
Kennen Sie das Gefühl am Morgen nach einer guten Feier? Der Abend war großartig. Die Musik stimmte, die Stimmung auch. Nur der Kopf erinnert sich am nächsten Tag anders daran.
22.10.2026 | 09:06 Uhr
1. Die Corona-Lektion vor unserer Haustür
2. Der KI-Boom folgt demselben Drehbuch
An der Börse ist das nicht anders. Und die letzte große Party liegt gar nicht lange zurück.
Erinnern Sie sich an HelloFresh? Während der Lockdowns kochte halb Deutschland mit Kochboxen aus Berlin. Die Aktie wurde zum Liebling der Anleger. Heute notiert sie rund 90 Prozent unter ihrem Hoch. In den USA steht Peloton für dasselbe Muster – Heimtrainer, neue Fabriken, Milliardenpläne. Und dann öffneten die Fitnessstudios wieder.
Was meine ich damit? Keines dieser Unternehmen war schlecht geführt. Das Problem war ein anderes: Die Manager haben eine Ausnahmesituation für den neuen Normalzustand gehalten. Sie haben Kapazitäten für eine Nachfrage gebaut, die es nur auf Zeit gab. Und sie haben dabei übersehen, dass ein Boom die Käufe von morgen oft nur vorzieht.
Heute erleben wir das gleiche Muster. Nur um ein Vielfaches größer. Die großen US-Technologiekonzerne investieren Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren. Chips, Strom, Turbinen, Fachkräfte – alles ist knapp, alles ist teuer. Und kein Vorstandschef will derjenige sein, der zu wenig gebaut hat.
Das ist menschlich. Aber es ist gefährlich. Denn selbst wer diszipliniert bleibt, kann sich der Branche nicht entziehen. Bauen alle anderen zu viel, sinken die Preise für alle.
Hinzu kommt: Ein wachsender Teil dieser Investitionen wird nicht mehr aus dem laufenden Geschäft bezahlt, sondern mit Schulden. Solange die Party läuft, fällt das niemandem auf. Bleibt die Nachfrage hinter den Erwartungen zurück, bleiben die Kredite trotzdem. Genau das war bei Peloton der eigentliche Schmerz: Die Kunden gingen. Die Verbindlichkeiten blieben.
Damit kein Missverständnis entsteht: Ich halte KI für eine echte Revolution. Wir werden in zehn Jahren mehr davon nutzen, nicht weniger. Aber eine richtige Technologie macht noch keine gute Aktie. Das Internet hat die Welt verändert – und trotzdem haben viele Anleger, die im Jahr 2000 auf die damaligen Gewinner gesetzt haben, über ein Jahrzehnt auf ihr Geld gewartet.
Warren Buffett hat es treffend formuliert: „Only when the tide goes out do you discover who's been swimming naked."
Wie einseitig die Party gerade ist, zeigt ein Blick unter die Oberfläche. Der S&P 500 notiert nahe am Rekordhoch. Gleichzeitig liegt die mittlere Aktie im Index 17 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Etwa zwei von fünf Titeln stecken mit mehr als 20 Prozent Minus im Bärenmarkt. Eine kleine Gruppe von KI-Konzernen trägt den gesamten Markt. Der Rest feiert nicht mit.
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