacaps gehören.

Die Marktvolatilität stieg mit der Eskalation des Krieges sprunghaft an. Der CBOE Volatility Index (VIX), ein Barometer für die Volatilität am US-Aktienmarkt, erreichte jedoch nicht die Höchststände des Vorjahres, als Präsident Donald Trump umfassende Zölle ankündigte (siehe Grafik 2). Sollten die Schlagzeilen aber wieder von Zerstörungen in der Region, steigenden Zahlen der Todesopfer und der Gefahr eines militärischen Sumpfes für die USA berichten, ist damit zu rechnen, dass die Volatilität auf einem hohen Niveau bleibt.

Zum Quartalsende notierte Brent-Rohöl bei 103,9 US-Dollar pro Barrel, ein Anstieg von 69 Prozent im Jahresvergleich. Währenddessen hatten sich die Benzinpreise in einigen Ländern fast verdoppelt. Anhaltende Steigerungen der Energiekosten könnten die Inflation weltweit in die Höhe treiben und die Aussichten für eine Lockerung der Zinssätze verschlechtern, gerade in einer Zeit, in der die Märkte sich dies von der Geldpolitik wünschen. Das könnte wiederum das Wirtschaftswachstum bremsen und zu Stagflation führen. Sollte es keine geldpolitische Lockerung geben, könnten Aktien weiter unter Druck geraten.
Die Dauer des Krieges ist entscheidend. Die makroökonomischen, mikroökonomischen und marktbezogenen Auswirkungen unterscheiden sich dramatisch, je nachdem, ob der Krieg schnell endet oder sich über Monate oder länger hinzieht. Der Waffenstillstand zwischen den USA und Iran ist fragil. Das verdeutlicht, wie schnell sich geopolitische Bedingungen ändern können. Die Unsicherheit in Bezug auf die Energiemärkte und die Risikobewertung bleibt bestehen. Anleger müssen sich auf ein breiteres Spektrum möglicher Ergebnisse einstellen als vor dem Krieg. Dabei muss bedacht werden, dass eine Lösung des Konflikts zu einer raschen Erholung an den Aktienmärkten führen könnte.
Der Nahe Osten steht zwar gerade im Fokus der Anleger, doch die Aktienmärkte durchlaufen nach wie vor eine umfassendere Neuausrichtung. Im Laufe des Quartals zeigten sich in den Sektortrends Anzeichen einer Ausweitung des US-Marktes. KI-getriebene Megacaps blieben hinter dem Markt zurück, während Sektoren der „Old Economy“ wie Energie, Rohstoffe und Versorger eine Outperformance erzielten. Deshalb sank das Gewicht der zehn größten Aktien im S&P 500 von einem Höchststand von 42 Prozent im September des Vorjahres auf unter 38 Prozent zum Quartalsende (siehe Grafik 3).

Die Schwäche des Technologiesektors erstreckte sich sogar bis auf die größten Namen. Insbesondere die Aktien von Softwareunternehmen fielen stark, da befürchtet wurde, dass KI die Geschäftsmodelle der gesamten Branche auf den Kopf stellen könnte. Immer leistungsfähigere KI-Agenten führten dazu, dass Anleger Softwareunternehmen aller Art und Größe skeptisch betrachteten – ein grundlegender Wandel für eine Branche, die jahrelang von einer positiven Stimmung profitiert hatte.
Sinkende Kurse von Softwareaktien waren nicht der einzige Ausdruck der Sorge in Bezug auf KI. Auf den privaten Kreditmärkten sorgen einzelne Spannungen bei kreditnehmenden Unternehmen mit hohem Softwareanteil und technologischer Ausrichtung dafür, dass Anleger eine höhere Ausfallquote befürchten, wie sie in diesen Märkten bislang nicht beobachtet wurde.
Hyperscaler hingegen, die die privaten Kreditmärkte in Anspruch nehmen, verfügen über starke Bilanzen, solide Netto-Liquidität und die Möglichkeit, bei Bedarf die Aktienmärkte – oder ihre eigenen Barreserven – zu nutzen. Das bedeutet, dass sie besser aufgestellt sind, um KI-bedingte Volatilität abzufedern. Auch daher haben sich private Kredite für die Hyperscaler, die KI-Infrastruktur aufbauen, zu einer wichtigen Kapitalquelle entwickelt.
Eine gezielte Diversifizierung der Allokationen ist unter unsicheren Bedingungen besonders wichtig. Das bedeutet, in einem breiteren Spektrum von Regionen und Anlagestilen nach Quellen der Widerstandsfähigkeit zu suchen. Zudem kann aktives Management Geschäftsmodelle einem Stresstest unterziehen. Das ist relevant, um Aktien zu identifizieren, die am anfälligsten für sich schnell ändernde makroökonomische Bedingungen und den Entwicklungsverlauf der KI sind, während gleichzeitig Risikomanagement-Instrumente eingesetzt werden, um die Allokationen vor Markteinbrüchen zu schützen.
Defensive Aktien verdienen besondere Beachtung, da sie in der Vergangenheit in Zeiten von Volatilität und Inflation einen sicheren Hafen geboten haben. Die stabilen Gewinne und wiederkehrenden Ertragsströme defensiver Aktien werden eine entscheidende Renditequelle darstellen und wahrscheinlich ihre traditionelle Rolle in einer Anlage spielen, sofern sich der Nahostkonflikt hinziehen sollte. Gleichzeitig stechen Value-Aktien hervor, da Inflation und KI-bedingte Umbrüche die Unsicherheit erhöhen. Viele Value-Unternehmen stützen sich auf Sachwerte und Cashflows mit kürzerer Laufzeit, die eine unmittelbarere und zuverlässigere Ertragsvisibilität bieten, wenn Annahmen über langfristiges Wachstum in Frage gestellt werden.
Sollten sich die Spannungen im Nahen Osten auflösen, könnten Anleger das Potenzial einer Markterholung verpassen, wenn sie sich aus dem Markt zurückgezogen haben. Es ist entscheidend, auch in unsicheren Zeiten investiert zu bleiben – selbst wenn die Nachrichtenlage und die Marktvolatilität beunruhigend sind. Langfristig zeigt die Geschichte, dass Kriege in der Regel keine dauerhaften Auswirkungen auf die Märkte haben. Nach acht größeren Konflikten in den vergangenen fünf Jahrzehnten zeigte sich der S&P 500 bemerkenswert widerstandsfähig – er stieg im Durchschnitt um 7 Prozent im Jahr nach Ausbruch des Konflikts.
In turbulenten Zeiten sollten Anleger klare Ziele und einen disziplinierten Ansatz verfolgen. Dieser sollte eine bewusste Diversifizierung der Renditequellen priorisieren, die aktive Suche nach Aktien, die Unsicherheiten überwinden können, beinhalten und erfolgreiche Geschäftsmodelle identifizieren. In den kommenden Monaten könnte die Fähigkeit, sich auf das zu konzentrieren, was für das langfristige Renditepotenzial von Aktien am wichtigsten ist, der beste Weg sein, um alles andere auszublenden.
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