ODDO BHF: Berichtssaison - Von Schatten, Licht und Lichtblicken

ODDO BHF: Berichtssaison - Von Schatten, Licht und Lichtblicken

In konzertierten Aktionen hatten Privatanleger Aktien gekauft, in denen Hedgefonds hohe Short-Positionen aufgebaut hatten. Die Finanzmärkte erlebten nach Berechnungen der Investmentbank Goldman Sachs in den letzten drei Monaten den größten „Short Squeeze“ seit 25 Jahren.

08.02.2021 | 09:05 Uhr

Hedgefonds mussten ihre Leerverkäufe aufgrund der steigenden Kurse schließen und trieben damit die Kurse der meist wenig liquiden Aktien noch weiter in die Höhe. Hedgefonds und andere Leerverkäufer erlitten infolge des Short Squeezes nach ersten Schätzungen Verluste von über 70 Mrd. US$. Wir haben diese Vorgänge bereits am vergangenen Montag im Rahmen eines Sonderbeitrags „Short Squeeze GameStop“ diskutiert.

Wir hatten darauf hingewiesen, dass man keine Kristallkugel braucht, um vorherzusehen, dass die enormen Kurssteigerungen in der Aktie GameStop in Höhe von 1625 % im Januar 2021 nur kurzfristiger Natur sein werden, da sich die Bewertung von den Fundamentaldaten entkoppelt hat.

Und in der Tat ist die Aktie des Einzelhändlers für Videospiele vom Höchststand (Intraday) bei 468 US$ auf aktuell 53,50 US$ gefallen – was allerdings noch immer mehr als das Dreifache des durchschnittlichen Niveaus von Dezember ist.

Der S&P 500 hat die Verluste der Vorwoche in den letzten Tagen weitgehend wettmachen können. Einen Beitrag dazu dürfte auch die Ergebnisse der Unternehmen geleistet haben. Die Berichtssaison ist in vollem Gang, und die Zahlen präsentieren sich bislang durchaus zufriedenstellend.

In den USA haben mittlerweile mehr als die Hälfte der Unternehmen des S&P 500 ihre Geschäftszahlen für das vierte Quartal 2020 vorgelegt, in Europa – traditionell etwas später dabei – haben bislang 89 der Stoxx Europe 600- Unternehmen ihre Ergebnisse veröffentlicht.

Schauen wir zunächst auf die USA. Nach Angaben von Factset (Stand: 29.01.2021) haben rund 82 % der Unternehmen des S&P 500, die ihre Zahlen bereits gemeldet haben, bei der Gewinnentwicklung positiv überrascht. Eine Mehrheit an positiven Überraschungen ist zwar normal (im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre lag der Anteil bei 74 %), doch 82 % wären immerhin der zweithöchste Anteil seit Beginn der Berechnungen durch Factset im Jahr 2008.

Im Dezember hatten die Analysten einen Gewinnrückgang von -9,3 % für das vierte Quartal 2020 erwartet. Der Gewinnrückgang ist mit -2,3% - auf Basis der Unternehmen, die bisher berichtet haben – deutlich niedriger als erwartet.

Die Spuren der Coronakrise sind jedoch keinesfalls beseitigt. Das wird in aller Schärfe sichtbar, wenn man auf die Streuung der Ergebnisse zwischen den Sektoren blickt. Deutlich hinter den Erwartungen zurück blieb der Bereich der Verbraucherdienstleistungen, für die Bloomberg eine Halbierung der Gewinne ausweist; hier schlagen insbesondere die Reise- und Tourismusbranche sowie Medienunternehmen negativ zu Buche.

Dabei wird das Ergebnis noch dadurch erheblich gemildert, dass sich der Einzelhandelssektor insgesamt vorteilhaft entwickelte und innerhalb des Einzelhandelssektor der Online-Gigant Amazon mit einem gewaltigen Anstieg der Quartalsumsätze um 44 % auf 125,6 Mrd. US$ und eines noch höheren Anstiegs der Gewinne auf 7,2 Mrd. US$ im vierten Quartal 2020 aufwartet. Nach wie vor sehr schwach stellt sich auch der Öl- und Gassektor dar; anstelle der soliden Gewinne des Vorjahres schreiben insbesondere die Öl- und Gasprozenten Milliardenverluste.

Auch die Gewinne des Industriesektor liegen noch leicht unter dem Vorjahresniveau und entwickeln sich damit deutlich unterdurchschnittlich; hier schlägt aber insbesondere der in seiner Höhe gänzlich unerwartete Verlust des Flugzeugherstellers Boeing zu Buche (80 % höher als im Vorjahresquartal).

Deutlich überdurchschnittlich entwickelten sich dagegen Bereiche wie der Grundstoffsektor, wo die Gewinne im Vorjahresvergleich um 35 % gesteigert werden konnten, sowie der Technologiesektor, der im vierten Quartal 2020 ein Gewinnplus von 23 % ausweist.

Dort spielen einmal mehr die großen Adressen wie Microsoft, Apple und Alphabet eine herausragende Rolle. Überdurchschnittliches Gewinnwachstum in der Größenordnung von 18 % zeigen aber auch die Unternehmen des Finanzsektors, die bisher berichtet haben. Adressen wie Goldman Sachs oder JP Morgan stechen im vierten Quartal 2020 besonders hervor.

Der Gesundheitssektor schließlich weist einen Gewinnanstieg um immerhin 14 % aus, wobei insbesondere die Bereiche Medizinbedarf und -ausrüstungen positiv auffallen. Hier sind beispielsweise Unternehmen wie Becton Dickinson oder Thermo Fisher hervorzuheben, die im Berichtsquartal Gewinnsteigerungen (pro Aktie) von 72 bzw. 100 % gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal ausweisen.

In Europa hat bisher rund ein Viertel der Unternehmen des Stoxx Europe seine Ergebnisse vorgelegt, die Zahlen sind daher weit weniger repräsentativ. In der Gesamtsicht sind die Berichte eher ernüchternd, nur 58 % der berichtenden Unternehmen konnten laut Bloomberg positiv überraschen, und die Gewinne liegen nach bisherigem Stand fast 13 % unter den Erwartungen der Analysten für das vierte Quartal.

Allerdings variieren die Ergebnisse auch hier sehr stark über die Sektoren und Unternehmen, mit teils sehr positiven Überraschungen bei Grundstoffen, im Industriesektor, im Finanzsektor und im Technologiebereich, aber herben Enttäuschungen im Energiesektor oder im Gesundheitssektor. Das Niveau der Gewinne bewegt sich noch immer 29 % unter dem Niveau des vierten Quartals 2019.

Derzeit können nur der Industriesektor (beispielsweise ABB, Siemens, Volvo, SKF) und der Technologiesektor im Berichtsquartal Gewinnsteigerungen in der Größenordnung von 12 % ausweisen. Speziell die robusten Ergebnisse des Industriesektors machen Hoffnung für 2021. Das Konsumgütersegment bewegt sich nur knapp unter der Nulllinie, für alle anderen Sektoren liegen die Ergebnisse des vierten Quartals noch immer tief unter den Vor-Corona-Ständen von Ende 2019.

Der Aufwärtstrend bei den Geschäftsergebnissen dürfte sich im neuen Jahr fortsetzen. Die Analysten haben begonnen, ihre Gewinnschätzungen für das erste Quartal 2021 zumindest für die US-Werte nach oben zu korrigieren, was in den ersten Wochen des Berichtszeitraums durchaus unüblich ist. Nach Berechnungen von Factset erwarten die Experten für den S&P 500 ein Gewinnwachstum von 19,6 %, im gesamten Kalenderjahr 2021 von knapp 24 %. In Europa, für den Stoxx Europe 600, erwarten die Analysten sogar einen Anstieg um 33 % für 2021.

Die hohe Dynamik ist vor allem der Erwartung geschuldet, dass sich die Ertragslage gerade in zyklischen Branchen wie Energie und Industrie, aber auch in Bereichen wie Touristik und Verkehr sowie auch im Finanzsektor im Laufe des Jahres deutlich erholen und die tiefe Delle in den Ergebnissen des Jahres 2020 überwunden wird.

Den vollständigen ODDO BHF-Marktausblick finden Sie hier im PDF-Format.



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