China Aktien: Untergewichtet. Unterbewertet. Unterschätzt.

China Aktien: Untergewichtet. Unterbewertet. Unterschätzt.
Aktien

In einem Jahr, das viele Skeptiker überrascht hat, legten chinesische Aktien 2025 deutlich zu – getragen von besseren Unternehmensfundamentaldaten, steigenden Gewinnen und politischen Reformen.

24.02.2026 | 12:05 Uhr

China startet 2026 damit aus einer soliden Ausgangslage in die nächste Phase der Erholung, wobei ein selektiver Ansatz entscheidend bleibt. Darauf verweist John Lin, Chief Investment Officer—Emerging Markets Value Equities and China Equities bei AllianceBernstein, und betont: Nach zwei Jahren zweistelliger Zuwächse bei Offshore-China- und A-Aktien verschiebt sich die Debatte von der Frage der Investierbarkeit hin zur optimalen Portfolio-Allokation.

In einem Jahr, das viele Skeptiker überrascht hat, legten chinesische Aktien 2025 deutlich zu – getragen von besseren Unternehmensfundamentaldaten, steigenden Gewinnen und politischen Reformen. China startet 2026 damit aus einer soliden Ausgangslage in die nächste Phase der Erholung. Um weiteres Potenzial zu heben, dürfte jedoch ein selektiver Ansatz entscheidend sein.

Offshore-China-Aktien sowie A-Aktien (Aktien chinesischer Festlandunternehmen, die an den zwei großen Inlandsbörsen gehandelt werden) erzielten nach einer langen Phase der Underperformance zwei Jahre in Folge zweistellige Renditen. Die Erholung war breit abgestützt und erfasste sehr unterschiedliche Bereiche der Wirtschaft. Im kommenden Jahr dürfte sich die Debatte weniger darum drehen, ob China investierbar ist – sondern vielmehr darum, wie ein Engagement sinnvoll im Portfolio zu allokieren ist.

Earnings statt Erzählungen: Chinas Gewinnmaschine springt wieder an

Langfristig werden Aktienmarktrenditen vor allem durch Gewinnentwicklung bestimmt. Das erklärt, warum chinesische Aktien über weite Teile des vergangenen Jahrzehnts schwach liefen: Das Wachstum des Gewinns je Aktie (EPS) stagnierte. Ein Teil war zyklisch, zugleich spielten strukturelle Faktoren eine Rolle. China durchläuft ein in Ostasien bekanntes Muster: exportgetriebenes Wachstum, steigender Wohlstand, Immobilienboom – gefolgt von einer Korrektur. Südkorea und Japan haben ähnliche Phasen erlebt. Solche Übergänge sind schmerzhaft, aber stärken die Wirtschaft dauerhaft.

Belastend wirkten zudem mangelnde Preissetzungsmacht, Deflation und Überkapazitäten – sowie eine hohe Emissionstätigkeit, die das EPS-Wachstum verwässerte. Für Anleger positiv: Dividenden und Aktienrückkäufe werden häufiger, und die Nettoemission ist inzwischen negativ. Es ist noch früh, aber die Richtung zählt. Hinzu kommt ein politischer Kurswechsel: China bremst die sogenannte „Involution“ – aggressive Preissenkungen zur Ankurbelung von Konsum und Wachstum. „Anti-Involution“ ist Teil des 15. Fünfjahresplans und aus Sicht vieler Marktteilnehmer ein unterschätzter Treiber.

In Summe stützen diese Entwicklungen die Margen. Es gibt Anzeichen, dass die Eigenkapitalrendite (ROE) einen Wendepunkt erreicht hat: Konsensschätzungen sehen das EPS-Wachstum für den breiten CSI-300-Index 2026 über dem des S&P 500 und von MSCI EAFE. Diese Erwartungen beruhen eher auf einer realen Gewinnbelebung als auf reiner Marktstimmung – ein klarer Unterschied zu früheren Jahren.

Cash am Rand – Aktien im Fokus: Chinas Ersparnisse als Treiber

Auch die hohe Sparquote könnte helfen – gerade in einem stärker retail-geprägten Markt. Seit 2021 haben chinesische Haushalte beträchtliche Ersparnisse aufgebaut, vor allem weil Immobilienkäufe zurückgingen. Bei niedrigen Einlagenzinsen und gedrückten Anleiherenditen erscheinen Aktien als eines der wenigen attraktiv verbleibenden Risk Assets. Viele private Anleger haben das aufgegriffen; der MSCI China A Onshore Index stieg 2025 um 26,1 Prozent.

Trotzdem: Die Rally ist noch jung und dürfte nicht linear verlaufen. Die jüngsten Makrodaten sprechen eher für eine uneinheitliche Erholung. Gleichzeitig zeigen sich erste Stabilisierungstendenzen – etwa bei Exporten, industriellen Upgrades sowie reisebezogenen Bereichen wie Hotels und dem Glücksspiel in Macau.

Billig trotz Rally: Bewertungsspielraum trifft auf Umschichtungsdruck

Trotz der Erholung sind viele globale Investoren weiterhin nur gering in China engagiert. Mit erwarteten US-Zinssenkungen und einem unter Druck stehenden US-Dollar suchen Investoren Alternativen zu USD-Risikoanlagen. Europa und Japan haben zwar Zuflüsse gesehen, China bleibt jedoch vielfach untergewichtet. Sollten mehr Anleger Mittel umschichten, könnte das ein längerfristiger Katalysator sein.

Die geringe Allokation spiegelt sich in den Bewertungen wider, insbesondere bei A-Aktien. Zum Jahresende 2025 handelte der CSI-300 beim 13,9-fachen des erwarteten KGVs. Das liegt zwar über dem historischen Durchschnitt, bleibt aber unter früheren Spitzen und bedeutet einen deutlichen Abschlag gegenüber S&P 500 und MSCI EAFE. Das eröffnet Spielraum für Multiple-Expansion, wenn die Gewinnvisibilität steigt – zumal ein schwächerer US-Dollar Schwellenländeranlagen historisch oft unterstützt.

Ineffizienz als Chance: Wo Selektion Rendite macht

Chinas „neues Normal“ ist am Markt inzwischen besser eingepreist; auf Schlagzeilen wird oft gelassener reagiert. Dennoch bleibt Volatilität Teil des China-Engagements – wegen politischer Anpassungen und globaler Handelsdynamik. Gleichzeitig ist China weiterhin ein vergleichsweise ineffizienter Markt. Genau diese Ineffizienz, gepaart mit schnellem strukturellem Wandel, schafft Chancen über viele Branchen hinweg. Auch wenn Makronarrative die Stimmung dominieren, können aktive Manager Alpha generieren – durch Bottom-up-Selektion von falsch bepreisten Titeln mit soliden Gewinnperspektiven und attraktiven Bewertungen.

Nach mehr als einem Jahrzehnt der Stagnation wirkt der chinesische Aktienmarkt wieder im Aufwind. Für Investoren kann China eine tiefe, liquide und gut investierbare Ergänzung bestehender globaler Allokationen sein. Weil die Marktstimmung jedoch absehbar schwankungsanfällig bleibt, ist fundamentale Einzeltitelauswahl in dieser nächsten Phase der Erholung besonders entscheidend.

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