Kernenergie weltweit wieder auf dem Vormarsch

Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE
Energie

Steigende geopolitische Spannungen und Unsicherheiten an den Rohstoffmärkten lassen den Ölpreis immer wieder nach oben ausschlagen.

05.03.2026 | 08:40 Uhr

Damit rückt eine alte Frage erneut in den Mittelpunkt der globalen Energiepolitik: Wie abhängig wollen Volkswirtschaften von fossilen Energieträgern bleiben, deren Preis stark von Konflikten, Förderkartellen und Transportwegen bestimmt wird? Während Öl weiterhin eine zentrale Rolle für die Weltwirtschaft spielt, richtet sich der Blick der Investoren zunehmend auf alternative Energiequellen – allen voran auf die Kernenergie.

Innerhalb eines Jahres verzeichnete der Index von Kernenergiewerten, der MarketVector Global Uranium and Nuclear Energy Infrastructure, einen Zuwachs von 123 % in US-Dollar– über drei Jahre ist es sogar das Doppelte [1]. Ein wesentlicher Grund für den Anstieg liegt im weltweiten Energiehunger, insbesondere seitdem die künstliche Intelligenz Unmengen an Gigawattstunden verschlingt. Dadurch steigt jenseits des Atlantiks der Strompreis unaufhaltbar.

30 Staaten mit Ausbauzielen

Mit Kernenergie lässt sich der Bedarf der Server effizient stillen: Sie ist CO2-arm, steuerbar und frei von den geopolitischen Unwägbarkeiten erdölfördernder Länder. Angesichts der im Jahr 2023 von 30 Staaten eingegangenen Verpflichtungen wird erwartet, dass sich die Stromerzeugung aus Kernenergie bis 2050 verdreifacht.

Das Wiederaufblühen der Kernenergie ist allerdings mit bedeutenden Herausforderungen verknüpft: jahrzehntelange Bauzeiten, die sich zuweilen durch übermäßige Verzögerungen verlängern, enorme Investitionen sowie industrielle und aufsichtsrechtliche Risiken und mögliche Rufschädigungen. Hinzu kommt ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und eine hohe Sensibilität der Öffentlichkeit. Sind die Anlagen einmal in Betrieb, steht das Schreckgespenst eines Unfalls mit möglicherweise langjährigen Konsequenzen im Raum sowie die Bedrohung durch Cyber-Attacken, die Kosten für den Rückbau und die nach wie vor weltweit ungelöste, heikle Frage der Endlagerung von radioaktiven Abfällen.

Politischer Rückenwind für Nuklearprojekte

Demgegenüber spricht die Industrie von historischen Chancen und stellt sich mit Unterstützung durch die öffentliche Hand neu auf. Im Juli 2024, vor dem erneuten Amtsantritt Donald Trumps, verabschiedeten die USA das Gesetz ADVANCE (Accelerating Deployment of Versatile, Advanced Nuclear for Clean Energy), das den Bau von Reaktoren einer neuen Generation und von kleinen Kraftwerken, den sogenannten SMR (Small Modular Reactors), erleichtert. Letztere lassen sich einfacher bauen und sind somit geeignet, um möglichst schnell den drängenden Energiebedarf der KI-Giganten zu decken.

In Europa gab es eine ähnliche Revolution: 2022 wurde Kernenergie als „grüne“ Investition im Sinne der EU-Taxonomie eingestuft. Diese Kehrtwende veranschaulicht der Pragmatismus Deutschlands, das die Stromerzeugung aus Kernkraft auf seinem Boden zwar ablehnt, sich aber ihrer Nutzung auf EU-Ebene im Gegenzug für Zugeständnisse bei seinem Erdgasverbrauch nicht mehr widersetzt.

In Asien sind ähnliche Entwicklungen im Gange. In Indien ermöglicht ein Gesetz von 2025 privatem Kapital – auch ausländischem – den Zugang zur Kernkraft. China, das im Begriff ist, die weltweite Führungsposition bei der Produktion von Kernenergie einzunehmen, hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, um sich enorme Investitionen in diesem Segment zu sichern. Diese sollen dem Land ermöglichen, bis 2060 CO2-neutral zu werden – und ganz nebenbei seine Rechenzentren zu versorgen. Ähnliche Initiativen gibt es inzwischen in Südkorea und selbst in Japan, wenngleich die Kernkraft dort schmerzhafte Erinnerungen an Fukushima wachruft.

SMR als Energiequelle der KI-Ära

Die Privatwirtschaft zieht ebenfalls mit. Microsoft hat einen Vertrag für die Wiederinbetriebnahme einer symbolträchtigen Anlage unterzeichnet: des Kernkraftwerks Three Mile Island, das 2019 geschlossen wurde und 1979 Schauplatz eines historischen Unfalls war. Auch Meta ist ein Engagement über zwanzig Jahre bei einem Standort eingegangen, der das Ende seiner Nutzungsdauer erreicht hat. Google, Oracle und OpenAI setzen hingegen auf SMR-Projekte.

Diese Begeisterung erstickt jedoch nicht zwangsläufig die Entwicklung der erneuerbaren Energien – jedenfalls nicht in China. In den USA wäre dies vorübergehend möglich. Nach wie vor bieten Erneuerbare aber klare Vorteile: Sie sind schneller zu installieren und mit geringeren Kosten und Risiken verbunden. Allerdings lassen sie sich immer noch schwer steuern. Im Wettrennen um Elektrizität sind daher alle Lösungen willkommen.

Diese atemberaubenden Aussichten sorgen für Begeisterung am Markt. Der oben erwähnte Index weist äußerst angespannte Bewertungen auf: Laut Bloomberg betragen diese mehr als das 50-fache der für 2026 erwarteten Gewinne (und das 127-fache der aktuellen Gewinne). Ist dies ein Zeichen irrationalen Überschwangs? Das hängt allein von der KI-Entwicklung ab. Sollte der Strombedarf so gigantisch bleiben, wird die Kernkraft sich als großer Gewinner dieses verrückten Wettlaufs erweisen. Auf einer Rennstrecke trägt schließlich derjenige den Sieg davon, der genug Energie hat.

[1] Stand: 26.02.2026

Den ausführlichen Beitrag finden Sie im angehängten PDF.

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