
Während künstliche Intelligenz die globalen Aktienmärkte prägt und die Bewertungen vieler Technologiewerte in die Höhe treibt, eröffnet sich in Europa ein differenzierteres Bild.
27.10.2026 | 14:45 Uhr
Thorsten Winkelmann, Chief Investment Officer – European and Global Growth Equities bei AllianceBernstein, sieht gerade abseits der großen KI-Gewinner attraktive Chancen für langfristig orientierte Anleger. Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen, hoher Profitabilität und nachhaltigem Gewinnwachstum rücken zunehmend in den Fokus. Entscheidend ist dabei ein selektiver Anlageansatz, der Qualität, Wettbewerbsstärke und langfristige Wachstumsperspektiven in den Mittelpunkt stellt.
Der KI-Boom dominiert weiterhin das Geschehen an den internationalen Aktienmärkten. Insbesondere Halbleiterunternehmen haben maßgeblich zur Wertentwicklung globaler Wachstumsaktien beigetragen. Gleichzeitig geraten Software- und Internetunternehmen unter Druck, deren Geschäftsmodelle durch die rasante technologische Entwicklung herausgefordert werden. Die jüngsten Unternehmensergebnisse in Europa fielen erfreulich aus, während die Bewertungskennzahlen gleichzeitig zurückgingen (Abbildung 1). Diese Entwicklung deutet auf eine wachsende Diskrepanz zwischen der operativen Stärke vieler Unternehmen und ihrer Bewertung am Aktienmarkt hin – und eröffnet langfristig orientierten Anlegern potenzielle Chancen.
Für Anleger gewinnt deshalb eine disziplinierte Titelauswahl an Bedeutung. Statt auf kurzfristige Marktbegeisterung zu setzen, sollten Unternehmen im Fokus stehen, die strukturelle Wachstumstrends wirtschaftlich nachhaltig nutzen können. Dazu zählen beispielsweise europäische Halbleiterausrüster wie ASML und Besi. Sie profitieren von der steigenden Nachfrage nach Rechenleistung, der zunehmenden Verbreitung von KI-Anwendungen und dem Ausbau cloudbasierter Infrastrukturen. Ihre etablierten Marktpositionen und technologischen Wettbewerbsvorteile ermöglichen einen indirekten Zugang zum KI-Wachstum, ohne ausschließlich auf die unmittelbaren Gewinner des Technologiewandels angewiesen zu sein.
Qualitätswachstum: Fundamentale Stärke zu attraktiveren Bewertungen
In anderen Bereichen hat die starke Konzentration des Marktes auf KI zu Bewertungsverzerrungen geführt. Europäische Qualitätsunternehmen mit belastbaren Geschäftsmodellen, stabilen Cashflows und hoher Kapitalrendite blieben zuletzt vielfach hinter dem Gesamtmarkt zurück. Dadurch sind ihre Bewertungsaufschläge gegenüber dem breiten Aktienmarkt deutlich gesunken (Abbildung 2).Diese Entwicklung eröffnet langfristig orientierten Anlegern interessante Einstiegsmöglichkeiten. Denn Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen, disziplinierter Kapitalallokation und verlässlicher Ertragskraft können auch in einem anspruchsvollen Marktumfeld überzeugen. Entscheidend ist, zwischen kurzfristigen Schwankungen und strukturellen Veränderungen der Geschäftsperspektiven zu unterscheiden.
Die jüngste Verbesserung der Unternehmensergebnisse in mehreren europäischen Branchen unterstreicht, dass sich die Wachstumsperspektiven zunehmend verbreitern. Damit rücken Qualitätsaktien wieder stärker in den Fokus – insbesondere dort, wo solide Fundamentaldaten noch nicht angemessen in den Bewertungen berücksichtigt sind.
Industrieunternehmen: Wachstum aus mehreren Quellen
Auch der europäische Industriesektor bietet attraktive Perspektiven. Während Unternehmen mit Bezug zu KI und Verteidigung bereits von einer starken Gewinndynamik profitierten, litten traditionelle Industriebereiche zuletzt unter höheren Finanzierungskosten und einer schwachen Nachfrage.Inzwischen zeigen sich jedoch in Teilen des Sektors Anzeichen einer Verbesserung. Besonders interessant sind Unternehmen, die organisches Wachstum mit einer gezielten Akquisitionsstrategie verbinden. Dieses Zusammenspiel verschiedener Wachstumstreiber kann die Widerstandsfähigkeit erhöhen und dazu beitragen, Marktanteile sowie Margen auch unter schwierigen Bedingungen auszubauen.
Beispiele hierfür sind The Weir Group, ein Anbieter von Maschinen und Lösungen für Bergbau und Industrie, sowie Addtech, das durch gezielte Übernahmen in spezialisierten industriellen Märkten wächst. Sollten sich die jeweiligen Endmärkte erholen, könnte dies die bestehende Gewinndynamik zusätzlich unterstützen.
Banken im Wandel: Profitabilität und Digitalisierung als Treiber
Europäische Banken galten lange Zeit nicht als klassische Qualitätswachstumswerte. Niedrig- und Negativzinsen sowie die Folgen der Finanzkrise belasteten über Jahre hinweg ihre Ertragskraft. Inzwischen hat sich das Bild deutlich verändert: Viele Institute verfügen über stärkere Kapitalpositionen, verbesserte Profitabilität und modernisierte Geschäftsmodelle.Das veränderte Zinsumfeld hat die Erträge gestützt, während strukturelle Reformen die Widerstandsfähigkeit der Branche erhöht haben. Zugleich schreitet die Digitalisierung voran. Künstliche Intelligenz eröffnet Möglichkeiten, Prozesse effizienter zu gestalten, die Produktivität zu steigern und langfristig Kosten zu senken.
Unter den spezialisierten Instituten fällt Standard Chartered durch ihre internationale Präsenz und ihre Positionierung in wachstumsstarken Märkten Asiens und des Nahen Ostens auf. Die italienische FinecoBank wiederum verbindet ein digital ausgerichtetes Geschäftsmodell mit einer starken Position im Vermögensmanagement und Wertpapierhandel. Beide Beispiele verdeutlichen, dass sich auch innerhalb des Bankensektors Unternehmen mit differenzierten Wettbewerbsvorteilen und strukturellen Wachstumsperspektiven identifizieren lassen.
Nachhaltiges Gewinnwachstum jenseits kurzfristiger Trends
Über die verschiedenen Branchen hinweg zeichnen sich gemeinsame Erfolgsfaktoren ab: belastbare Wettbewerbsvorteile, operative Exzellenz, Preissetzungsmacht und eine disziplinierte Kapitalallokation. Hinzu kommen sich verbessernde Marktbedingungen und Geschäftsmodelle, die auf unterschiedliche Wachstumstreiber setzen. Für Anleger eröffnet sich damit eine Alternative zur starken Konzentration auf wenige, hoch bewertete Technologiewerte. Europa verfügt über Unternehmen, die langfristiges Wachstum nicht allein aus einem einzelnen Megatrend schöpfen, sondern aus ihrer Marktstellung, ihrer Innovationskraft und ihrer Fähigkeit, Kapital effizient einzusetzen.
Unser Fazit: Die Suche nach attraktivem Wachstum sollte sich nicht auf die unmittelbaren Profiteure der künstlichen Intelligenz beschränken. Gerade in weniger beachteten europäischen Marktsegmenten können sich Chancen ergeben, qualitativ hochwertige Unternehmen zu angemessenen Bewertungen zu erwerben. Wer kurzfristige Marktströmungen von nachhaltiger Ertragskraft unterscheidet, kann ein diversifiziertes Wachstumsportfolio aufbauen, das auch jenseits des KI-Booms langfristige Perspektiven bietet.
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