
Auch wenn sie nicht unbedingt weniger gehaltvoll sind als das Käsefondue an Silvester, könnten sich die Finanzprognosen für das Jahr 2026 schnell als überholt oder illusorisch erweisen.
07.01.2026 | 05:00 Uhr
Besser wäre es, eine wirklich langfristige Sichtweise an den Tag zu legen. Wagen wir also Prophezeiungen für das Jahr 2036!
Die Vergänglichkeit der Marktführerschaft
Mit Blick auf diesen Zeithorizont scheint eines gewiss zu sein: Der weltweit führende Titel wird mit Sicherheit nicht derselbe sein wie heute. In zehn Jahren werden die heutigen Spitzenwerte aufgrund der finanziellen Revolutionen zweifellos anderen Titeln Platz gemacht haben. 2005 war Exxon die Nummer eins - der Königswert im Ölsektor, an den man sich heute kaum erinnert. Eine ironische Wendung angesichts des inzwischen extrem niedrigen inflationsbereinigten Rohölpreises (weniger als 60 US-Dollar für die Sorte WTI 1.
Technologische Dominanz ist kein Dauerzustand
Nach der Smartphone-Revolution im Jahr 2015 hatte Apple lange Zeit die Nase vorn. Inzwischen hat allerdings Nvidia, nach einem Kursanstieg von 23.000 % über zehn Jahre, dem Unternehmen den Rang abgelaufen. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der Nvidia wächst, ist es kaum vorstellbar, dass Apple diesen Abstand wieder aufholen kann – es sei denn, es kommt zu einer weiteren revolutionären Entwicklung bei der Marke mit dem Apfel. Allerdings hinkt Apple mit Innovationen im Bereich künstliche Intelligenz etwas hinterher. Sollte die finanzielle Revolution jedoch ihr Werk der schöpferischen Zerstörung fortsetzen, kann man – natürlich ohne Gewissheit zu haben – durchaus darauf wetten, dass Nvidia in zehn Jahren die Führung längst abgegeben hat.
Wer trägt die nächste Wachstumswelle?
Wer wird also der nächste Shooting Star sein? Könnte es beispielsweise das Unternehmen Palantir werden, das bereits einen kometenhaften Aufstieg hinter sich hat und mit dem 170-fachen des für 2026 geschätzten Gewinns pro Aktie gehandelt wird (laut Bloomberg-Konsens)? Innerhalb von zwei Jahren legte Palantir um fast 1.000 % zu, was nahezu dem Dreifachen des Anstiegs von Nvidia im selben Zeitraum entspricht.
Fraglich ist aber auch, ob der Top-Titel der Zukunft überhaupt noch ein Technologiewert sein wird. Vielleicht wird in zehn Jahren eine andere Branche die finanzielle Vorherrschaft übernommen haben. In einer Zeit, in der sich die Nutzung von Metallen als ganz entscheidend für die Elektrifizierung der Welt erweist, könnte womöglich ironischerweise ein Wert der „alten Welt“ die Führung in der neuen übernehmen – beispielsweise ein Bergbautitel. Das erscheint aus heutiger Sicht gewiss überraschend, aber Silber verzeichnete in diesem Jahr ein Plus von über 150 %, und Terminkontrakte auf Kupfer legten über 27 % zu. Angesichts des absehbaren langfristigen Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage bei diesen Metallen scheint ihr Höhenflug nur der Beginn eines lang anhaltenden Aufstiegs zu sein.
Rohstoffe und Geopolitik als unterschätzte Treiber
Es könnte aber auch sein, dass Werte im Zusammenhang mit dem Krieg – auch in seiner digitalen Form – zu neuen Leitsternen der Wirtschaft werden. Denn beim Streben nach einer weltweiten Vorherrschaft spitzt sich der Wettbewerb zu – auch im Weltall. Wie dem auch sei, eine alleinige Konzentration von Portfolios auf den Technologiesektor könnte sich als kontraproduktiv erweisen.
Staatsverschuldung und die Rückkehr struktureller Risiken
Neben Aktien sind auch Anleihen in den kommenden zehn Jahren eine sinnvolle Anlage. Ein entscheidender Faktor, der zu deutlichen Verwerfungen führen könnte, ist das Vertrauen in Staatsanleihen, das sich deutlich abschwächen könnte. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert zurzeit für die USA bis 2030 ein Verhältnis von Bruttoverschuldung zum BIP von 143 %. Da dieses Verhältnis 2025 bei knapp 125 % lag, ist davon auszugehen, dass es 2036 deutlich über 150 % liegen wird. Ein solches Niveau erinnert an Griechenland oder Italien während der Eurokrise zu Beginn der 2010er Jahre, auch wenn dieser Vergleich angesichts der Macht der USA hinkt. Geldgeber dürften infolgedessen einen höheren Aufschlag verlangen, um den USA weiterhin Geld zu leihen. Die Zinssätze könnten somit strukturell steigen, wodurch Fluchtwerte profitieren könnten. Eine ähnliche Entwicklung war im Jahr 2025 zu beobachten, als der Dollar gegenüber einem Korb von Währungen um über 10 % fiel und damit den Goldpreis um 64 % in die Höhe trieb. Anleger, die bereits an das Jahr 2036 denken, sind daher gut beraten, den US-Zinssätzen zu misstrauen - von den französischen ganz zu schweigen - und ihr Engagement im US-Dollar auf einem moderaten Niveau zu halten.
1 West Texas Intermediate
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