TiAM FundResearch blickt auf die Woche zurück und gibt einen Ausblick auf die kommenden Tage. Diesmal im Fokus: Der Neobroker Robinhood lässt Privatanleger eigene Trading-Agenten bauen.
12.10.2026 | 07:15 Uhr von «Matthias von Arnim»
KI-Anwendungen, die Anlagestrategien am Kapitalmarkt umsetzen, sind ein heikles Thema in der Finanzbranche. Denn je eigenständiger sie handeln, desto mehr drängt sich die Frage nach der Risikokontrolle und der Verantwortung auf. Deshalb werden derzeit heftige Diskussionen darüber geführt, wo und wie Fondsmanager monitoren und dokumentieren sollten oder sogar müssen. Und wo und wie sie selbstdenkende Software einsetzen. Schließlich müssen sie am Ende die Kontrolle behalten und eingreifen können, wenn eine Künstliche Intelligenz Dinge tut, die nicht beabsichtigt waren. Denn im Krisenfall stellt sich die Frage der Haftung. Portfoliomanager setzen deshalb in den allermeisten Fällen KI vor allem beim Research, in der Analyse und bei administrativen Aufgaben ein. Kaum einer käme auf die Idee, selbstgebauten KI-Agenten freie Hand für einen eigenständigen Börsenhandel zu geben. Zauberlehrlinge, die ihre Geister frei herumlaufen lassen, können schnell in Nöte geraten. Und das kann an der Börse sehr, sehr schnell sehr teuer werden. Es gibt mittlerweile etliche dokumentierte Beispiele dafür, wie Trading-Agenten, die etwa mithilfe von ChatGPT oder Claude gebaut wurden, die ihnen anvertraute Wertpapierdepots gegen die Wand gefahren haben. Und zwar in kürzester Zeit. Das überrascht auch nicht. Denn die gängigen Sprachmodelle greifen alle auf dieselben Quellen zurück.
Dabei ist eine Besonderheit zu beachten: Während professionelle Vermögensverwalter, Portfoliomanager, Händler und Finanzinstitute ihre Daten und Strukturen streng schützen und ihre Server gegen Zugriffe von KI-Bots schützen, schwirren im freien Internet auf Webseiten und in Foren unzählige und exponentiell zunehmend immer mehr wirre Trading-Strategien herum. In die Welt gesetzt von selbsternannten Börsengurus, experimentierfreudigen Privatanlegern und betrügerischen Websites. Das wirklich Irre daran: Über die Hälfte der Beiträge sind erwiesenermaßen mittlerweile KI-generiert. Wer sich als Privatanleger also selbst einen Börsen-KI-Agenten baut, sollte wissen, dass dieser Trading-Bot sein Wissen aus einem immer trüberen Teich fischt, in dem alle anderen auch fischen, die auf dieselbe Idee kommen. Und natürlich finden alle diese Agenten am Ende dieselben Strategien.
Eine der besten aller Ideen könnte deshalb wohl sein, private Börsen-KI-Agenten zu verbieten. So könnte man verhindern, dass demnächst Millionen von Privatanlegern Milliarden selbstgebauter Trading-Trolle auf den Kapitalmarkt loslassen.
Experten und Währungshüter warnen bereits vor den Folgen, wenn genau dies passiert: Auf dem Notenbankerforum im portugiesischen Sintra hat etwa Sarah Breeden von der britischen Notenbank gewarnt, dass autonome KI-Systeme am Finanzmarkt die „Volatilität in Stresssituationen verstärken“ könnten, wenn sie auf dieselben Signale oder Auslöser ähnlich reagierten. Auch auf dem Notenbanksymposium im August in Jackson Hole standen Finanzinnovationen und ihre Risiken im Mittelpunkt. Die Notenbanker diskutierten die Möglichkeit, Notschalter zu entwickeln, die den Börsenhandel einschränken oder stoppen könnten, falls fehlerhafte KI-Modelle einen Börsencrash verursachen.
Einen Notschalter. Das lässt ahnen, welche Vorstellungen man in den Hochfinanzkreisen davon hat, was Künstliche Intelligenz ist und wie sie funktioniert. Aber es lässt immerhin auch ahnen, wie sehr sich die führenden Köpfe der Finanzwelt darüber im Klaren sind, wie gefährlich die Entwicklung gerade ist. Und sehr aktuell.
Denn wir reden hier nicht über ein rein theoretisches Risiko, sondern über den jüngsten Coup des US-amerikanischen Neobrokers Robinhood. Dieser hat seinen knapp 28 Millionen Kunden in der vergangenen Woche die Möglichkeit gegeben, KI-Agenten für sich zu entwickeln und selbständig handeln zu lassen. Die sogenannten „Robinhood Agents“ können etwa Aktien kaufen oder komplette Handelsstrategien automatisch ausführen.
In einer ersten Testphase hatte Robinhood bereits im Mai seinen Kunden erlaubt, eigene KI-Assistenten von dem KI-Tool Open Claw steuern zu lassen. Dazu muss man wissen, dass Open Claw aktuell als der heißeste und gefährlichste „heiße Scheiß“ in der Szene gilt. Wer sich das Modell auf den eigenen Rechner lädt, gibt de facto die Kontrolle über sein Gerät ab. Open Claw ist ein frech und redegewandt parlierendes Monster, das – wenn es gut geht – die eigene Arbeit enorm erleichtern kann. Dabei aber oft eigene Ziele verfolgt und gern alle Regeln verletzt, die auch nur ansatzweise für Risikobegrenzung oder Datenschutz sorgen könnten. Schon in der ersten Testphase haben rund 150.000 Robinhood-Kunden davon Gebrauch gemacht, Börsen-Agenten zu bauen, die diesem sehr eigensinnigen Tool oder ähnlichen externen KI-Modellen gehorchen.
Offensichtlich wurde das selbst den sehr innovationsfreudigen Robinhood-Bossen zu heiß. Sie ließen die Agentensoftware überarbeiten. Robinhood kooperiert jetzt mit OpenAI und Anthropic. Wer als Privatkunde KI-Trader auf die Börse loslassen will, hat nun die Wahl zwischen ChatGPT- und Claude-Modellen. Kunden können damit Robinhood Agents kreieren, die für sie als aktive Händler an der Börse tätig werden. Sie können ihnen Namen geben und ihnen über die Funktion „Loops“ auch komplexe Strategien anvertrauen. Die KI-Finanzagenten handeln, falls gewünscht, rund um die Uhr. Je nach Einstellung müssen sie sich ihre Transaktionen nicht einmal von den Kunden genehmigen lassen. Aktuell ist der ganze Spaß noch kostenlos. Künftig kostet der Zugriff auf die Daten des Kooperationspartners NASDAQ monatlich 10 US-Dollar. Der KI-gesteuerte Optionshandel ist für 30 US-Dollar im Monat möglich.
Bisher gilt das Angebot nur für Kunden in den USA. Man sollte nun genau hinschauen, was diese mit ihren neuen Möglichkeiten anstellen. Im Kleingedruckten schreibt Robinhood: „Sie tragen das volle Risiko für alle von KI-Agenten ausgeführten Trades. Robinhood kontrolliert, beaufsichtigt, überwacht, empfiehlt oder prüft die Agenten nicht.“ Außerdem übernehme Robinhood „keine Garantie für die Performance von Loops unter bestimmten Marktsituationen“. Was Robinhood nicht schreibt: Seine Kunden gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen Marktteilnehmer.
Am Dienstag findet in Berlin der Deutsche Arbeitgebertag statt, laut Veranstalter „das größte Event der gesamten Deutschen Wirtschaft“. Die Eröffnungsrede hält Arbeitgeberpräsident Dulger. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz wird ein paar Worte sagen. Überhaupt ist die Rednerliste recht prominent besetzt. Unter anderem Sozialministerin Bärbel Bas, Katharina Dröge von den Grünen, Boris Pistorius und Katharina Reiche werden am Rednerpult stehen. Und Oliver Kahn. Der passende Man am richtigen Ort. Schließlich gilt hierzulande heute mehr als je zuvor: Eier! Wir brauchen mehr Eier!
Am Mittwoch ist wieder Märchenstunde in Peking. Chinas Statistikamt veröffentlicht aktuelle Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise. Und der chinesische Zoll legt die Außenhandelszahlen für September vor. Der Export ist für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein wichtiger Konjunkturtreiber – und derzeit der Rettungsanker für die chinesische Wirtschaft. Der Binnenmarkt lahmt. Also werden die Überschüsse in den Export gedrückt. Das kommt im Rest der Welt nicht immer gut an. Chinas Pressemanager werden deshalb sehr genau abwägen, welche Zahlen sie veröffentlichen.
Am Donnerstag findet auf dem Messegelände in Berlin auf der Smart Country Convention der Thementalk „Smart Cow: Wie KI den Kuhstall der Zukunft verändert“ statt. Diskutiert werden soll dort, wie Künstliche Intelligenz dazu beitragen kann, die Tiergesundheit zu verbessern, Ressourcen effizienter einzusetzen und Emissionen in der Milchviehhaltung zu reduzieren. Im Mittelpunkt stehen digitale und KI-gestützte Anwendungen, die bereits heute in der Milchviehhaltung eingesetzt werden. Anhand konkreter Beispiele wird erklärt, wie Kameratechnik und datenbasierte Systeme Veränderungen im Verhalten und Gesundheitszustand von Tieren erkennen können, und welche Vorteile das bringt. Ein spannendes Thema. Intelligente Kuhställe. Immerhin müssen die Kühe angesichts des technologischen Fortschritts keine Angst um ihren Arbeitsplatz haben.
Am Freitag stellt die Bundestagsfraktion der Grünen in Berlin ein Gutachten zur Förderung des genossenschaftlichen Wohnens vor. Da kann man nur sagen: zu spät. Hätten sie das mal vor der Berlin-Wahl getan. Vielleicht hätte der eine oder andere Wähler sich dann noch einmal mit der Realität beschäftigt und nicht blind bei der Linken das Kreuzchen gesetzt, nur weil diese das Schlagwort Immobilien-Enteignung gebrüllt haben. Wohnungsbaugenossenschaften sind prinzipiell eine gute Sache. Es lohnt sich, sich damit zu befassen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man dann nebenbei auch etwas über den Immobilienmarkt lernt.
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