BNP Paribas AM zum US-Wahlkampf: Entschieden wird im Senatssaal – Alles oder nichts?

BNP Paribas AM zum US-Wahlkampf: Entschieden wird im Senatssaal – Alles oder nichts?

Wer macht das Rennen? Nach Umfragewerten ist Joe Biden der klare Favorit im US-Wahlkampf. Für Präsident Trump drängt nun die Zeit für ein Comeback.

28.10.2020 | 10:44 Uhr

Überblick


  • Was ist sein Plan? Bidens Politik umfasst fiskalische Anreize und Steuererhöhungen für Firmen und Besserverdienende, um Infrastruktur und Gesundheitswesen zu finanzieren
  • Die wichtigere Wahl? Die Umsetzung hängt jedoch ab von der Kontrolle des Kongresses durch seine Partei und der Wettlauf um den Senat ist ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen
  • Was dürfen Anleger erwarten? Etwas weniger Volatilität, Chancen in diesen Branchen: Erneuerbare Energien, Infrastruktur und Tech-Titel


Bis zur US-Präsidentschaftswahl sind es nur noch wenige Tage. Und in den nationalen Umfragen führt Demokrat Joe Biden mit rund 7 Prozentpunkten (Stand: 27. Oktober 2020) Vorsprung gegenüber Amtsinhaber Donald Trump. Biden lag schon während des gesamten Wahlkampfes vorn, doch sein Vorsprung hat sich seit der ersten TV-Debatte und Trumps COVID-19-Diagnose noch vergrößert. „Gerade, wenn man bedenkt, wie gespalten die US-Wählerschaft ist, macht ihn dies wohl zum Favoriten für die Wahl am 3. November 2020“, erklärt Mark Allan, Senior Economist bei BNP Paribas Asset Management in London in seinem aktuellen Whitepaper „All or Nothing“.

WAS BIDEN ALS PRÄSIDENT TUN WILL


Bidens politische Agenda ist breit gefächert. Mark Allan nennt die marktrelevanten Punkte wie folgt:

  • Die Verpflichtung, COVID-19 ernster zu nehmen
  • Finanzielle Sofortmaßnahmen zur Stützung jener Sektoren in Wirtschaft und Gesellschaft, die unter der Rezession leiden
  • Höhere Steuern auf Unternehmen und Personen mit höherem Einkommen, um unter anderem eine bessere Gesundheitsversorgung zu finanzieren
  • Die Bewältigung diverser Herausforderungen im Bereich der Infrastruktur und des Klimawandels, mit denen das Land konfrontiert ist

„Bidens Kampagne hat viele Details zu ihrer Politik in diesen Bereichen veröffentlicht, die eine deutlich größere Rolle der Regierung in der Wirtschaft bedeuten würde“, so Allan weiter. Mit Spannung erwartet werden vor allem fiskalische Anreize: Schon im Oktober verabschiedeten die Demokraten im Repräsentantenhaus ein weitreichendes und sehr teures Stimulus-Paket (2,4 Billionen US-Dollar). Wenn die aktuellen Verhandlungen zwischen Sprecherin Nancy Pelosi und Finanzminister Steven Mnuchin nicht zu einem Deal führen, der den republikanisch kontrollierten Senat passieren kann, wird dieser Gesetzentwurf ziemlich sicher die Basis für ein neues Konjunkturpaket. „Steuer-Anreize in dieser Größenordnung – etwa 10 Prozent des BIP – sollten das Wachstum ankurbeln und dazu führen, dass die amerikanische Wirtschaft besser dasteht als viele andere weltweit.“

WER KONTROLLIERT DEN SENAT – UND WARUM DAS FÜR BIDEN SO WICHTIG IST

Für viele der ehrgeizigen Ziele von Bidens Agenda bedarf es jedoch der Zustimmung des Kongresses; er kann sie nicht einfach per Verordnung durchsetzen. „Wo die Parteien aber so weit auseinander liegen, sind die Chancen gering, dass die Republikaner im Kongress Bidens Initiativen unterstützen werden“, so Allan.

Seine Kampagne derzeit verspricht, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus halten – was weithin erwartet wird – und die Kontrolle über den Senat dazu gewinnen werden. Dem Senat gehören derzeit 53 Republikaner und 47 Demokraten an. Doch steht in diesem Jahr nur ein Teil dieser Sitze zur Wahl: 12 davon werden von Demokraten und 23 von Republikanern gehalten. Viele sind aber in fester Hand und so konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf nur etwa 10 Sitze, die das Gesamtbild bestimmen werden.

Überdies sei das Rennen bei den Senatswahlen enger als bei den Präsidentschaftswahlen: „Mitch McConnell hat als Führer der Republikaner eine bessere Chance, die Kontrolle über den Senat zu halten, als Donald Trump, Präsident zu bleiben“, sagt Allan. Die Demokraten müssten den Republikanern mindestens vier Sitze abjagen, um die Kontrolle über den Senat zu übernehmen. Nach aktuellen Umfragen sind die amtierenden Senatoren der Republikaner in Colorado, Arizona, Maine und North Carolina anfällig dafür, ersetzt zu werden. Darüber hinaus wird es schwierig für die Demokraten, Sitze zu erobern, aber Iowa, South Carolina, Georgia und Montana bieten allesamt Chancen. Und je besser Biden im Wahlkampf abschneidet, desto wahrscheinlicher ist, dass er auch die demokratischen Senatoren mit sich zieht.

Das Problem: „Wenn Biden Präsident wird und die Demokraten nur drei Sitze im Senat gewinnen, könnte das daraus resultierende 50:50-Unentschieden im Senat zwar mit der ausschlaggebenden Stimme von Vizepräsidentin Harris zu Gunsten der Demokraten aufgelöst werden“, erklärt Allan. Doch stünde auch dann jede einzelne Entscheidung auf Messers Schneide: Allein das Abrücken eines einzigen demokratischen Senators würde eine Niederlage bedeuten. Ein solches Umfeld macht die US-Politik zu einer enormen Herausforderung. Daher ist die Aussicht auf die Verabschiedung wichtiger Gesetze umso besser, je größer die demokratische Mehrheit ist. Wer den Senat kontrolliert, ist daher die wichtigere Frage, als wer Präsident wird.

WAS ANLEGER ERWARTEN DÜRFEN

Nun ist die Gesetzgebung nicht der einzige Weg, wie ein Präsident seine Ziele erreichen kann: „In einigen Bereichen von Wirtschaft und der Gesellschaft können wesentliche Veränderungen durch Anordnungen und Entscheidungen der Verantwortlichen in Regierungsbehörden erreicht werden. Branchenpezifische Regeln oder Einwanderungsvorschriften sind hier gute Beispiele“, so Allan. Auch in der Außenpolitik – ein Gebiet, auf das sich Biden während seiner lange Karriere als Senator spezialisiert hat – hat der Präsident ein breites Spektrum an Mitteln. Ein Schritt zurück von Trumps „America First“-Doktrin hin zu einer traditionelleren Rolle der amerikanischen Führung scheint unter Bidens Präsidentschaft wahrscheinlich.

All das dürften Anleger weltweit gern hören: Eine planbare, transparente Politik stärkt die Börse. Ein Konjunkturpaket, Investitionen in Infrastruktur und gesicherte Jobs ebenso. Drei Branchen könnten ganz besonders profitieren: Erneuerbare Energien, Infrastruktur und – kleinere –Technologie-Titel.

Biden will die Umweltstandards in den USA zum Beispiel bei Abgasemissionen erhöhen, setzt sich für eine Rückkehr zum Pariser Klimaabkommen ein und für Klimaneutralität bis zum Jahr 2050. Überdies will er in den kommenden vier Jahren zwei Billionen Dollar in erneuerbare Energien investieren. Solche Aktien stehen darum weit oben auf der Liste der Gewinner-Titel unter einem Präsidenten Joe Biden. Außerdem verspricht er binnen der nächsten zehn Jahre Investitionen in die Infrastruktur im Umfang von 1,3 Billionen Dollar. Das bedeutet Auftrieb für Unternehmen aus der Baubranche sowie Telekomanbieter, die etwa an 5G-Standards arbeiten.

Unter Biden könnte sich der Druck auf Big Tech verschärfen. Viele Demokraten sind der Ansicht, dass die Schwergewichte wie Facebook, Amazon, Apple und Google ihre Marktmacht missbrauchen. Zunehmende Regulierung ist also wahrscheinlich. Aber Chancen gibt es in der Branche auch abseits von Big Tech, bei kleineren Softwareanbietern und IT-Dienstleistern. Und: Nicht nur Unternehmen in den USA würden von Bidens Programmen profitieren, sondern auch Firmen in Europa.

Die vollständige Meldung finden Sie hier im PDF-Format.

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