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Vom Paria zum Liebling der Märkte: Griechenlands erstaunliches Comeback

Tourismusmagnet Akropolis
Länderblickpunkt

Griechenland hat den Weg vom europäischen Sorgenkind zu einer der dynamischsten Investmentstorys des Kontinents geschafft. Welche Reformen hinter dem wirtschaftlichen Comeback stehen, warum das Land für Anleger wieder attraktiv geworden ist und wo trotz aller Fortschritte die Risiken lauern, zeigt der Auftakt unserer dreiteiligen Serie.

03.11.2026 | 12:05 Uhr von «David Gewalt»

Wer in diesen Sommermonaten am Athener Flughafen Eleftherios Venizelos eingetroffen ist, muss sich in einem quälend langsamen Tempo über den dunklen Laminatboden durch internationale Menschenmassen aus Amerikanern, Kanadiern, Europäern und Reisenden aus aller Welt in Richtung Taxistand schieben. Der Tourismus boomt spürbar und die Terminals platzen aus allen Nähten. Griechenland ist aber nicht nur bei bei Touristen heiß begehrt, sondern auch bei Investoren. 

Vom Krisenland zum Wachstumschampion Europas

Wer heute als Investor Rendite sucht, kommt an Hellas nicht mehr vorbei: Die griechischen Kapitalmärkte haben in den letzten fünf Jahren einen phänomenalen Siegeszug hingelegt. Der Leitindex ASE schoss von Ende 2020 bis Herbst 2026 um sagenhafte 229 Prozent nach oben – und ließ damit Schwergewichte wie den STOXX Europe 600 (ca. 60 Prozent) und den DAX (ca. 85 Prozent) weit abgeschlagen hinter sich.

Diese konjunkturelle Dynamik spiegelt sich auch in den Verschuldungskennzahlen wider: Künftig soll die Schuldenquote auf unter 100 Prozent des BIP fallen. Parallel sank die Rendite zehnjähriger griechischer Staatsanleihen von Spitzenwerten von über 40 Prozent im Jahr 2012 auf aktuell rund 4,3 Prozent. Damit liegt Griechenland inzwischen auf einem Renditeniveau, das mit anderen großen Staaten der Euro-Peripherie wie  Italien oder Spanien vergleichbar ist. Französische Staatsanleihen notieren sogar höher. Vor Ort spürt man dieses neue Selbstbewusstsein: Die Sorge vor dem „Grexit“, die jahrelang wie ein Schleier über dem Land lag, ist gewichen.

Diese Entwicklung honorieren auch die Ratingagenturen: Sie stufen griechische Staatsanleihen wieder im Investment-Grade-Bereich ein – von Baa3 bei Moody’s bis zu BBB bei Fitch. Damit hat Griechenland den Investment-Grade-Status zurückerobert. Bis zum Vorkrisenniveau eines A-Ratings liegen jedoch noch mehrere weitere Ratingstufen vor dem Land. Der traditionelle Konvergenztrade bietet heute deutlich weniger Potenzial als noch in den Jahren nach der Schuldenkrise, bei dem risikoaffine Anleger auf das Verengen der Spreads gegenüber deutschen Bundesanleihen setzten und von Kursgewinnen profitierten. Zugleich eröffnet sich die Chance, in einen für europäische Verhältnisse dynamisch wachsenden und berechenbaren Emittenten zu investieren.

Vom Krisenland zum Wachstumschampion Europas

Ein Blick auf den Athener Alltag verdeutlicht diesen Wandel: Selbst kurze Taxifahrten vom Syntagma-Platz werden mittlerweile bargeldlos abgewickelt. Wo früher das Kleingeld knapp war und Scheine ohne Quittung den Besitzer wechselten, zückt der Fahrer heute ganz selbstverständlich das Terminal. Durch digitale Maßnahmen wie die verpflichtende E-Rechnungsstellung und die Akzeptanzpflicht für Kartenzahlungen gelingt es dem Staat zusehends, die Schattenwirtschaft einzudämmen. Die Mehrwertsteuerlücke sank von 9,2 Milliarden Euro im Jahr 2011 auf 2,1 Milliarden Euro im Jahr 2024, was dem Fiskus jährliche Mehreinnahmen von rund sieben Milliarden Euro beschert. In Kombination mit strikter Ausgabendisziplin bildet dies einen wirksamen Hebel zum Abbau der Staatsverschuldung. Dies bestätigt auch Finanzminister Kyriakos Pierrakakis im Handelsblatt: „Wir setzen in der Euro-Gruppe auf eine antizyklische Politik: In guten Jahren müssen Staaten Schulden abbauen. Das schafft Spielraum für höhere Ausgaben in schwierigen Zeiten.“

EU-Milliarden als Turbo für den wirtschaftlichen Aufschwung

Wer die Hauptstadt Athen verlässt und die malerischen Küstenregionen des Landes ansteuert, passiert immer wieder Großbaustellen, an denen moderne Hinweistafeln auf das Programm „Greece 2.0“ aufmerksam machen. Zwischen antiken Ruinen und blauem Meer sieht man neue Bagger und frischen Asphalt. Dabei handelt es sich um Projekte, die aus dem nationalen Aufbau- und Resilienzplan (RRF) finanziert werden. Dieser umfasst insgesamt 18,2 Milliarden Euro an Zuschüssen sowie 17,73 Milliarden Euro an Krediten. Die Mittel fließen in zinsgünstige Unternehmenskredite, die Digitalisierung der Verwaltung und des Gesundheitswesens sowie in essenzielle Infrastrukturprojekte, etwa im Bereich der erneuerbaren Energien und des Transportwesens.

Griechenland ist auf bestem Wege, alle relevanten Etappenziele des RFF zu erreichen, und stellt die Weichen für die Phase ab 2027, wenn die EU-Fördergelder auslaufen. Das Land habe diese Phase genutzt, um den Arbeitsmarkt nachhaltig zu sanieren. Wie Yannis Stournaras, Gouverneur der griechischen Zentralbank (Bank of Greece), kürzlich betonte, könne der aktuelle wirtschaftliche Erfolg Griechenlands ganz Europa als Beispiel dienen, um sich angesichts internationaler Unsicherheiten als sicherer Hafen für Investitionen zu positionieren. Für das Jahr 2026 wird für Griechenland ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent prognostiziert – doppelt so stark wie der europäische Durchschnitt von voraussichtlich rund 0,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Fundament dieser Entwicklung bilden neben den historischen Schwergewichten Tourismus und Handelsschifffahrt aktuell vor allem die RRF-Mittel, deren konjunkturelle Treiberrolle in Zukunft zunehmend von ausländischen Direktinvestitionen übernommen werden soll, um die Dynamik eigenständig fortzuschreiben.

Eine zentrale Herausforderung bleibt es, diese Dynamik nach 2027 fortzuführen: Das derzeit stark von EU-Mitteln getriebene Investitionswachstum dürfte von prognostizierten 7,3 Prozent im Jahr 2026 auf etwa 1,3 Prozent zurückgehen. Zudem könnten im Vorfeld der Parlamentswahl 2027 kostenintensive Wahlversprechen den Konsolidierungskurs belasten. Gleichwohl hat Griechenland bewiesen, dass sich Reformanstrengungen auszahlen. Für internationale Investoren bietet sich die Möglichkeit, die entstehende Finanzierungslücke durch ausländische Direktinvestitionen zu schließen – abgesichert durch ein investorenfreundliches makroökonomisches Umfeld.

Die Austeritätspolitik der vergangenen Jahre hinterlässt jedoch Spuren im gesellschaftlichen Gefüge. Die Reallöhne zählen weiterhin zu den niedrigsten in Europa; die durchschnittliche Kaufkraft erreicht gerade einmal 68 Prozent des EU-Niveaus. Besonders drastisch offenbaren sich die Einsparungen im öffentlichen Gesundheitssystem: Wer in einer Notsituation mitternachts die Notaufnahme des Athener Evangelismos-Krankenhauses betreten muss, blickt in das ungeschminkte Antlitz der Sparjahre. Flure voll dicht an dicht gereihter Betten, bewachte Häftlinge zwischen akuten Notfällen und mittendrin ein aufopferungsvoll arbeitendes medizinisches Personal, das mit schwindenden Mitteln und schierer Hingabe versucht, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. 

Zwischen Reformdruck und Renditechancen

Um diese tiefgreifenden sozialen Verwerfungen abzufedern und die Wirtschaft langfristig auf ein höheres Leistungsniveau zu heben, mahnt das Forschungsinstitut IOBE dringende Strukturreformen zur Steigerung der Produktivität an. Diese Herausforderungen beschränken sich jedoch nicht nur auf nationale Reformanstrengungen, sondern berühren auch die europäische Ebene: Wie Finanzminister Pierrakakis im Gespräch mit dem Handelsblatt hervorhob, bestehen nach wie vor erhebliche Hürden im EU-Binnenmarkt, die eine volle Entfaltung des wirtschaftlichen Potentials hemmen: „Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in einer Studie analysiert, dass wir in Europa Handelsbarrieren haben, die mit Zöllen vergleichbar sind.“ Demnach entsprechen diese Barrieren einem Zoll von 110 Prozent auf Dienstleistungen zwischen den EU-Mitgliedstaaten und einem Zoll von 44 Prozent auf Industriegüter.

Auf den ersten Blick wirken diese Punkte wie Hiobsbotschaften. Doch nachdem Griechenland seinen Haushalt saniert hat und an die Kapitalmärkte zurückkehrt, bieten genau diese Bereiche durch ungenutztes Potenzial Chancen für Investoren. Die Reallöhne sind zwar niedrig, der Arbeitsmarkt ist jedoch nahezu leergefegt, was mittelfristig zu Lohnsteigerungen führen dürfte. Durch den Abbau von Handelsbarrieren innerhalb der EU sowie gezielte Kapitalmarktreformen befindet sich Griechenland im klassischen Aufholprozess einer Früheinsteiger-Phase („Early Cycle“) – mit der Aussicht auf überdurchschnittliches Wachstum im Vergleich zu den reiferen Volkswirtschaften Europas. Nikos Vettas, Generaldirektor des Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE, bringt diese Transformationschancen auf den Punkt: Griechenland verzeichne ein starkes Momentum bei ausländischen Direktinvestitionen; wer diese frühe Phase des Aufholprozesses nutze und das Kapital in die laufenden Strukturreformen lenke, könne langfristig hohe Erträge abschöpfen. Auf eine solche Dividende hoffen auch die Anleger.

In den kommenden zwei Teilen dieser Serie beleuchten wir, wie Anleger vom anhaltenden Comeback Griechenlands profitieren können. Kommende Woche lesen Sie an gleicher Stelle  über attraktive Aktien-, eine Woche später über lukrative Renteninvestments.

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