
Japan liegt im Trend. Die große Faszination für die japanische Kultur sowie der sehr niedrige Yen-Kurs veranlassten im Jahr 2025 fast 43 Millionen Touristen dazu, das Archipel zu bereisen.
01.07.2026 | 08:07 Uhr
Abgesehen von den chinesischen Besuchern lassen die ersten Zahlen für 2026 keinen Rückgang erkennen. Doch hinter diesem touristischen Boom verbirgt sich ein ebenso unauffälliger wie grundlegender wirtschaftlicher Wandel. Japan lässt nicht nur Jahrzehnte des schwachen Wachstums und der Deflationsgefahr hinter sich. Angesichts strategischer Herausforderungen durch den Bevölkerungsrückgang, die Energieabhängigkeit und den Wettlauf um die KI ist das Land dabei, sein Wirtschaftsmodell grundlegend umzustrukturieren.
Industriepolitik wird zum Motor des Wandels
Dies soll in erster Linie durch die von der Regierung unter Sanae Takaichi angekündigte neue Industriepolitik erreicht werden. Diese orientiert sich an 17 strategischen Sektoren, darunter KI, Verteidigung, Halbleiter, Quanteninformatik, kritische Werkstoffe und Cybersicherheit. Ziel der Regierung ist es, für jeden Sektor Roadmaps für öffentlich-private Investitionen zu erstellen, die mit mehrjährigen Haushaltszusagen verbunden sind. Dabei soll der Schwerpunkt auf sektorübergreifenden Synergien gelegt werden. Diese erhebliche Aufstockung der strategischen Investitionen könnte dazu beitragen, Rückstände in bestimmten Sektoren, wie beispielsweise bei Halbleitern, aufzuholen. Japan strebt in diesem Bereich mit dem vom Staat und mehreren großen nationalen Konzernen unterstützten Projekt „Rapidus“ Autonomie an. Japan wird aber auch seine Stärken weiter ausbauen können. Dies gilt insbesondere für den Bereich der physischen KI, also Robotik und intelligente Maschinen, in dem das Land dank seiner langjährigen Expertise in der Automatisierung über einen strukturellen Vorteil verfügt.
Physische KI soll Produktivität und Arbeitsmarkt entlasten
Diese Fokussierung auf die physische KI ist nicht nur eine industrielle Strategie, sondern auch ein Hebel für die Produktivität. Für Japan stellt sie auch eine gesellschaftliche Herausforderung dar. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungsrückgangs auf den japanischen Inseln wird physische KI eher zur Lösung des Arbeitskräftemangels als zur Ersetzung von Arbeitskräften. Diese Nuance verringert den gesellschaftlichen Widerstand erheblich und dürfte daher die Einführung beschleunigen - insbesondere in den Branchen, in denen der Arbeitskräftemangel am größten ist. Japan könnte somit zu einem Vorreiter beim großflächigen Einsatz dieser Technologie werden.
Energiesicherheit wird zur strategischen Priorität
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Transformation des japanischen Wirtschaftsmodells liegt im Energiebereich. Da Japan heute 90 % seines Energiebedarfs importiert, ist das Land besonders anfällig für geopolitische Schocks und Produktionsausfälle. Um dieses Problem zu beheben, stützt sich die japanische Strategie derzeit auf drei Säulen: Diversifizierung der fossilen Energieversorgung, Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke und Ausbau der erneuerbaren Energien. Die letzte dieser Herausforderungen – und im weiteren Sinne die Finanzierung der Energiewende – erfordert die Emission spezieller Anleihen, sogenannter „Transition Bonds“, insbesondere im Rahmen des Regierungsprogramms GX – Green Transformation. Dieses zielt darauf ab, bis 2030 öffentliche und private Investitionen in Höhe von rund 150 Billionen Yen (etwa 1 Billion US-Dollar) zu mobilisieren.
Kapitalmarktreformen stärken die Attraktivität japanischer Vermögenswerte
Was die Finanzmärkte betrifft, so profitiert Japan allmählich von der im Jahr 2023 eingeleiteten Reform der Tokyo Stock Exchange. Diese zielt darauf ab, die Kapitaleffizienz japanischer Unternehmen und deren Dialog mit den Aktionären zu verbessern. In Verbindung mit dem schwachen Yen hat diese Reform zu einem starken Anstieg der japanischen Marktkapitalisierung geführt, die sich seit Ende 2023 deutlich besser entwickelt als die amerikanischen und europäischen Märkte[1]. Die Gesamtheit der auf dem Archipel eingeleiteten strukturellen Veränderungen könnte die Attraktivität japanischer Vermögenswerte jedoch noch weiter steigern. Diese wurden lange Zeit vernachlässigt, nehmen heute aber wieder einen festen Platz in einem diversifizierten Portfolio ein.
[1] Topix-Index im Vergleich zum S&P 500-Index und zum EuroStoxx-Index; Wertentwicklung bei Wiederanlage der Dividenden, in Landeswährung, Stand: 25.06.2026
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