Medizintechnik: Der leise Herzschlag der Gesundheitsinnovation

Medizintechnik: Der leise Herzschlag der Gesundheitsinnovation
Gesundheit

Wieso Anleger profitables Wachstum in der Medizintechnik entdecken können.

29.05.2026 | 06:29 Uhr

Medizintechnik kann Gesundheitsaktienportfolios gezielt diversifizieren, weil der Sektor anderen Wachstumstreibern folgt als klassische Pharmawerte. Während Arzneimittelhersteller stark von Patentzyklen, Studienergebnissen und regulatorischen Entscheidungen geprägt sind, basiert Medtech häufig auf kontinuierlicher Produktinnovation, wiederkehrender Nachfrage und tief verankerten klinischen Anwendungen. Nach der schwächeren Entwicklung seit der Pandemie eröffnen zurückgesetzte Bewertungen und intakte langfristige Treiber Chancen für Anleger, die innerhalb des Gesundheitssektors breiter und differenzierter investieren möchten, schreibt Jane Bleeg, Portfolio Manager—Global Healthcare bei AllianceBernstein, in ihrem Marktkommentar.

Einen Großteil des vergangenen Jahrzehnts haben Medtech-Aktien den breiteren Gesundheitssektor übertroffen. Die Beliebtheit des Segments – repräsentiert durch den MSCI World Healthcare Equipment and Supplies Indizes – erreichte während der Pandemie ihren Höhepunkt, angetrieben durch beschleunigte Ausgaben für medizinische Ausrüstung. Seit 2021 bleiben Medtech-Aktien jedoch hinter dem breiteren Gesundheitssektor zurück. In den vergangenen Monaten hat sich die Stimmung zusätzlich eingetrübt – nicht zuletzt aufgrund der Schwierigkeiten einiger wichtiger Branchenführer. Unter der Oberfläche zeichnet sich ein differenzierteres Bild ab. Bewertungen wurden zurückgesetzt, während die zugrunde liegende Innovation und die langfristigen Trends fest verankert bleiben. Für Anleger, die bereit sind, über die jüngsten Enttäuschungen hinwegzusehen, kann es sich auszahlen, der Divergenz innerhalb der Branche besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Medtech vs. Pharma: Unterschiedliche Geschäftsmodelle
Ausgangspunkt ist die klare Abgrenzung von Medtech gegenüber anderen Teilbereichen des Gesundheitssektors. Medtech macht 17 Prozent des breiteren MSCI World Healthcare Index aus, der von Pharmaunternehmen dominiert wird. Für Pharmaunternehmen wird die Wirtschaftlichkeit oft durch Patentzyklen definiert: Arzneimittelhersteller profitieren häufig von Phasen starken Wachstums und hoher Profitabilität – bis auslaufende Patente zu abrupten Einbrüchen führen können. Medtech hingegen wird hingegen tendenziell durch kontinuierliche Produktentwicklung getrieben.

Viele Medtech-Unternehmen ähneln eher Technologie- oder Konsumgüterunternehmen als klassischen Arzneimittelentwicklern. In Segmenten wie therapeutischen Geräten, chirurgischen Instrumenten und Diagnostik bauen Unternehmen installierte Gerätebasen auf, ergänzt durch Verbrauchsmaterialien und Dienstleistungen, die über die Zeit erneuert und weiterentwickelt werden. Inkrementelle Innovationen – etwa bei Genauigkeit, Benutzerfreundlichkeit oder Datenintegration – können Produktlebenszyklen verlängern und Kundenbeziehungen vertiefen, statt sie immer wieder neu aufzusetzen. Zugleich ist Medtech weniger stark dem Risiko ausgesetzt, dass eine Patentklippe künftige Gewinne abrupt belastet. Diese Abgrenzung ist für die Beständigkeit des Geschäftsmodells entscheidend. Geräte mit hohen Wechselkosten und tiefer klinischer Verankerung können wiederkehrende Umsätze und langfristig tragfähige Geschäftsbereiche stützen – selbst dann, wenn sich die kurzfristige Marktstimmung gegen den Sektor richtet.

Wo können Anleger medizinische Innovationen entdecken?
Die jüngste Skepsis hat sich auf die größten Namen des Sektors konzentriert: Abbott Laboratories und Boston Scientific. Ihre Aktien standen wegen unternehmensspezifischer Kontroversen unter Druck. Negative Schlagzeilen bei einzelnen großen Unternehmen sollten jedoch nicht überbewertet und auf die gesamte Branche übertragen werden. Tatsächlich findet bedeutende Innovation häufig bei Unternehmen statt, die weniger im Rampenlicht stehen; und in Bereichen, deren Wirkungspotenzial erheblich ist. Technologien für strukturelle Herzerkrankungen sind etwa ein gutes Beispiel dafür. Fortschritte beim Herzklappenersatz und bei minimalinvasiven Eingriffen haben das Potenzial die Patienteneignung auszuweiten, beschleunigen die Genesungszeiten und führen zu besseren langfristigen klinischen Ergebnissen. Mit starken Marktanteilen in diesem Medizintechniksegment und Fortschritten bei weiteren Klappentypen ist etwa Edwards Lifesciences gut positioniert, um profitabel zu wachsen.

In der Diabetesversorgung ist die kontinuierliche Glukoseüberwachung (continuous glucose monitoring, CGM) ein großartiges Beispiel für kumulative Innovation. CGM-Produkte kamen vor rund 20 Jahren erstmals auf den Markt und haben seither das Leben von Millionen Menschen mit Diabetes weltweit verbessert. Sie ermöglichen Patientinnen und Patienten, ihren Blutzuckerspiegel kontinuierlich zu überwachen und gefährlich niedrige oder hohe Werte frühzeitig zu vermeiden. DexCom, eines der beiden führenden Anbieter dieser Technologie, kann durch die zunehmende Akzeptanz der Patienten ein stetiges, langzyklisches Wachstum ausweisen. Zudem weitet das Unternehmen das Konzept kontinuierlich arbeitender Sensoren auf andere Teile des medizinischen Marktes aus. Derlei Entwicklungen sind selten binär. Anders als bei vielen kleineren Biotech-Unternehmen, deren Erfolg oft von einer einzelnen Studie oder regulatorischen Entscheidung abhängt, entwickeln sich Medtech-Innovationen meist schrittweise weiter – und können sich über die Zeit zu spürbaren Fortschritten summieren. Das macht die Fundamentalanalyse bei der Chancenidentifikation besonders effektiv.

Zu einem angemessenen Preis von Innovation profitieren
Die heutigen Marktbedingungen sind für Medtech-Aktien aus historischer Perspektive betrachtet besonders attraktiv. In den frühen 2010er Jahren waren Medtech-Aktien unbeliebt und die Wachstumsprognosen waren niedrig. Die heutigen Bewertungen deuten darauf hin, dass Anleger das Segment erneut meiden, dabei sind die Wachstumserwartungen viel höher als vor 15 Jahren. Die aktuellen Bewertungen, stützen sich auf ein solides Gewinnwachstumspotenzial, das sich laut Prognosen bis 2029 auf 9,6 Prozent annualisieren könnte. Dies bietet unserer Ansicht nach einen attraktiven Einstiegspunkt für Aktieninvestoren.

Die Normalisierung von Medtech nach COVID hat viele Verzerrungen beseitigt, die den Blick auf den Sektor lange erschwert haben. Da sich Eingriffsvolumina und Krankenhausbudgets wieder einem Gleichgewicht annähern, können aktive Anleger gezielter jene Unternehmen identifizieren, die über dauerhaft tragfähige Wettbewerbsvorteile verfügen – und jene meiden, deren Stärke vor allem auf vorübergehenden Sonderfaktoren beruhte. Anstatt Medtech als eine monolithische Allokation zu behandeln, können sich Anleger auf einzelne Technologien, Plattformen und klinische Bereiche konzentrieren, in denen Innovation, Umsetzung und Bewertung im Einklang stehen.

Verbesserte Patientenergebnisse und Effizienz
Sicherlich sind die Risiken nicht verschwunden. Die Gesundheitsbudgets stehen in vielen Ländern weiterhin unter Druck, und die Stimmung kann länger negativ bleiben, als es die Fundamentaldaten rechtfertigen. Wir glauben jedoch, dass es kurzsichtig wäre, Medtech-Unternehmen auf Grundlage jüngster Enttäuschungen zu beurteilen. Aus unserer Sicht lag der langfristige Reiz von Medtech nie in pandemiebedingten Spitzen oder einer kurzfristigen Bewertungssteigerung. Er beruht vielmehr auf der Fähigkeit des Sektors, sich durch Innovationen, die die Patientenergebnisse und die Systemeffizienz verbessern, in der klinischen Praxis zu verankern. Dieses Fundament bleibt intakt. Aktuelle könnte der richte Moment sein, um neu zu bewerten, wo im Medtech-Sektor nachhaltige Wertschöpfung entsteht – getragen von kumulativer Innovation und wiederkehrender Nachfrage. Aktive Anleger dürften dabei feststellen: Der Puls ausgewählter Medtech-Unternehmen schlägt deutlich kräftiger, als es die Schlagzeilen vermuten lassen.


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