Jenseits der KI-Dominanz im MSCI EM: Welche Schwellenländer ein "Anti-Nasdaq" Gewicht darstellen

Marcus Weyerer, Director ETF Strategy bei Franklin Templeton Quelle: Franklin Templeton
Aktienindex

Viele Anleger investieren in Schwellenländer, um ihr Portfolio gegenüber den stark US dominierten Industrieländerindizes breiter aufzustellen. Doch diese Rechnung geht heute nur noch bedingt auf.

08.09.2026 | 09:32 Uhr

Der MSCI Emerging Markets ist längst nicht mehr der Gegenentwurf zum technologiegetriebenen US Aktienmarkt, als den ihn manche Investoren noch betrachten. Taiwan und Südkorea machen zusammen fast die Hälfte des Index aus. Hinzu kommt China, dessen jüngste Marktbewegungen ebenfalls stark von Technologieunternehmen geprägt wurden. Insgesamt lässt sich inzwischen ein erheblicher Teil des Index dem erweiterten KI Komplex zurechnen.

Das ist zunächst nicht negativ. Im Gegenteil: Die asiatischen Schwellenländer bieten Zugang zu anderen Teilen der KI Wertschöpfungskette als der US Markt. Während dort vor allem Chipdesigner, Plattformunternehmen und Hyperscaler dominieren, befinden sich in Taiwan und Südkorea einige der wichtigsten Produzenten von Halbleitern, Speicherchips und technischer Infrastruktur. Ein Emerging Markets Investment kann daher sehr wohl diversifizieren, allerdings eher innerhalb des KI Ökosystems als gegenüber dem KI Thema insgesamt.

Genau darin liegt das Konzentrationsrisiko. Wer bereits über einen globalen Aktienindex stark in den großen US Technologiewerten investiert ist und anschließend einen marktgewichteten Emerging Markets ETF ergänzt, erhält möglicherweise weniger zusätzliche Diversifikation als erwartet. Das bedeutet nicht, dass Anleger dem KI Zyklus den Rücken kehren sollten. Wir halten die strukturelle Entwicklung weiterhin für intakt und sehen uns eher am Anfang als am Ende dieses Trends. Aber auch eine überzeugende langfristige Investmentthese ist kein Argument dafür, ein Portfolio einseitig darauf auszurichten.

Anleger sollten Emerging Markets deshalb zunehmend nicht mehr als homogenen Block betrachten. Die einzelnen Länder unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Wirtschaftsstruktur, Wachstumstreiber, Sektorengewichte und Abhängigkeit vom globalen Technologiezyklus. Eine gezielte Aufteilung, die „Disaggregation“ der Emerging Markets, kann helfen, diese Unterschiede bewusst zu nutzen.

Indien ist dafür ein gutes Beispiel. Das Land verbindet mehrere langfristige Wachstumstreiber: eine junge und wachsende Bevölkerung, steigende Einkommen, einen hohen Anteil des Binnenkonsums, umfangreiche Infrastrukturinvestitionen sowie eine weit fortgeschrittene Digitalisierung. Hinzu kommen Reformen, Investitionsanreize und der politische Wille, Indien stärker als Produktionsstandort in globale Lieferketten zu integrieren. Natürlich spielt Technologie hier ebenfalls eine wichtige Rolle, allerdings breiter als im klassischen KI Narrativ. Software, IT Dienstleistungen, digitale Zahlungssysteme und die Modernisierung der heimischen Wirtschaft stehen stärker im Mittelpunkt.

Brasilien bildet dazu beinahe die „Anti-Nasdaq“. Informationstechnologie hat im brasilianischen Aktienmarkt nur ein sehr geringes Gewicht. Stattdessen dominieren Banken, Energie, Materialien und Rohstoffunternehmen. Das Land bietet Zugang zu langfristigen Themen wie Agrarrohstoffen, Ernährung, Energie, Metallen und teilweise auch strategisch wichtigen Rohstoffen. Diese Unternehmen reagieren oft auf andere Konjunktur-, Inflations- und Preiszyklen als die großen US Technologiekonzerne. Gerade deshalb können brasilianische Aktien in einem globalen Portfolio eine echte diversifizierende Funktion übernehmen.

Natürlich bringen Einzelländerinvestments eigene Risiken mit sich. In Brasilien gehören dazu politische Einflussnahme, die Rolle staatlicher Beteiligungen und die Abhängigkeit von Rohstoffpreisen. Indien wiederum ist nach der starken Entwicklung der vergangenen Jahre nicht in allen Marktsegmenten günstig bewertet und bleibt als Energieimporteur anfällig für hohe Ölpreise. Diversifikation bedeutet daher nicht, Risiken zu vermeiden, sondern unterschiedliche Risiken miteinander zu kombinieren.

Neben Einzelländerstrategien können auch fundamental gewichtete oder faktorbasierte Emerging Markets Indizes eine Alternative sein. Strategien mit Fokus auf Qualitaet, Bewertung oder Dividenden können die starke Gewichtung der größten Technologieunternehmen teils reduzieren. Sie ersetzen jedoch nicht die bewusste Entscheidung darüber, welchen Ländern und wirtschaftlichen Treibern ein Anleger tatsächlich ausgesetzt sein möchte.

Der zentrale Punkt lautet daher: Ein Emerging Markets Index ist heute kein automatischer Diversifikator mehr. Wer Schwellenländer lediglich als Ergänzung zu einem globalen Aktienindex kauft, sollte genauer hinsehen. Die wirkliche Diversifikationskraft der Emerging Markets entsteht nicht allein durch das Etikett, sondern durch ihre sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften. Indien und Brasilien zeigen, wie groß diese Bandbreite ist und warum ein gezielterer Blick auf einzelne Länder sinnvoll sein kann.

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