AB: Anlagestrategien sollten sich nicht auf Impfstoffhoffnungen stützen

Anlagestrategien sollten sich nicht auf Impfstoffhoffnungen stützen

Gesundheitsaktien stehen angesichts der vielversprechenden Nachrichten zu COVID-19-Impfstoffen erneut im Fokus. Doch Anleger sollten nicht versuchen vorherzusagen, welches Unternehmen ein Heilmittel gegen die Pandemie entwickelt.

04.12.2020 | 08:00 Uhr

Um Gesundheitsaktien mit langfristigem Potenzial ausfindig zu machen, sollten sie sich auf die Fundamentaldaten der Unternehmen konzentrieren, statt auf das nächste Blockbuster-Medikament zu hoffen.

Anleger sind begeistert von den positiven Ergebnissen der Studien zu den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna, über die in diesem Monat berichtet wurde. Da die Aktien der Unternehmen nach den Meldungen kräftig zulegten, könnten Anleger versucht sein, auf die Unternehmen zu setzen, die möglicherweise einen Blockbuster-Wirkstoff gegen COVID-19 oder andere Krankheiten finden werden.

Tatsächlich ist der MSCI World Health Care Index im Zeitraum seit der Mitteilung von Pfizer am 9. November bis zum 20. November hinter dem globalen Gesamtmarkt zurückgeblieben. Außerdem bestärken uns die jüngsten Erfolge in unserer Überzeugung, dass sich Aktienanleger auf die Unternehmen als Ganzes statt auf Forschungsergebnisse konzentrieren sollten.

Der Wettbewerb könnte die Profitabilität von Impfstoffen schmälern

Es dürfte noch einige Zeit dauern, bis die Impfstoffe auf den Markt kommen. Es liegen noch nicht genügend Daten zur Wirksamkeit vor und auch die Sicherheit der Impfstoffe wird noch untersucht. Bei Impfstoffkandidaten, die in Phase-1-Studien getestet werden, liegt die historische Erfolgsquote, was die Zulassung betrifft, bei 33%. Die aktuell diskutierten Impfstoffkandidaten sind vielversprechend, weltweit arbeiten jedoch 70 Unternehmen an mehr als 200 neuen Coronavirus-Impfstoffen (Abbildung). Die meisten Impfstoffkandidaten befinden sich noch in einer sehr frühen Phase der Entwicklung, und es ist schwer vorherzusagen, welche Wirkstoffe tatsächlich zugelassen werden.

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Angesichts der hohen Investitionen ist es wahrscheinlich, dass mehrere Impfstoffe auf den Markt kommen werden. Es wird eine immense Nachfrage bestehen, da alle Länder bemüht sind, sich mit ausreichend Impfdosen für die Bevölkerung einzudecken. Aufgrund des erwarteten starken Wettbewerbs mit mehreren zugelassenen Produkten glauben wir nicht, dass COVID-19-Impfstoffe sehr profitabel sein werden.

Der Wettlauf um einen Impfstoff beflügelt die Fantasie der Anleger. Jeder will sich an dem Unternehmen beteiligen, das ein wirksames Mittel gegen die Pandemie entwickelt, genau wie jeder in Unternehmen investieren will, die ein Heilmittel gegen Krebs, Alzheimer oder viele andere Krankheiten finden. Ob in der Entwicklung befindliche Arzneimittel zu einem Erfolg werden, lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen. Bei Arzneimitteln, die in klinischen Studien am Menschen erprobt werden, liegt die Misserfolgsrate bei etwa 90 %. Von den Tausenden von Biotech-Unternehmen, die seit 1976 gegründet wurden, haben nur 59 mehr als ein zugelassenes Arzneimittel und nur 5 Unternehmen hatten mehr als vier zugelassene Arzneimittel. Das geht aus Branchendaten bis 2017 hervor (Abbildung).

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Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Arzneimittelentwickler können gute Investments sein. Eine Anlage sollte aus unserer Sicht aber nicht auf der Basis von Studienergebnissen eines COVID-19-Impfstoffs oder einer anderen Arznei erfolgen.

Was macht ein tragfähiges Geschäftsmodell im Gesundheitssektor aus?


Die Identifikation von Gesundheitsunternehmen, die über ein starkes Geschäftsmodell verfügen, ist eine deutlich bessere Strategie. Ein solcher Ansatz führt aus unserer Sicht zu einer deutlich stabileren Wertentwicklung und vorhersehbareren langfristigen Renditen.

Solide Unternehmen des Gesundheitssektors haben ähnliche Merkmale wie gute Unternehmen aus anderen Branchen. Vor allem hohe oder sich verbessernde Kapitalrenditen und eine hohe Reinvestitionsquote deuten auf einen Wettbewerbsvorteil hin. Wenn Unternehmen Gewinne erzielen, die über ihren Kapitalkosten liegen, und diese in das Unternehmen reinvestieren, spricht das nach unseren Analysen für ein solides Geschäftsmodell.

Medizinthemen sind einen Blick wert

Mehrere Themen sprechen für eine gute Geschäftsentwicklung im Gesundheitssektor. Die Fortschritte bei der Sequenzierung des menschlichen Genoms führen zu erheblichen Verbesserungen in der Diagnostik. Durch minimal-invasive Therapien und Roboterchirurgie können Krankenhäuser den Patientenumsatz steigern und Gesundheitssysteme Kosten einsparen. Die Telemedizin hat während der Pandemie einen Aufschwung erfahren, da virtuelle Konsultationen bei Patienten immer beliebter werden.

Unternehmen, die in diesen Bereichen tätig sind, können über ein starkes Wachstumspotenzial verfügen, das leichter zu prognostizieren ist als die Erfolgsaussichten jeglichen Arzneimittelkandidats. Illumina ist beispielsweise ein führender Anbieter von Instrumenten und Reagenzien für die DNA-Sequenzierung, die in der klinischen Diagnostik in Bereichen wie der Onkologie eingesetzt wird, und verfügt über Wettbewerbsvorteile, was die Genauigkeit und die Kosten betrifft. Edwards Lifesciences stellt Aortenklappen her, dank derer in vielen Fällen Operationen am offenen Herzen vermieden werden können, was ein Vorteil für Krankenhäuser und Patienten ist, in normalen Zeiten und insbesondere während einer Pandemie.

Blockbuster-Medikamente sind ein Bonus

Bei einigen attraktiven Gesundheitsunternehmen ist es zu einem vorübergehenden Nachfrageeinbruch gekommen, da aufgrund von COVID-19 nicht dringende medizinische Eingriffe verschoben wurden. Produkte und Dienstleistungen, die für Patienten und Gesundheitssysteme Effizienzgewinne bringen, werden sich aus unserer Sicht jedoch im Laufe der Zeit durchsetzen, insbesondere wenn sich die Bedingungen in der Branche nach der Corona-Krise normalisieren. Die Wettbewerbsvorteile dieser Unternehmen können bereits heute identifiziert und analysiert werden.

Wenn endlich ein COVID-19-Impfstoff auf den Markt kommt, werden wir uns wie alle anderen auch darüber freuen und auf eine Rückkehr zur Normalität hoffen. Aktienanleger sollten sich bei ihren Anlageentscheidungen aber nicht von Schlagzeilen und der Rally bei Impfstoffentwicklern beeinflussen lassen. Ein Gesundheitsportfolio sollte vor allem Unternehmen enthalten, die über langfristige Wettbewerbsvorteile verfügen. Falls eines dieser Firmen einen COVID-19-Impfstoff oder ein anderes Blockbuster-Medikament auf den Markt bringt, sollte man dies als Bonus betrachten.

Vinay Thapar ist Portfoliomanager und Senior Research Analyst für US Growth Equities und das International Healthcare Portfolio bei AllianceBernstein (AB).

In diesem Dokument zum Ausdruck gebrachte Meinungen stellen keine Analysen, Anlageberatungen oder Handelsempfehlungen dar, spiegeln nicht unbedingt die Ansichten aller Portfoliomanagementteams bei AB wider und können von Zeit zu Zeit überarbeitet werden.

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