Janus Henderson: Asien als eigenständige Anlageklasse

Andrew Gillan, Head of Asia ex-Japan Equities bei Janus Henderson Investors

Disruption ist ein kontinuierlicher Prozess, den erfolgreiche Anlagestrategien nicht ignorieren können. Andrew Gillan, Head of Asia ex-Japan Equities bei Janus Henderson Investors, erläutert die Anlagechancen in Asien, die sich aus bahnbrechenden Neuerungen ergeben können.

06.11.2018 | 09:28 Uhr

Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung

Disruption ist ein kontinuierlicher Prozess, der weder Länder- noch Sektorgrenzen kennt. Asien steht seit Langem im Zentrum dieses transformativen Wandels. Was heute jedoch anders ist, ist die Rasanz der Disruption und wie massiv und tief greifend ihre Auswirkungen zu spüren sind. Technologische Fortschritte, politische und regulatorische Veränderungen sowie die wachsende Zahl der Konsumenten, die begeistert die neuesten Technologien nutzt, haben Asien an die Spitze der Disruption katapultiert.

Technologie kommt uns oft als Erstes in den Sinn, wenn wir an Disruption denken. Asien ist einer der Hotspots dieser Entwicklung, wie der Anteil von 26 Prozent zeigt, den Informationstechnologieunternehmen inzwischen am MSCI Asia Pacific ex-Japan Index haben.

Technologische Fortschritte ermöglichen es neuen Marktteilnehmern schneller als je zuvor, den Platzhirschen gefährlich zu werden und ihnen Marktanteile streitig zu machen. Die rapide Verbreitung von Online- und Mobilfunkdiensten ist dabei ein wichtiger Wegbereiter. In China nutzt mehr als die Hälfte der Bevölkerung Internet, Smartphones und mobile Internetdienste. Die Verbraucher im Reich der Mitte haben schon früh die Vorteile der neuen digitalen Zahlungsmöglichkeiten erkannt, die sie weidlich nutzen. 37 Prozent der Bevölkerung wickeln Zahlungen mobil ab, während dies in den USA nur 15 Prozent tun. China ist damit auf dem besten Weg zu einer bargeldlosen Gesellschaft.

Asiens Vorherrschaft in Sachen technologische Disruption

Asiens Vorherrschaft in Sachen technologische Disruption
Asiens Vorherrschaft in Sachen technologische Disruption

Quelle: EPFR Global, Citi Research, Stand: 12. April 2018

Parallel zur Verschiebung der Verbraucherpräferenzen vollzieht sich ein anderer Trend: die Migration in die Cloud. Sie sorgt für gleiche Wettbewerbsbedingungen, ermöglicht sie den Unternehmen doch den Zugang zu ihren Kunden – jederzeit, überall und zu sehr niedrigen Kosten.  Ein Paradebeispiel dafür ist Tencent. Der chinesische Internetgigant zählt inzwischen mehr als eine Milliarde aktive Nutzer pro Monat in seinem Social-Media-, Messaging- und Spiele-Ökosystem. Das macht deutlich, welche Vorteile sich aus der nahtlosen Verbindung mit den Konsumenten ergeben.
Wenn es um Disruption auf Unternehmens- oder Branchenebene geht, sind Vorzeigefirmen in Asien leicht zu finden. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass einige der besten Anlagen in der Region seit der Jahrhundertwende etablierte Unternehmen sind, die ihren Wettbewerbsvorteil erfolgreich verteidigt oder ausgebaut haben.

Gelungen ist das zum Beispiel TSMC. Als Wegbereiter von Disruption und technologischer Entwicklung hat der weltweit führende Halbleiterhersteller aus Taiwan eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung zu seinen Kunden aufgebaut. Und zwar indem er die Früchte seiner technologischen Neuerungen mit ihnen teilt und seinen Aktionären attraktive und konstante Renditen liefert. Um dies zu erreichen, muss sich TSMC in Windeseile an Veränderungen bei den Geräten anpassen, in denen seine Produkte zum Einsatz kommen.

In den aufstrebenderen Märkten der Region sind dagegen etablierte Finanzdienstleister sehr erfolgreiche Investments. Privatbanken in Indien und die größeren Geldhäuser in Indonesien profitieren von der noch in einem frühen Stadium befindlichen wirtschaftlichen Entwicklung in diesen Ländern. Ihnen wird künftig zweifellos mehr Wettbewerb ins Haus stehen. Aber sie können auf Wachstumskurs bleiben, wenn sie es weiterhin schaffen, die geringe Verbreitung von Finanzdienstleistungen in ihrem jeweiligen Land und die wachsende Nachfrage nach Hypotheken und anderen Finanzprodukten zu ihrem Vorteil zu nutzen. Demografischer Rückenwind mag die Umsätze der Finanzdienstleister beflügeln. Aber an ihrer umsichtigen Geschäftspolitik und ihrem Risikomanagement sollten sie auch künftig festzuhalten.

Die wichtigste Basis für technologischen Fortschritt ist zweifellos das enorme volkswirtschaftliche Pfund, mit dem Asien verglichen mit einigen Industrieländern wuchern kann. Der Konsumtrend und die Bevölkerungsstruktur in der Region bieten den dortigen Unternehmen fantastische Möglichkeiten. In Asien wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) deutlich schneller als weltweit, und dieser Trend wird sich in den kommenden Jahrzehnten aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen. Zudem verfügt die Region über eine wachsende, konsumhungrige Mittelschicht mit in den letzten zehn Jahren exponentiell gestiegenen Ausgaben der Privathaushalte, wie die folgende Grafik zeigt.

Asien mit volkswirtschaftlichem Vorteil
Anstieg der Konsumausgaben der Privathaushalte (indexiert im Jahr 2000 auf 100)

Asien mit volkswirtschaftlichem Vorteil
Asien mit volkswirtschaftlichem Vorteil

Quelle: Weltbank, Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, Stand: 31. Dezember 2017

Trotz dieser Faktoren bleiben Anleger zurückhaltend gegenüber der Region, die nach unserer Einschätzung auch in den globalen Indizes unterrepräsentiert ist. Aus den genannten Gründen spricht unseres Erachtens jedoch viel dafür, dass Asien die traditionelle Kapitalallokation in ihren Grundfesten erschüttern und sich als eigenständige Anlageklasse etablieren wird; Anleger könnten künftig verstärkt ganz gezielt auf dem asiatischen Kontinent investieren, anstatt wie bislang zum Beispiel über globale Schwellenländerfonds. In der Vergangenheit war die Region volatiler als die Industrieländer und wird es wohl auch bleiben. Aber für langfristig orientierte Anleger lohnt sich ein Engagement, wie die Renditen der letzten Jahre zeigen.

Ein wichtiger Schritt zur stärkeren Beachtung Asiens durch die globale Anlegergemeinde wurde in diesem Jahr gemacht, als der chinesische A-Aktienmarkt* in wichtige Indizes aufgenommen wurde. Richtig ist aber auch, dass das schiere Ausmaß der Aktienemissionen den Aufstieg Chinas in wichtigen Indizes befeuert hat und weniger seine anhaltende Outperformance im Vergleich zum Rest der Region.

Weitere politische und regulatorische Entwicklungen spielen ebenfalls eine Rolle und fachen die Disruption in Asien an. Die jüngsten Handelsspannungen zwischen den USA und China mit sich hoch schaukelnden Strafzöllen zeigen zum Beispiel, wie Politik oder marktbewegende Ereignisse nicht nur die Anlegerstimmung, sondern auch die Fundamentaldaten der Unternehmen empfindlich beeinträchtigen können.

Traditionelles Denken, nach dem asiatische Unternehmen allein über niedrige Lohnkosten konkurrieren, hat ausgedient. Innovative Produkte und erfolgreiche, kundenorientierte Geschäftsmodelle der Firmen in der Region eröffnen Anlegern heute spannende Anlagechancen. In den letzten Monaten sorgte der Diebstahl geistigen Eigentums zwar immer wieder für Negativschlagzeilen. Bei Innovationen und besten Lösungen für Kunden aus aller Welt macht den asiatischen Unternehmen aber so schnell niemand etwas vor.

* Chinesische A-Aktien sind Wertpapiere, die an den Börsen in Shenzhen und Shanghai gehandelt werden.

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