Agrarrohstoffe stehen vor einer seltenen Kombination aus Energiepreisschock, Wetterrisiken und geopolitischen Verwerfungen. Was dies für Verbraucher und Investoren bedeutet, analysiert Tim Brönung für TiAM FundResearch. Teil 1: Warum die Risiken für die nächste Ernte steigen, obwohl die globalen Vorräte noch komfortabel erscheinen.
03.11.2026 | 08:00 Uhr von «Tim Bröning»
Auf den ersten Blick spricht wenig für eine neue globale Agrarkrise. Die weltweiten Getreidevorräte sind keineswegs erschöpft. Für die Saison 2026/27 erwartet die „Food and Agriculture Organization of the United Nations“ (FAO) bei Getreide ein globales Stocks-to-use-Verhältnis von 31,7 Prozent nach 32,0 Prozent im Vorjahr. Auch die Reisbestände bleiben trotz eines erwarteten Rückgangs historisch hoch. Wer allein auf die aggregierten Lagerdaten blickt, könnte deshalb zu dem Schluss kommen, dass die Versorgungslage komfortabel ist.
Agrarpreise hängen jedoch nicht nur davon ab, wie viel Getreide heute in Silos liegt. Entscheidend ist, zu welchen Kosten die nächste Ernte produziert werden kann, wo sie entsteht, ob sie den Weltmarkt erreicht und unter welchen Wetterbedingungen sie heranwächst. Bei all diesen Faktoren haben sich die Risiken im Laufe des Jahres 2026 erhöht.
Das Besondere an der aktuellen Situation ist dabei nicht ein
einzelner Engpass. Energie, Düngemittel, Logistik, Finanzierung, Wetter und
Handelspolitik wirken auf unterschiedlichen Stufen derselben
Wertschöpfungskette. Einige Effekte zeigen sich sofort, andere erst Monate
später. Gerade diese zeitliche Verzögerung macht die Entwicklung der
Agrarmärkte derzeit besonders interessant.
Energie wirkt mehrfach auf den Agrarmarkt
Der offensichtlichste Zusammenhang besteht über Öl und Treibstoffe. Landwirtschaft ist trotz aller technologischen Fortschritte ein energieintensives Geschäft. Bodenbearbeitung, Aussaat und Ernte benötigen Diesel, Bewässerung benötigt Energie, Getreide muss getrocknet, verarbeitet und häufig über große Entfernungen transportiert werden. Höhere Energiepreise erhöhen deshalb sowohl die Produktions- als auch die Logistikkosten.
Im September stieg der Energiepreisindex der Weltbank gegenüber dem Vormonat um 25,7 Prozent. Rohöl verteuerte sich um 21,2 Prozent, Erdgas um 15,3 Prozent. Gleichzeitig legten die Nahrungsmittelpreise um 3,8 Prozent zu. Ein Monatswert belegt noch keinen langfristigen Trend, zeigt aber, dass die Übertragung längst nicht mehr nur theoretischer Natur ist.
Steigende Energiepreise beeinflussen Agrarmärkte zudem
über die Nachfrageseite. Werden Biokraftstoffe gegenüber fossilen
Kraftstoffen wirtschaftlich attraktiver, kann die Nachfrage nach Mais und
Zuckerrohr für die Ethanolproduktion sowie nach Pflanzenölen für Biodiesel und
erneuerbaren Diesel steigen. Damit konkurrieren Nahrungs-, Futtermittel- und
Energiemärkte zunehmend um dieselben landwirtschaftlichen Rohstoffe. Höhere
Energiepreise können auf diese Weise zusätzliche Nachfrage erzeugen, selbst
wenn sich am eigentlichen Nahrungsmittelbedarf nichts verändert. Ein
Energieschock trifft den Agrarsektor damit von zwei Seiten: Er erhöht seine
Kosten und kann gleichzeitig die Nachfrage nach einem Teil seiner Produktion
steigern.
Der kritischere Kanal führt über den Dünger
Noch wichtiger ist möglicherweise der Zusammenhang zwischen Energie und Düngemitteln. Stickstoffdünger basiert im Wesentlichen auf Ammoniak, für dessen Herstellung Erdgas ein zentraler Rohstoff ist. Steigende Gaspreise erhöhen deshalb nicht nur die Energiekosten der Düngemittelproduzenten, sondern verteuern unmittelbar einen wesentlichen Produktionsinput.
Hinzu kommt die starke Konzentration der internationalen Düngemittelströme. Iran, Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain standen 2024 zusammen für 34 Prozent des weltweiten Harnstoffhandels, 23 Prozent des Ammoniakhandels und 18 Prozent des Handels mit ammoniakalischen Phosphatdüngern. Insgesamt liefert der Nahe Osten knapp 30 Prozent der weltweiten Exporte wichtiger Düngemittel. Rund die Hälfte des global gehandelten Schwefels – eines wichtigen Ausgangsstoffs für Phosphatdünger – läuft über diese Region.
Die Straße von Hormus ist deshalb für die globale Landwirtschaft weit mehr als ein Energie-Nadelöhr. Nach Angaben der FAO passieren normalerweise 20 bis 30 Prozent des weltweit gehandelten Düngers und etwa die Hälfte der Schwefelexporte diesen Korridor. Die Störungen des Jahres 2026 haben zeitweise monatlich Millionen Tonnen Düngemittelhandel verzögert.
Entscheidend ist dabei weniger der kurzfristige Düngerpreis als die Reaktion der Landwirte. Wird Dünger teurer, können Betriebe entweder die höheren Kosten akzeptieren oder den Einsatz reduzieren beziehungsweise auf weniger inputintensive Kulturen ausweichen. Im ersten Fall steigt die Kostenbasis, im zweiten können die Erträge sinken. Die FAO warnt deshalb ausdrücklich davor, nur auf die aktuelle Lebensmittelversorgung zu schauen. Das größere Risiko sei ein Produktionsschock bei kommenden Ernten. Die Wirkung einer Düngemittelknappheit tritt nicht am Tag der Lieferunterbrechung auf, sondern erst mit dem nächsten Erntezyklus. Die Organisation nennt einen Zeitraum von sechs bis neun Monaten, in dem eine geringere Düngerverfügbarkeit Produktion und Erträge wichtiger Kulturen wie Weizen, Mais oder Reis belasten kann.
Darin liegt ein großer Unterschied zu anderen Rohstoffschocks. Störungen bei Energielieferungen lassen sich zumindest teilweise durch Lagerbestände oder alternative Lieferströme überbrücken. Eine ausgefallene Ernte lässt sich dagegen nicht einige Wochen später nachproduzieren.
Hinzu kommt der Kostenfaktor „Finanzierung“, der in der
Diskussion über Nahrungsmittelpreise häufig weniger Beachtung findet.
Landwirtschaft ist kapitalintensiv. Saatgut, Dünger und Betriebsmittel müssen
oft Monate vor der Ernte bezahlt, Maschinen und Flächen finanziert und
Lagerbestände vorfinanziert werden. Ein dauerhaft höheres Zinsniveau verteuert
deshalb nicht nur Investitionen, sondern auch das laufende Working Capital
vieler Betriebe. Für sich genommen löst das keinen Agrarpreisschub aus.
Zusammen mit höheren Energie-, Dünger- und Transportkosten erhöht es jedoch die
Grenzkosten der Produktion und kann Investitionen sowie Produktionsausweitungen
bremsen.
Das Wetter erhöht das Angebotsrisiko
Parallel dazu entwickelt sich ein weitgehend unabhängiges Risiko. El Niño hat sich 2026 stark intensiviert. Die FAO identifiziert auf Basis historischer Wetter- und Satellitendaten besonders hohe Dürre-Risiken in Teilen des Sahel, des südlichen Afrikas, Süd- und Südostasiens sowie in Zentralamerika und der Karibik. In einzelnen landwirtschaftlichen Gebieten liegt die historisch abgeleitete Wahrscheinlichkeit einer El-Niño-bedingten Dürre bei mehr als 50 Prozent. Laut Klimaforschern kann uns in dieser Saison sogar ein sogenannter Super-El Niño und 2027 das heißeste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn bevorstehen.
Dabei wäre es falsch, aus einem starken El Niño zwangsläufig eine pauschale globale Missernte abzuleiten. Die Auswirkungen unterscheiden sich regional erheblich. Manche Gebiete leiden unter Trockenheit, andere unter überdurchschnittlichen Niederschlägen oder Überschwemmungen. Auch die einzelnen Kulturen reagieren unterschiedlich.
Für den Weltmarkt ist jedoch entscheidend, dass viele Agrarrohstoffe von einer überschaubaren Zahl großer Exportregionen angeboten werden. Deshalb muss die globale Erntemenge nicht dramatisch einbrechen, damit der tatsächlich handelbare Überschuss knapp wird. Produktionsprobleme in mehreren bedeutenden Exportländern können deutlich größere Preiswirkungen entfalten, als globale Produktionszahlen zunächst vermuten lassen.
Die Entwicklung im September zeigt, wie sensibel die Märkte inzwischen reagieren. Der FAO-Getreidepreisindex stieg gegenüber August um 5,1 Prozent und lag 17,2 Prozent über dem Vorjahreswert. Weizen verteuerte sich innerhalb eines Monats um 6,3 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit August 2023. Mais legte um 5,6 Prozent zu und notierte so hoch wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Die FAO nennt unter anderem Ertragsprobleme, Wetterrisiken und die gestörte Schwarzmeerlogistik als Ursachen.
Steigende Getreidepreise enden zudem nicht beim Brotpreis. Mais
und Sojaschrot sind zentrale Futtermittel in der Tierhaltung. Verteuern sie
sich, steigen insbesondere in der Geflügel- und Schweinehaltung sowie in der
Milchproduktion die Kosten. Kurzfristig können Tierhalter darauf mit einer
Reduzierung ihrer Bestände reagieren, was das Fleischangebot zunächst sogar
erhöhen kann. Mittelfristig wirkt jedoch der gegenteilige Effekt: Kleinere
Bestände treffen auf eine weitgehend stabile Nachfrage. Ein Preisschub bei
Futtermitteln kann sich deshalb zeitverzögert auf Fleisch, Milch und Eier
übertragen.
Aus einem lokalen Problem kann ein globales werden
Ein weiterer Verstärker ist die Handelspolitik. Steigen Nahrungsmittelpreise stark, reagieren Regierungen. Exportländer versuchen, die heimische Versorgung zu schützen, Importländer bauen Vorräte auf, senken Zölle oder sichern sich Liefermengen bilateral. Aus nationaler Sicht kann das rational sein. Für den Weltmarkt verschärft es jedoch häufig genau die Knappheit, auf die reagiert werden soll.
Dieses Muster war 2007/08 und 2022 deutlich zu beobachten. Auch 2026 wurden bereits Maßnahmen bei Energie, Düngemitteln und Agrarrohstoffen ergriffen. China beschränkte Düngemittelexporte, Russland verlängerte Exportquoten für bestimmte Düngerprodukte, andere Staaten suchten kurzfristig alternative Bezugsquellen. Die Weltbank warnt ausdrücklich davor, dass Exportrestriktionen einen bestehenden Angebotsschock verstärken können.


Quelle: Homepage „Food and Agriculture Organization of the United Nations“, Release date: 02/10/2026
Hinzu kommt das Schwarze Meer. Russland und die Ukraine bleiben bedeutende Anbieter am internationalen Getreidemarkt, ihre Logistik ist jedoch wieder stärker beeinträchtigt. Russland musste Teile seines Getreideexports in Richtung Ostsee verlagern, während die ukrainischen Schwarzmeerhäfen erneut unter erheblichem militärischem Druck stehen. Für einen Markt, bei dem nicht nur die produzierte, sondern vor allem die tatsächlich exportierbare Menge zählt, ist das relevant.
Kein Mangel, aber ein asymmetrischeres Risiko
Trotzdem wäre es zu einfach, daraus eine sichere Prognose stark steigender Agrarpreise abzuleiten. Die globalen Getreidebestände sind insgesamt weiterhin solide. Australien verfügt über größere Weizenvorräte, auch bei Reis existieren insbesondere in China, Indien und Indonesien erhebliche Reserven. Gute Ernten in wichtigen Regionen oder eine Entspannung bei Energie und Logistik könnten einen Teil der Belastungen auffangen.
Gerade deshalb ist die Situation ökonomisch interessanter als die einfache These einer unmittelbar bevorstehenden Versorgungskrise. Der Agrarmarkt trifft derzeit nicht auf einen außergewöhnlichen Engpass, sondern auf mehrere voneinander unabhängige Risiken, die teilweise denselben Preis beeinflussen. Höhere Energiepreise verteuern Produktion, Verarbeitung und Transport und können zugleich die Nachfrage nach Biokraftstoffen erhöhen. Störungen der Düngemittelversorgung erhöhen entweder die Kosten oder reduzieren bei geringerem Einsatz potenziell die Erträge. El Niño erhöht unabhängig davon das Risiko regionaler Produktionsausfälle. Gestörte Handelswege reduzieren die tatsächlich verfügbare Menge, politische Eingriffe können vorhandene Engpässe zusätzlich verstärken.
Die Weltbank bezeichnet gerade dieses Zusammentreffen verschiedener Risiken als entscheidenden Unsicherheitsfaktor für die Agrarmärkte. Noch im Frühjahr ging ihr Basisszenario davon aus, dass sich die Störungen im Nahen Osten im Jahresverlauf abschwächen. Inzwischen sind die Energiepreise erneut stark gestiegen, während Wetter- und Logistikrisiken zugenommen haben.
Für die kommenden Monate sollte deshalb weniger die Frage im Mittelpunkt stehen, ob heute genügend Weizen, Mais oder Reis vorhanden ist. Relevant ist vielmehr, zu welchen Kosten und unter welchen Bedingungen die nächste Einheit produziert und auf den Weltmarkt gebracht werden kann.
Das ist letztlich der Grenzpreis, an dem sich Rohstoffmärkte orientieren. Und genau dort hat sich die Lage verändert.
Nächste woche lesen Sie hier an gleicher Stelle in Teil 2 alles zu
Zum Autor: Tim Bröning ist Diplom-Ökonom und Betriebswirt und bereits seit über 30 Jahren an der Börse und im Finanzmarkt aktiv. Er arbeitete viele Jahre bei der Siemens AG sowohl im Energiebereich als auch für den Zentralvorstand in der Strategie- sowie M&A-Abteilung, wo er sich früh mit Marktanalysen, strategischer Ausrichtung und Unternehmensbewertung beschäftigte. Die letzten 15 Jahre war er ausschließlich in hohen Führungspositionen im Finanzdienstleistermarkt tätig, wo er sich u.a. auf makroökonomische Fragestellungen, die Fondsanalyse und die Fondsauswahl fokussierte. Ein besonderer Fokus gilt seit Jahren dem Rohstoffmarkt. Tim Bröning ist heute selbstständig. Mehr unterwww.broening-investment.de.
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