
Die erste Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl brachte eine große Überraschung:
06.10.2026 | 06:15 Uhr
Senator Flávio Bolsonaro lag bei 99,99 Prozent der ausgezählten Stimmen mit rund zwei Prozentpunkten vor Präsident Lula, während die letzten Umfragen einen Vorsprung von ein bis fünf Prozentpunkten für Lula erwartet hatten. Flávio Bolsonaro scheint nun mit Blick auf die Stichwahl am 25. Oktober gut positioniert zu sein, da er voraussichtlich einen größeren Anteil der Stimmen jener Kandidaten gewinnen wird, die in der ersten Runde ausgeschieden sind und überwiegend dem rechten und mitte-rechten Lager angehörten. Lula hingegen hat den Großteil des linken Wählersegments bereits hinter sich vereint.
Neuer Senat kann Kräfteverhältnis bei Oberstem
Gerichtshof verschieben
Neben dem Präsidentschaftsrennen ist das wohl wichtigste Ergebnis des
vergangenen Abends jedoch die Zusammensetzung des Senats, die bislang deutlich
weniger Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Partei PL von Flávio Bolsonaro wird ab
Februar 2027 über 28 der 81 Sitze verfügen, gegenüber derzeit 15. Zusammen mit
ihren engsten Verbündeten wird die politische Rechte damit auf die absolute
Mehrheit von 41 Stimmen kommen. Dies ist die Schwelle, die erforderlich ist, um
den Präsidenten des Senats zu wählen und Richter des Obersten Gerichtshofs zu
bestätigen.
Das ist von besonderer Bedeutung, weil der nächste Präsident während seiner Amtszeit bis zu vier der elf Richter am Obersten Gerichtshof ernennen könnte. Ein Sitz ist bereits seit Oktober 2025 vakant, nachdem der Senat den von Lula vorgeschlagenen Kandidaten im April abgelehnt hatte, und drei weitere Richter werden zwischen 2028 und 2030 die gesetzliche Altersgrenze erreichen. Da sechs der derzeit zehn amtierenden Richter von PT-Regierungen ernannt wurden, könnte eine Präsidentschaft Flávio Bolsonaros, gestützt auf diesen Senat, das Kräfteverhältnis im Gericht von links nach rechts verschieben. Damit wären Exekutive, Senat und mittelfristig auch der Oberste Gerichtshof weitgehend politisch aufeinander abgestimmt.
Rallye bei brasilianischen Vermögenswerten
Vor diesem Hintergrund erwarten wir eine kräftige Rallye bei brasilianischen
Vermögenswerten. Der brasilianische Real-Future legte an der Chicago Mercantile
Exchange bereits um rund vier Prozent zu. Die Ergebnisse der Gouverneurswahlen
stärken die marktfreundliche Interpretation des Wahlausgangs zusätzlich:
Kandidaten des rechten und mitte-rechten Spektrums konnten bereits in der
ersten Runde die größten Bundesstaaten, darunter São Paulo und Minas Gerais,
für sich entscheiden.
Ob sich Flávio Bolsonaro als fiskalisch verantwortungsbewusster erweisen würde als Lula in einer möglichen vierten Amtszeit, bleibt abzuwarten. Die Märkte dürften ihm jedoch zunächst einen Vertrauensvorschuss gewähren und auf rasche Ankündigungen einer fiskalpolitischen Konsolidierung setzen. Sollten diese Maßnahmen glaubwürdig sein und durch eine derart günstige institutionelle Konstellation gestützt werden, könnte die positive Marktreaktion weit über die traditionelle Schonfrist einer neuen Regierung hinaus anhalten.
Diesen Beitrag teilen: