
Es ist das langweiligste Argument für europäische Aktien — und vielleicht das stärkste: Wer in den letzten zehn Jahren in den MSCI Europe investiert war und die Dividenden reinvestiert hat, erzielte eine Gesamtrendite, die die reine Kursentwicklung um satte 30 Prozentpunkte übersteigt.
17.04.2026 | 09:12 Uhr
In den USA waren es im gleichen Zeitraum nur 13 Prozentpunkte. Dividenden machen in Europa schlicht 41 Prozent der langfristigen Gesamtrendite aus — in den USA, deren Markt von ausschüttungsarmen Technologieriesen dominiert wird, lediglich 15 Prozent.
Der Home Bias kehrt zurück — diesmal mit Zahlen
Europäische ETF-Anleger haben 2025 ihren Home Bias wiederentdeckt, und die Flowdaten sind eindeutig. Die kombinierten Zuflüsse in Europe Large Cap und Eurozone Large Cap UCITS ETFs haben im vergangenen Jahr die Zuflüsse in US-Produkte übertroffen, bei einer deutlich kleineren Asset Basis. Europe Large Cap und Eurozone Large Cap vereinen zusammen rund 250 Milliarden Dollar an verwalteten Vermögen; US-Large-Cap-ETFs kommen auf über 600 Milliarden Dollar. Dennoch floss mehr Geld nach Europa als in die USA.
Im Februar 2026 allein sammelten Dividendenstrategien innerhalb europäischer UCITS-ETFs netto 4,8 Milliarden Dollar ein. Unter allen Stilfaktoren — Value, Momentum, Multi-Faktor, Growth, Volatilität, Qualität — dominieren Dividendenstrategien 2025 mit Abstand, mit 2,7-fachem Vorsprung gegenüber dem nächstplatzierten Faktor Value.
Der Grund liegt nicht in einem plötzlichen Enthusiasmus für europäische Wachstumsfantasien. Er liegt im Gegenteil: Im Zuge handelspolitischer Spannungen, des Iran Kriegs und anhaltender Volatilität suchen Anleger Stabilität, und finden sie in europäischen Dividendentiteln.
Was Europa 2026 nicht ist — und warum man trotzdem investieren sollte
Es wäre unehrlich, das Gewinnwachstum europäischer Unternehmen schönzureden. Die Prognosen für den Stoxx 600 begannen das Jahr 2025 bei erwarteten +11 Prozent für das vierte Quartal — und wurden im Laufe des Jahres systematisch nach unten revidiert, bis zuletzt auf −4 Prozent. Die tatsächliche Saison lief besser als befürchtet und endete bei rund −0,4 Prozent — aber das ist kein Wert, der Begeisterung auslöst.
Das Muster ist bekannt: Analysten starten das Jahr mit zweistelligen Prozentwerten Gewinnwachstum als Basisannahme. Im Durchschnitt der letzten Jahre wurden diese Schätzungen im Jahresverlauf um 8 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Bleibt das auch 2026 so, landet Europa am Jahresende bei realem Gewinnwachstum von rund 3 Prozent. Das ist kein Rezessionssignal, aber auch keine Grundlage für Euphorie.
Die strukturellen Bremsen sind real: fehlende KI-Champions (ASML als weitgehend singuläre Ausnahme), rigide Arbeitsmärkte, demografischer Gegenwind, hohe staatliche Transferquoten. Das KGV des Stoxx 600 liegt aktuell bei rund 17–18, jenes des S&P 500 bei 24. Dieser Abschlag ist nicht irrational, er ist verdient.
Daher: Wer Europa mit dem Argument kauft, diesmal werde es wirklich anders, der spielt ein riskantes Spiel. «Dieses Mal ist alles anders» gilt als teuerste Überzeugung in der Finanzbranche. Der seriösere Ansatz ist ein anderer: Europa nicht wegen seiner Wachstumsstory kaufen, sondern trotz ihrer Abwesenheit.
Das 500-Milliarden-Paket als Joker — aber erst im zweiten Halbjahr
Es gibt einen Wildcard-Faktor für 2026, der Europa von früheren Enttäuschungsjahren unterscheidet: fiskalische Impulse in einem bisher unbekannten Ausmaß. Deutschlands 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung ist das prominenteste Beispiel. Hinzu kommen noch nicht vollständig abgerufene RRF-Mittel (Recovery and Resilience Facility) der EU aus der Corona-Ära.
Der Haken: Diese Impulse schlagen erst mit Verzögerung auf Unternehmensgewinne durch. Realistischerweise in Zahlen sichtbar — erst im zweiten Halbjahr 2026. Wer auf Quartalszahlen wartet, um dann zu kaufen, dürfte zu spät sein.
Dividenden als Eintrittsticket: 4,23 Prozent Rendite gegen 1,3 Prozent in den USA
Wer Europa spielen will, ohne auf den fiskalischen Beweis zu warten, findet in Dividendenstrategien einen strukturell robusten Einstieg. Der Renditevorsprung gegenüber anderen Märkten ist dabei treffend durch Länderdaten belegt (Stand: 18. März 2026, Bloomberg/MSCI):
Den vollständigen Beitrag finden Sie im Anhang.
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