Brasilien profitiert vom Ölboom und gerät zugleich unter Druck

Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE
Erdöl

Durch die Explosion der Erdölpreise aufgrund der Blockade der Straße von Hormus erfreut sich Brasilien eines unverhofften Geldsegens.

22.04.2026 | 10:02 Uhr

Bei 100 US-Dollar für das Barrel Brent – vor der Krise in der Meerenge waren es etwa 65 US-Dollar – wird die Ölgesellschaft Petrobras zu einer wichtigen Geldquelle für den Staat, der die Mehrheitsanteile an ihr hält. Bis Mitte April 2026 verzeichnete der Ölriese einen Kurssprung von 80 %. Ein Glücksfall für Präsident Lula, der im Alter von 80 Jahren auf seine Wiederwahl im kommenden Oktober setzt. Das ist die Gelegenheit, mit Subventionen seinen Wählerstamm auszubauen.

Sprudelnde Einnahmen und steigende Preise

Doch leider hat die Ölparty auch eine Kehrseite: den Preis an der Zapfsäule. Brasilien nimmt zwar in der Weltrangliste der Exporteure den neunten Platz ein, ist jedoch auch ein großer Importeur von Ölprodukten. Da die Raffineriekapazitäten des Landes nicht auf die eigene Produktion abgestimmt sind, ist Brasilien insbesondere auf Diesel aus dem Ausland angewiesen. Infolgedessen drohten die für das riesige Land so wichtigen Lkw-Fahrer im März damit, das Land lahmzulegen – wie bereits bei der Blockade im Jahr 2018. Diese hatte die Wirtschaft zum Erliegen gebracht. Wenngleich die Gefahr fürs Erste gebannt ist, bleibt der Druck bestehen. Nur wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen würde eine soziale Krise die Niederlage des Vorsitzenden der „Partei der Arbeiter“ bedeuten.

Subventionen und neue Förderprojekte als politische Antwort

Noch im Jahr 2025 galt er als fortschrittlicher Gastgeber der COP30 im Amazonasgebiet. Nun reagiert Präsident Lula mit massiven Subventionen des Erdölkonsums durch Steuersenkungen. Zudem setzt er sich leidenschaftlich für die Förderung vielversprechender neuer Ölvorkommen auf der Höhe der Amazonasmündung vor der Küste Brasiliens ein – gegen den Widerstand von Umweltschützern.

Doch die Großzügigkeit gegenüber dem Energiesektor reicht möglicherweise nicht aus. Der designierte Gegner Lulas, Flavio Bolsonaro, der Sohn des zu 27 Jahren Haft verurteilten Ex-Präsidenten, will noch einen Schritt weitergehen. Er plant, Petrobras zu privatisieren, alle Bundessteuern auf den Verbrauch von Mineralölprodukten abzuschaffen und einen „Reservefonds“ nach norwegischem Vorbild zu bilden. Damit könnte man die Preise an der Tanksäule durch Subventionen glätten und gleichzeitig von den hohen globalen Kursen profitieren – also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Wahlkampf wird zur energiepolitischen Richtungsentscheidung

Somit hängt die bevorstehende Wahl zum Teil von der Situation in der Straße von Hormus ab. Angesichts Brasiliens Bedeutung für die globale Ölversorgung wird die Abstimmung maßgeblich vom Ölmarkt geprägt sein und weltweite Auswirkungen haben. Die Situation in der Straße von Hormus wirkt sich allerdings nicht nur auf den Handel mit Öl aus. Sie hat auch entscheidenden Einfluss auf eine weitere existenzielle Säule der brasilianischen Wirtschaft, nämlich die Landwirtschaft und die hierfür nötigen Düngemittel.

Brasilien ist der weltweit bedeutendste Sojaproduzent und ernährt China in diesem Segment zu einem großen Teil. Damit die Landwirtschaft produktiv bleibt, ist Brasilien zu 85 % auf den Import von Düngemitteln aus dem Ausland angewiesen. Ein großer Teil dieser Düngemittel muss jedoch die Straße von Hormus passieren. Wenn sie nicht bald wieder geöffnet wird, ist die Ernte 2026/2027 des im kommenden Herbst zu pflanzenden Sojas gefährdet. Dies hätte Spannungen in der Landwirtschaft, in der Gesellschaft, im Handel oder gar in der Diplomatie zur Folge, da die Auswirkungen bis nach China und Europa zu spüren wären.

Die Aussichten auf durchweg steigende Preise stellen die brasilianische Bevölkerung vor große Herausforderungen. Hinzu kommt, dass die Zinsen bei einer stärker als erwartet ausfallenden Inflation wieder steigen könnten, obwohl doch gerade erst ein Abwärtstrend eingesetzt hatte.

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