Starkes Wachstum kann die Zweifel an der Rentabilität der KI-Investitionen nicht vollständig ausräumen
12.08.2026 | 05:52 Uhr
Mit den jüngst erreichten historischen Höchstständen verläuft das Börsenjahr 2026 für den S&P 500, der damit bereits das vierte Jahr in Folge mit positiver Wertentwicklung abschließen könnte, ausgesprochen positiv. Wesentlicher Treiber war bis dato der KI-Komplex rund um die Halbleiterwerte, die von den enormen Investitionssummen der führenden Cloud-Anbieter und Rechenzentrumsbetreiber profitieren. Laut Schätzungen der Bank of America dürfte dieses Investitionsvolumen in 2027 die Marke von einer Billion USD übertreffen und damit die Free-Cashflow-Generierung der Hyperscaler Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft maßgeblich belasten (siehe Abbildung 1).

Wenig verwunderlich werden in diesem Zusammenhang die Fragen nach der langfristigen Rentabilität dieser massiven Investitionen lauter. Tatsächlich hatten sich die Aktien der genannten führenden Data Center-Betreiber seit Jahresbeginn bis in etwa zur Veröffentlichung der Amazon-Quartalszahlen Ende Juli überwiegend schlechter entwickelt als der S&P 500 (siehe Abbildung 2). Ein Blick auf das jüngst vorgelegte Zahlenwerk der großen Rechenzentrumsbetreiber Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft zeigt vor diesem Hintergrund Licht und Schatten.

Bemerkenswert ist zunächst, dass die genannten Unternehmen trotz ihrer immensen Größe allesamt ein prozentual zweistelliges und – mit Ausnahme von Meta – sogar sich beschleunigendes Umsatzwachstum erzielten. Obwohl Alphabet mit seinem Cloud-Segment im abgelaufenen Quartal ein überragendes Wachstum von 82% verzeichnete, reagierte die Alphabet-Aktie zunächst eher ernüchternd auf das Zahlenwerk. Hintergrund könnte unter anderem die Tatsache sein, dass Alphabet im Zusammenhang mit dem auf eine Spanne von 195-205 Mrd. USD angehobenen Investitionsvolumen in der Berichtsperiode zum ersten Mal seit dem Börsengang im Jahr 2004 einen negativen Free Cashflow generierte. Positiv zu werten ist hingegen die Nachricht, dass Alphabet im zweiten Quartal erstmals Umsätze aus dem Verkauf seiner in Kooperation mit Broadcom entwickelten TPU-KI-Beschleuniger erzielte, die in den nächsten Monaten deutlich anziehen dürften.
Bei Amazon verkündete CEO Andy Jassy, dass sowohl das KI- als auch das Chipgeschäft innerhalb von AWS mittlerweile ein annualisiertes Umsatzniveau von jeweils mehr als 25 Milliarden US-Dollar erreicht hätten. Das prozentual dreistellige Wachstum in diesen Segmenten dürfte ein wesentlicher Treiber des starken Wachstums von beinahe 37% innerhalb der AWS-Cloud-Sparte gewesen sein, was die höchste Wachstumsrate seit 18 Quartalen darstellt. Vor dem Hintergrund dieser Rekorde störten sich die Anleger zunächst nicht an dem auf ein Volumen von 220 Mrd. USD angehobenen Investitionsprogramm für 2026.
Bei Microsoft standen neben dem herausragenden Azure-Wachstum von 43% und dem sich verbessernden Copilot-Momentum auch die Kommentare des Management-Teams bezüglich der geplanten Investitionen im Geschäftsjahr 2027 im Fokus. Dabei schienen die Investoren erleichtert auf die Aussage von CFO Amy Hood zu reagieren, wonach Microsoft auch das kommende Geschäftsjahr mit einem positiven Free Cashflow abschließen dürfte.
Sollten die Prognosen zum Investitionsvolumen der Hyperscaler eintreffen und die Gesamtinvestitionen die Marke von einer Billion US-Dollar im kommenden Jahr deutlich überschreiten, könnte es bei Alphabet, Amazon und Meta zu Mittelabflüssen auf Free-Cashflow-Basis kommen. Trotz des starken Wachstums bei den Umsätzen und den immensen ausgewiesenen Gewinnen der Hyperscaler bliebe daher – wie schon aktuell – nicht viel für die Anteilseigner übrig, wie die zuletzt reduzierten oder teilweise vollständig ausgesetzten Aktienrückkäufe zeigen.
Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass die Anleger zunehmend beunruhigt scheinen und die Rentabilität der Data Center-Investitionen verstärkt in den Vordergrund rückt. Genau diese Unsicherheit hinsichtlich der zukünftigen Kapitalrenditen dürfte ein wesentlicher Faktor für das eher mäßige Abschneiden der Hyperscaler am Aktienmarkt bis zur Veröffentlichung der Amazon-Quartalszahlen Ende Juli gewesen sein.
Besonders umstritten scheinen die Data Center-Investitionen von Meta. Das Unternehmen verzeichnete zwar ein beeindruckendes Umsatzwachstum von 28%, betreibt aber im Gegensatz zu den übrigen dominanten Rechenzentrumsbetreibern bis dato keine klassische Cloud-Sparte. Eine solche könnte aber für die zukünftige Monetarisierung von Rechenzentrumsinvestitionen entscheidend sein und als zweites profitables Standbein dienen, welches durch die Vermietung der enormen KI-Kapazitäten an Drittunternehmen planbare Umsätze generiert. Meta selbst scheint dies anerkannt zu haben und prüft Berichten zufolge derzeit die Vermietung von ungenutzten Rechenkapazitäten an Dritte.
Doch auch bei den übrigen Hyperscalern scheint es herausfordernd zu beurteilen, in welchem Ausmaß das Cloud-Wachstum durch tatsächliche KI-Workloads von Endkunden getrieben ist. Kritische Stimmen hinterfragen hierbei unter anderem, in welchem Ausmaß Kooperationen mit Modellentwicklern wie OpenAI oder Anthropic – ebenso wie interne KI-Initiativen – die derzeitige Beschleunigung des Cloud-Wachstums tragen und wie nachhaltig die damit zusammenhängenden Umsätze sind. Gerade im etwaigen Falle einer sich verzögernden Profitabilität der Modellentwickler dürften die Bedenken zunehmen, ob diese ihre erheblichen Verpflichtungen gegenüber den Hyperscalern bedienen können. Hierbei wird vor allem bemängelt, dass sich die immensen Auftragsbestände der Hyperscaler häufig auf bestimmte Kunden wie etwa OpenAI oder Anthropic konzentrieren und die großen Vorabinvestitionen beziehungsweise Verpflichtungen der Hyperscaler dadurch im weitesten Sinne einer Art Darlehen an die noch jungen Modellentwickler gleichkommen. Diese teils sehr umfangreichen vertraglichen Zahlungsverpflichtungen der Hyperscaler beliefen sich beispielsweise bei Alphabet zum Ende des zweiten Quartals auf insgesamt 811 Mrd. USD und umfassen unter anderem langfristige Lieferverträge für technische Infrastruktur sowie Energiebezugsvereinbarungen.
Risikomindernd dürften in diesem Zusammenhang insbesondere eine diversifizierte Kundenbasis, ein weitgehend durch operative Mittelzuflüsse gedecktes Investitionsprogramm sowie eine ansonsten solide Unternehmensbilanz wirken. Unternehmensspezifische Kennziffern wie etwa die Monetarisierung neuartiger KI-gestützter Suchübersichten oder Copilot-Nutzer-Metriken können darüber hinaus weitere Indizien zum aktuellen Reifegrad der jeweiligen KI-Strategien liefern.
Quellen:
Alphabet Inc. (Juli 2026): Quarterly Report for the Quarterly Period Ended June 30, 2026, Quartalsbericht (Form 10-Q). https://s206.q4cdn.com/479360582/files/doc_financials/2026/q2/GOOG-10-Q-Q2-2026.pdf
Amazon.com, Inc. (Juli 2026): Amazon.com Announces Second Quarter Results, Ergebnisveröffentlichung zum zweiten Quartal 2026. https://s2.q4cdn.com/299287126/files/doc_earnings/2026/q2/earnings-result/AMZN-Q2-2026-Earnings-Release.pdf
Fisher, Brandon (August 2026): Google Built Credit Guarantee Infrastructure Giving Its TPU Chips 2-Point Rate Edge Over Nvidia, TechTimes. https://www.techtimes.com/articles/322900/20260804/google-built-credit-guarantee-infrastructure-giving-its-tpu-chips-2-point-rate-edge-over-nvidia.htm
Meta Platforms, Inc. (Juli 2026): Meta Reports Second Quarter 2026 Results, Ergebnisveröffentlichung zum zweiten Quartal 2026. https://s21.q4cdn.com/399680738/files/doc_financials/2026/q2/Meta-06-30-2026-Exhibit-99-1-FINAL.pdf
Microsoft Corp. (Juli 2026): Microsoft Cloud and AI Strength Fuels Fourth Quarter Results, Ergebnisveröffentlichung zum vierten Quartal und zum Geschäftsjahr 2026. https://www.microsoft.com/en-us/investor/earnings/FY-2026-Q4/press-release-webcast
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