Metzler AM: Economic Research - Wochenausblick KW 22

Tokio

Dem japanischen Premierminister Abe ist es offenbar gelungen, mit seinem Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik das Vertrauen der Unternehmen in sein Land wiederherzustellen: Die Investitionen steigen schon seit langem. Das sei die Basis auch für künftig hohes Produktivitätswachstum – so Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management.

27.05.2019 | 11:01 Uhr

In Europa signalisiere das Wachstum der Geldmenge eine sich verbessernde Konjunktur. Die USA haben aufgrund ihrer guten Konjunktur wenig Anlass, den Handelskonflikt mit China zu deeskalieren.

Metzler: Blick nach Japan zeigt positive Perspektiven

In Japan ist es um die Abenomics ruhig geworden, nachdem der radikale Kurswechsel in der japanischen Wirtschaftspolitik nach der Wahl Shinzo Abes zum Premierminister Ende 2012 für große internationale Aufmerksamkeit sorgte. Immerhin hat der japanische Aktienmarkt seitdem, in Euro gerechnet, einen durchschnittlichen Wertzuwachs von etwa 9,9 % pro Jahr erreicht.

MSCI
MSCI

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: 17.5.2019

Die Basis dafür legten die Unternehmensgewinne, die seit Ende 2012 um durchschnittlich 9,3 % pro Jahr stiegen. Das hohe Gewinnwachstum wurde dadurch möglich, dass das Gewinnniveau 2012 extrem niedrig war, die japanische Volkswirtschaft in einen dynamischen Aufschwung eintrat und die Strukturreformen die Unternehmen zu einem merklich effizienteren Einsatz ihres Eigenkapitals zwangen.

Japan 1
Japan 1

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: April 2019

Der verstärkte Fokus japanischer Unternehmen auf ihre Aktionäre lässt sich auch an der Entwicklung der Dividendenrendite ablesen, die sich inzwischen über ihrem langfristigen Durchschnitt von 1,6 % etabliert hat und im April einen Wert von 2,4 % erreichte. Nach Schätzungen der Experten von Goldman Sachs könnten Aktienrückkäufe im Jahr 2019 für Anleger einen zusätzlichen Ertrag von etwa 1 %-Punkt bringen, wodurch sich Dividendenrendite und Effekte aus Aktienrückkäufen auf etwa 3,4 % summieren würden.

Japan 2
Japan 2

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: April 2019

Premierminister Shinzo Abe hat es mit seinem Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik, einer Kombination aus lockerer Geldpolitik, Steueranreizen und Strukturreformen auch geschafft, das Vertrauen der Unternehmen in den Wirtschaftsstandort Japan wiederherzustellen, sodass sie zum ersten Mal seit Beginn der Wirtschaftskrise 1990 die Investitionsausgaben über eine mehrjährige Periode hinweg stetig erhöht haben.

Japan 3
Japan 3

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: Q1 2019

Steigende Investitionen sind die Basis für zukünftig hohes Produktivitätswachstum und damit für steigenden Wohlstand. Sicherlich investieren japanische Unternehmen derzeit auch verstärkt in Roboter und künstliche Intelligenz, um ihr Produktionsniveau sogar bei fortschreitender Alterung der Gesellschaft aufrechterhalten zu können. Denn ein Beschäftigungswachstum von durchschnittlich etwa 1,2 % pro Jahr seit 2012 wird sich kaum fortsetzen lassen. Der hohe Beschäftigungsanstieg basierte auf weniger Arbeitslosen (Freitag), mehr Arbeitnehmern über 65 Jahre (von etwa 600.000 im Jahr 2012 auf knapp 900.000 im Jahr 2019) sowie einem doppelt so hohen Zuzug ausländischer Arbeitskräfte (von etwa 600.000 im Jahr 2012 auf mehr als 1,2 Mio. im Jahr 2017).

Experten erwarten, dass die Zahl der über 65-Jährigen und der ausländischen Arbeitskräfte jeweils weiter steigen und somit ein anhaltendes Beschäftigungswachstum ermöglichen wird. Gleichzeitig beschleunigte sich der Lohnanstieg in den vergangenen Jahren moderat, sodass die Kombination aus steigenden Löhnen und zunehmender Beschäftigung steigende Einkommen und damit zunehmende Konsummöglichkeiten bedeuteten.

Das Wachstum der Konsumausgaben sorgte bisher nur für einen geringfügigen Anstieg der Inflation. Immerhin liegt die Kerninflation im Großraum Tokio (Freitag) derzeit mit etwa 1,0 % über der Nulllinie. Allerdings dürften sicherlich noch einige Jahre des Aufschwungs notwendig sein, bis sich die Inflation auf dem von der Bank of Japan anvisierten Niveau von etwa 2,0 % etabliert haben wird.

Grundsätzlich sind die Perspektiven für die japanische Wirtschaft somit positiv. Überlagert wird dies derzeit jedoch durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China, der für hohe Unsicherheit und damit für Konjunkturrisiken sorgt. Gleichzeitig liegt die Bewertung des japanischen Aktienmarktes nach unseren Schätzungen im historischen Durchschnitt, und Dividendenrenditen sowie Aktienrückkäufe haben ein überdurchschnittlich hohes Niveau erreicht.  

Eurozone: Erste Anzeichen für eine Rückkehr der Phillips-Kurve

Das Wachstum der Geldmenge M1 (Dienstag) hat sich zuletzt merklich beschleunigt, was eine sich ab Sommer verbessernde Konjunkturdynamik in der Eurozone signalisiert. Ein solchermaßen anhaltender Trend im April wäre daher ein wichtiges Signal, das auch für einen weiteren Rückgang der Arbeitslosenquote sprechen würde. Interessanterweise scheint es wieder einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Lohnentwicklung in der Eurozone zu geben. So hat es nach der Finanzmarkkrise 2008 und der Staatsschuldenkrise 2012 anscheinend einfach länger als üblich gedauert, bis die Löhne auf das verbesserte fundamentale Umfeld am Arbeitsmarkt reagiert haben.

Eurozone
Eurozone

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: 31.3.2019

Unsicherheitsfaktoren für die europäische Wirtschaft sind der Handelskonflikt, der weitere Fortgang beim Brexit, der Ausgang der Europawahl, die Haushaltslage in Italien sowie die Rezession in der Türkei. Wie sich die zahlreichen Risikofaktoren bereits auf die europäische Wirtschaft ausgewirkt haben, dürfte der Geschäftsklimaindex des EU-Kommission (Dienstag) zeigen. Natürlich können jederzeit exogene Ereignisse stärker wirken als die positiven Signale der Geldmenge M1.  

USA kontra China

Die Konjunkturdaten in den USA signalisierten zuletzt ein stabiles Konjunkturumfeld. So dürften das Konsumentenvertrauen (Dienstag) und die Konsumausgaben (Freitag) leicht gestiegen sein. Donald Trump steht somit unter keinem innenpolitischen Druck, den Handelskonflikt mit China bald zu deeskalieren.

In China regt sich dagegen Widerstand gegen die US-amerikanischen Forderungen, und die politisch Verantwortlichen sehen zunehmend eine Parallele zu den „ungleichen Handelsverträgen“ mit Großbritannien im 19. Jahrhundert. Somit scheint ein Einlenken Chinas auf absehbare Zeit nicht wahrscheinlich. Die chinesische Regierung dürfte jedwede Wachstumsschwäche [Einkaufsmanagerindizes (Freitag)] mit neuen geldpolitischen und fiskalischen Stimuli bekämpfen.

Nur eine hohe Inflation oder eine hohe Abhängigkeit von ausländischen Krediten könnte die Fähigkeit der chinesischen Regierung beschränken, in der Steuerpolitik und mittels Staatsausgaben gegenzulenken. Die Inflation ist jedoch niedrig, und die Leistungsbilanz in China dürfte in diesem Jahr ausgeglichen sein – bei gleichzeitig hohem Auslandsvermögen. Ein Ende des Handelskonflikts ist somit nicht in Sicht.

Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind derzeit schwer abzuschätzen, sodass wir eine Anpassung unserer Prognosen von der Entwicklung der Geschäftsklimaindizes in den kommenden Monaten abhängig machen.

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