Endlich im Blickfeld? Aktien der „Old Economy“ zeigen Flagge
Nach Jahren der Technologiedominanz scheint sich die Marktführerschaft zu verschieben. Wird das von Dauer sein?27.03.2026 | 10:39 Uhr
Das Thema Künstliche Intelligenz (KI), das die Aktienmärkte in den
letzten Jahren dominiert hat, zeigt erste Risse. Während die Anleger das
Ausmaß des Ausbaus der KI-Infrastruktur und die optimistischen Annahmen
über die Einführung von KI neu bewerten, setzt sich eine Gruppe von
Sektoren der „Old Economy“ still und leise wieder durch.
Auch wenn die Auswirkungen des Iran-Krieges an den Märkten vorerst im
Mittelpunkt stehen, wird die Entwicklung hochkarätiger Technologieaktien
für Aktienanleger auf lange Sicht wahrscheinlich ein wichtiges Thema
bleiben. Doch was bedeutet das für die unter dem Radar fliegenden Aktien
der Old Economy in weniger glamourösen Sektoren wie Basiskonsumgüter,
Gesundheitswesen und Energie? Viele Unternehmen in diesen Sektoren haben
sich jahrelang stetig weiterentwickelt und dabei hohe Gewinne, viel
Barmittel und attraktive Dividendenrenditen erwirtschaftet.
Leider führen solide Fundamentaldaten nicht immer zu Kursgewinnen.
Selbst wenn Unternehmen die Schätzungen übertreffen oder ihre Prognosen
nach oben korrigieren, kann die Anlegerpsychologie die Oberhand
gewinnen. Infolgedessen haben viele Aktien der Old Economy in den
letzten Jahren trotz eines starken Gewinnwachstums kaum oder gar keine
Aufwertung erfahren.
Erste Risse in der Marktkonzentration
Dieser Trend zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Zusammensetzung der großen US-Aktienindizes. Weil die Anleger ihr Vermögen seit geraumer Zeit in die Technologietitanen lenken, ist der breitere US-Markt stark konzentriert. Noch im dritten Quartal 2025 machten die acht größten US-Aktien fast 42 % der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus (Abbildung), was hauptsächlich auf KI-bezogene Aktien in den Sektoren Informationstechnologie, Kommunikationsdienste und Nicht-Basiskonsumgüter zurückzuführen ist. Das bedeutet, dass nur 1 % der S&P-Titel einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Märkte haben.
Ändert sich diese Dynamik? Bis Mitte März war die Marktkapitalisierung der acht größten Aktien auf knapp 38 % zurückgegangen – im historischen Vergleich immer noch hoch, aber eine bedeutende Verschiebung in eine ausgewogenere Richtung. Während ähnliche Rotationen in den letzten Jahren schnell wieder abflauten, glauben wir, dass neue Umstände diesmal für einen beständiger breiteren Markt sorgen könnten.
KI-Ausbau verändert die Strukturen von Technologieunternehmen
Der fortschreitende Ausbau der KI verändert langsam, was es bedeutet,
ein Technologieunternehmen zu sein. Hyperskalierer – große Anbieter von
Cloud-Diensten und Technologieinfrastruktur – geben enorme Geldsummen
für den Aufbau von KI-Infrastruktur wie Rechenzentren, Stromnetze und
Computerressourcen aus. Diese riesigen Unternehmen haben für einen Teil
ihres Kapitalbedarfs die öffentlichen Anleihemärkte und private Kredite angezapft,
aber viele finanzieren den Ausbau auch aus ihren eigenen Barreserven.
Das senkt den freien Cashflow von Technologieunternehmen und verwandelt
sie von traditionell „asset-Light“-Unternehmen in Firmen mit bedeutenden
Vermögenswerten in ihren Bilanzen. Und trotz der hohen Investitionen
gibt es keine Garantie, dass sich diese KI-Vermögenswerte auszahlen
werden – insbesondere angesichts der optimistischen Annahmen über die
Einführung von KI.
Sicherlich haben einige der Megacaps robuste Geschäftsmodelle und
Gewinnaussichten. Die enormen Kapitalmengen, die in die KI fließen,
könnten jedoch auch zu mehr Wettbewerb in den Kerngeschäften der
Technologieunternehmen führen.
Und es sind nicht nur die Megacaps gefährdet.
Die Verbreitung von KI droht Softwareunternehmen
und andere digitale Unternehmen jeder Größe zu gefährden. Die
Anlegerbedenken spiegeln sich in sprunghaften Marktreaktionen auf selbst
geringfügige Korrekturen der Gewinnprognosen wider – ein tiefgreifender
Wandel für eine Branche, die sich weitgehend einer positiven
Anlegerstimmung erfreut hat.
Rückkehr der Dinosaurier?
Während Tech-Aktien zu kämpfen haben, zeigen Anleger eine neue
Wertschätzung für Unternehmen mit hoher Free-Cash-Conversion und
größerer Widerstandsfähigkeit gegenüber dem volatilen KI-Thema. Obwohl
viele über starke Geschäftsmodelle und wiederkehrende Einnahmequellen
verfügen, waren ihre Bewertungen jahrelang im Dornröschenschlaf, weil
sie nicht so schnell gewachsen sind wie die großen
Technologieunternehmen, die die Schlagzeilen dominiert haben.
Vielleicht stehen wir an der Schwelle zu einer „Rache der
Dinosaurier“-Phase, wie ein Analyst von Goldman Sachs kürzlich in einer
Research-Note treffend bemerkte.
In solch einem neuen Umfeld könnte das Umsatzwachstum letztendlich
weniger wichtig werden als Wettbewerbsvorteile. Typischerweise
implizieren Wettbewerbsvorteile Eintrittsbarrieren. Aber zunehmend
könnten Wettbewerbsvorteile auch Barrieren gegen KI-bedingte Störungen
darstellen – einschließlich Bedrohungen für Kerngeschäftsmodelle. Im
Laufe der Zeit könnte diese Isolationsschicht dauerhafte
Wettbewerbsvorteile bieten. Durch die Erwirtschaftung eines hohen freien
Cashflows und eines bescheidenen, aber nachhaltigen Wachstums könnten
Unternehmen der alten Garde eine fortgesetzte Neuberwertung erleben,
wenn ihre Wettbewerbsvorteile Bestand haben. Diejenigen mit etablierten
Marken und massiver globaler Reichweite könnten sogar noch dauerhaftere
Vorteile erzielen.
KI kann auch Unternehmen der Old Economy zum Erfolg verhelfen. Einige
könnten sogar ihre Wettbewerbsvorteile durch Produktivitätssteigerungen
mittels KI und neue Einnahmen aus dem KI-Ausbau selbst stärken. Denken
Sie an Industrie, Energie, Rohstoffe und Finanzen. Unserer Ansicht nach
könnte der Investitionsboom ein Segen für bisher unbeliebte Unternehmen
in diesen Sektoren sein.
Bewertungen der Old Economy bleiben überzeugend
Nach Jahren niedriger Bewertungenen könnte sich die große Dispersion am Aktienmarkt allmählich verringern. In jüngster Zeit haben ausgewählte Titel in den Sektoren Basiskonsumgüter, Rohstoffe und Energie eine neue Dynamik erfahren (Abbildung), obwohl die Bewertungen der Old Economy größtenteils attraktiv bleiben. Darüber hinaus haben sich diese Unternehmen in der Vergangenheit bei schwächeren wirtschaftlichen Bedingungen gut entwickelt, was sie widerstandsfähiger machen könnte, wenn geopolitische Umwälzungen einen Anstieg der Ölpreise auslösen und die Weltwirtschaft zu erschüttern drohen.
Die KI-Revolution wird sich schubweise vollziehen, während die Märkte Gewinner, Verlierer und Zeitpläne neu bewerten. Wir glauben, dass in diesem Prozess unterbewertete Unternehmen mit dauerhaften Cashflows und starken Wettbewerbsvorteilen wertgeschätzt werden. Für diversifizierte Anleger eröffnet dies einen Weg zu Erträge jenseits der großen Technologieunternehmen in übersehenen Geschäftsbereichen, die von KI profitieren und deren Disruption standhalten können.
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