
KI-Investitionen stützen derzeit das Wachstum der US-Wirtschaft, doch langfristig muss daraus ein echter Produktivitätsschub entstehen.
06.07.2026 | 12:56 Uhr
Eric Winograd, Director—Developed Market Economic Research und Chefvolkswirt USA bei AllianceBernstein, sieht genau darin die entscheidende Bewährungsprobe für den KI-Boom: Wenn die Dynamik der Kapitalausgaben nachlässt, müssen Produktivitätsgewinne übernehmen – sonst könnten die Märkte ihre hohen Wachstums- und Zinserwartungen neu bewerten.
Der KI-Boom hat die US-Wirtschaft bereits spürbar gestützt. Massive Investitionen in Rechenzentren, Hardware, Software und digitale Infrastruktur treiben derzeit nicht nur die Kapitalausgaben großer Technologieunternehmen, sondern haben auch die Erwartungen an das langfristige Wachstum der USA steigen lassen. Doch für Anleger stellt sich zunehmend eine entscheidende Frage: Was passiert, wenn der Investitionsschub seinen Höhepunkt überschritten hat?
Noch tragen KI-bezogene Investitionen erheblich zum Wachstum bei. Damit dieser Beitrag aber dauerhaft Bestand hat, muss auf den Kapazitätsaufbau ein echter Produktivitätsschub folgen. Ob und in welchem Ausmaß Künstliche Intelligenz diese Produktivitätsgewinne liefern kann, bleibt bislang offen. Der KI-Ausbau ist längst ein Konjunkturfaktor. Die KI-Revolution befindet sich zwar noch in einer frühen Phase, hat aber bereits messbare makroökonomische Wirkung entfaltet. In den USA sind die KI-bezogenen Investitionen in Computer, Ausrüstung, Informationsverarbeitung und Software in den vergangenen Jahren stark gestiegen – sowohl absolut als auch gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
KI: Mehr als technologisches Narrativ
Ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung geht auf die großen Hyperskalierer zurück. Amazon, Google, Meta, Microsoft und Oracle haben ihre Investitionen massiv ausgeweitet. Ihre gemeinsamen Kapitalausgaben sind von weniger als 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf geschätzte 768 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026 gestiegen. Bis 2030 könnten sie sich nach aktuellen Schätzungen auf nahezu 1,6 Billionen US-Dollar erhöhen. Das zeigt: KI ist nicht nur ein Börsenthema oder ein technologisches Narrativ. Der Aufbau der notwendigen Infrastruktur ist inzwischen ein realer Wachstumstreiber.
Der Engpass verlagert sich Gleichzeitig mehren sich die Hinweise, dass die Wachstumsrate dieser Investitionen ihren Höhepunkt bereits überschritten haben könnte. Zwar dürfte das absolute Investitionsvolumen in den kommenden Jahren hoch bleiben. Doch entscheidend für den Beitrag zum Wirtschaftswachstum ist nicht allein die Höhe der Investitionen, sondern deren Zuwachsrate. Nach einem Spitzenwert von rund 85 Prozent im Jahr 2024 dürfte sich das Wachstum der KI-bezogenen Kapitalausgaben schrittweise abschwächen. Damit wird auch der direkte Beitrag dieser Investitionen zum BIP-Wachstum nachlassen.
Hinzu kommen praktische Grenzen. Der Ausbau von Rechenzentren erfordert Land, Strom, Arbeitskräfte, Wasser und Kühlung. Gleichzeitig steigen die Kosten für zentrale Hardwarekomponenten wie Grafikprozessoren, Prozessoren und Speicher. Diese Faktoren können die Rendite von KI-Investitionen belasten und die Nachhaltigkeit des Investitionszyklus infrage stellen.
Finanzierung wird zur nächsten Bewährungsprobe
Bislang konnten die großen Technologieunternehmen ihre KI-Investitionen überwiegend aus eigenen Cashflows finanzieren. Angesichts der Größenordnung des weiteren Ausbaus dürfte das jedoch nicht dauerhaft ausreichen. Spätestens ab 2027 könnten viele Unternehmen stärker auf Fremd- und Eigenkapitalmärkte angewiesen sein.
Damit wird der KI-Boom zunehmend auch zu einem Kapitalmarktthema. Nicht nur Hyperskalierer, sondern auch Zulieferer treten verstärkt als Kreditnehmer auf. Teilweise werden Finanzierungen durch kritische IT-Hardware oder langfristige Rechenzentrumsverträge besichert. Dadurch steigt die Verschuldung entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette. Solange Aktien- und Anleihemärkte bereit sind, diesen Investitionsbedarf zu finanzieren, kann der KI-Kapitalzyklus weiterlaufen. Sollte die Nachfrage der Unternehmen nach Kapital jedoch als zu groß wahrgenommen werden, könnte sich die Dynamik abrupt verändern.
Produktivität muss die Lücke schließen
Der entscheidende Punkt ist: Wenn das Wachstum der KI-Investitionen nachlässt, muss Produktivität übernehmen. Angenommen, KI-bezogene Kapitalausgaben tragen 2026 rund 1,5 Prozentpunkte zum US-Wachstum bei, könnte dieser Beitrag bis 2030 ungefähr halbiert werden. Um den Wachstumsimpuls konstant zu halten, müssten entsprechende Produktivitätsgewinne diese Lücke schließen.
Ob das gelingt, ist offen. Zwar hat sich die Produktivität in den USA in den vergangenen Jahren verbessert. Studien der Federal Reserve Bank of San Francisco deuten jedoch darauf hin, dass diese Zuwächse bislang eher arbeitsmarktbezogen als breit in der gesamten Wirtschaft verankert sind. Von den großen technologiegetriebenen Produktivitätsgewinnen der 1990er Jahre ist die aktuelle Entwicklung noch entfernt.
Auch die Forschung kommt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Schätzungen zum möglichen Beitrag von KI zum jährlichen Produktivitätswachstum reichen von nahezu null bis zu mehr als drei Prozentpunkten. Der Durchschnitt liegt zwar bei etwa einem Prozentpunkt, doch die Bandbreite ist zu groß, um daraus eine verlässliche Schlussfolgerung abzuleiten.
Die Märkte setzen auf den Produktivitätsschub
Die aktuell erhöhten Renditen langlaufender US-Staatsanleihen deuten darauf hin, dass die Märkte langfristig mit höherem Wachstum rechnen. Implizit steckt darin die Erwartung, dass KI nicht nur Investitionen auslöst, sondern auch die Produktivität dauerhaft erhöht. Genau darin liegt ein zentrales Risiko. Sollten die Produktivitätsgewinne hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten die Märkte ihre jüngste Neubewertung von Wachstum, Zinsen und Bewertungen wieder zurücknehmen. Für Anleger wäre das besonders relevant, weil viele KI-bezogene Erwartungen bereits in Aktienkursen, Kreditmärkten und langfristigen Renditen enthalten sind.
Kurzfristige Chancen, langfristige Unsicherheit
Für Anleger ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild. Kurzfristig dürfte KI weiterhin erheblichen Einfluss auf Kapitalmärkte und Unternehmensfinanzierungen haben. Das hohe Investitionsvolumen stützt Nachfrage, Umsätze und Finanzierungstätigkeit. Gerade große Technologieunternehmen und zentrale Zulieferer bleiben wichtige Akteure dieses Zyklus. Gleichzeitig steigt die Bedeutung einer sorgfältigen Unterscheidung. Nicht jedes Unternehmen, das vom KI-Narrativ profitiert, wird auch langfristig Wert schaffen. Besonders bei kleineren und spekulativeren Titeln könnte eine sinkende Wachstumsrate der KI-Investitionen Bewertungsmultiplikatoren unter Druck setzen. Entscheidend wird sein, welche Unternehmen KI-Infrastruktur in reale Nachfrage, produktive Anwendungen und nachhaltige Erträge übersetzen können. Der Markt wird zunehmend danach fragen, ob KI-Ausgaben tatsächlich Produktivität schaffen – oder lediglich Kapazität aufbauen.
Der Beweis steht noch aus
Der KI-Investitionsboom ist real und hat die US-Wirtschaft bereits gestützt. In den kommenden Jahren dürfte das absolute Investitionsvolumen hoch bleiben. Doch der direkte Wachstumsbeitrag aus steigenden Kapitalausgaben wird voraussichtlich nachlassen. Damit rückt die zentrale Frage in den Vordergrund: Kann KI genügend Produktivitätsgewinne liefern, um den nachlassenden Investitionsimpuls zu ersetzen? Bislang ist diese Frage nicht abschließend beantwortet. Für Anleger bedeutet das: Der KI-Boom sollte weder unterschätzt noch unkritisch fortgeschrieben werden. Kurzfristig bleibt der Kapitalzyklus ein wichtiger Wachstumstreiber. Langfristig entscheidet jedoch nicht die Höhe der Investitionen, sondern der Nachweis, dass KI dauerhaft Produktivität, Erträge und wirtschaftlichen Mehrwert schafft.
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