Selektivität wird wieder zum entscheidenden Performancetreiber

Michel Saugné, CIO bei LFDE
Marktausblick

Dank des KI-Booms, der im Überfluss vorhandenen Liquidität und ihrer bemerkenswerten Fähigkeit, geopolitische Risiken zu absorbieren, setzte sich der Anstieg der Märkte im ersten Halbjahr fort.

10.07.2026 | 07:44 Uhr

Trotz des ausgesprochen unsicheren Umfelds. Aber während die Indizes fast ihre Allzeithochs erreichen, geraten die Gleichgewichte ins Wanken. Die Zeiten der einfachen Beta-Generierung und der einvernehmlichen Wetten auf den Aktienmarkt könnten enden und nach und nach einer anspruchsvolleren Phase weichen. Einer Phase, in der das Gewinnwachstum, die Bewertungen, die Aktienrenditen und die Beständigkeit der Fundamentaldaten wieder die eigentlichen Performancetreiber sind.

Für Anleger dürfte entscheidend sein, weiterhin an den strukturell stärksten Wachstumsthemen beteiligt zu bleiben, ohne dabei in jene übermäßigen Konzentrationen zu geraten, die typischerweise mit Phasen ausgeprägter Euphorie einhergehen. Umso wichtiger wird es, nachhaltiges Momentum von kurzfristigen Markthypes zu unterscheiden.

Europa bietet Potenzial für Umschichtungen

Sollte die begonnene geopolitische Entspannung anhalten, könnten sinkende Energiepreise und das schwindende Stagflationsrisiko den Weg für eine umfassendere Markterholung ebnen. Dann würde Europa, das lange unter seinem Wachstums- und Technologiedefizit gelitten hat, über erhebliches Aufwärtspotenzial verfügen.

In einem Marktumfeld, das sich zunehmend von der Dominanz weniger Schwergewichte löst und wieder stärker von Fundamentaldaten geprägt ist, könnte selektives Stock-Picking gegenüber einer rein themenbasierten Positionierung wieder an Gewicht gewinnen. Nach einer monatelangen Underperformance sind Anleger weiterhin untergewichtet und das Exposure an den europäischen Märkten liegt immer noch nahe historischer Tiefstände. Die Bewertungen haben sich mittlerweile normalisiert, die Übertreibungen wurden zum Großteil abgebaut und es ergeben sich neue Gelegenheiten, je mehr sich das makroökonomische Umfeld beruhigt.

Small Caps und Qualitätswerte rücken in den Fokus

Dies gilt insbesondere für Small Caps, die in den kommenden Monaten aufholen könnten, aber auch für Qualitätsunternehmen, deren Fundamentaldaten trotz jüngster Ungewissheiten weiterhin solide sind. Letztere werden wieder attraktiv, denn ihre relativen Bewertungen haben sich nach zwei schwierigen Jahren weitgehend normalisiert. Auch der Anstieg des US-Dollars gegenüber dem Euro könnte diesen sehr exportabhängigen Titeln Auftrieb verleihen.

Einige Titel aus dem Luxussektor profitieren bereits von ersten Anzeichen einer Nachfrageerholung. Außerdem trägt der Austausch der Kreativteams der Branchenriesen zur Wiederherstellung der Attraktivität der Marken und zu einem größeren Interesse der Anleger bei.

Der Bankensektor der Eurozone profitiert derzeit noch von einem günstigen Zinsumfeld, soliden Bilanzen und einem hohen Rentabilitätsniveau. Hinzu kommen erwartete Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz künstlicher Intelligenz, die Optimierung der Bankennetze, eine beginnende Konsolidierung sowie ausgesprochen attraktive Aktionärsrenditen.

Duration und Diversifizierung gewinnen an Bedeutung

Auch die Duration gerät wieder in den Blick - vor allem in Europa. Ein Umfeld sinkender Energiepreise könnte dabei helfen, die Inflationserwartungen zu senken und den Zentralbanken wieder mehr Spielraum zu geben.

Außerhalb Europas bieten sich mehrere Themen für zusätzliche Diversifizierung an. Aufgrund des rapiden Ausbaus der KI-Infrastrukturen besteht nach wie vor ein massiver Investitionsbedarf. Die kritischen Rohstoffe sind für die Energiewende sowie den technologischen und industriellen Wandel von strategischer Bedeutung.

Japan kehrt in globale Allokationen zurück

Die japanischen Aktienmärkte verdienen ebenfalls besondere Aufmerksamkeit. Die Auswirkungen der geldpolitischen Straffung durch die Bank of Japan scheinen in den Kursen inzwischen weitgehend eingepreist zu sein. Gleichzeitig bleiben die Fundamentaldaten der Unternehmen solide und die Governance-Reformen untermauern das Aufwärtspotenzial des japanischen Marktes. Angesichts der Rückkehr von Investitionen, einer besseren Kapitalverwendung, der Governance-Reformen sowie des wachsenden Interesses in- und ausländischer Anleger – kombiniert mit einem historisch schwachen Yen – gewinnt Japan nach und nach seinen gewohnten Stellenwert in globalen Allokationen zurück.

Mit zunehmender Performance-Streuung und einer breiteren Vielfalt an Anlagechancen wird Selektivität wieder zu einem entscheidenden Faktor für die Wertschöpfung. Mehr denn je kommt es darauf an, jene Unternehmen zu identifizieren, die Prognosesicherheit, Qualität, finanzielle Disziplin und nachhaltiges Wachstum vereinen. In einer Marktphase, die nicht länger von wenigen dominierenden Titeln getragen wird, entscheidet weniger die Indexzugehörigkeit als vielmehr die Fähigkeit, die richtigen Einzeltitel auszuwählen.

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