
Deutschland steckt in einem Mehrfachschock: Das Land muss eine wirtschaftliche Antwort finden auf Protektionismus, verschärften globalen Wettbewerb und technologischen Rückstand.
14.07.2026 | 09:21 Uhr
Gerade mit Blick auf Künstliche Intelligenz sowie deren Wachstumspotenzialen. Diese Antwort liefert das aktuell geplante Reformpaket der Bundesregierung nur bedingt.
Das Paket zeugt zumindest von einer gewissen Handlungsfähigkeit der politischen Akteure. Insbesondere haben sich alle Beteiligten teilweise kompromissbereit gezeigt. Die ausführliche Diskussion der Details des Reformpakets ist nachvollziehbar, doch sie greift angesichts der eigentlichen Herausforderungen zu kurz.
Deutschland hat abgesehen vom Nach-Corona-Boom seit 2019 kein nennenswertes
volkswirtschaftliches Wachstum mehr erzielt. Die Bundesbank schätzt, dass das
Potenzialwachstum von derzeit etwa 0,6 Prozent bis 2030 auf 0,3 Prozent pro
Jahr sinkt, vor allem wegen des rückläufigen Arbeitseinsatzes durch weniger
Beschäftigte im Zuge des demografischen Wandels.
Klar ist damit, dass die jüngsten Akzente vonseiten der Politik nicht
ausreichen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zukunftsfähig zu machen, wie
es bspw. die Agenda 2010 der damaligen rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler
Gerhard Schröder vermochte. Der Vergleich hinkt ohnehin, denn die heutige
Ausgangslage ist mit der Verfassung der deutschen Wirtschaft Anfang der
2000er-Jahre kaum vergleichbar. Während damals weitreichende Sozial- und
Arbeitsmarktreformen einen wirtschaftlichen Neustart des „kranken Mannes
Europas“ hinreichend begünstigt haben, erscheint die Situation heute deutlich
komplexer. Denn der Standort Deutschland leidet unter einem Mehrfachschock:
Die Bestandsaufnahme zeigt, dass Politik allein gar nicht in
der Lage sein kann, die notwendigen Veränderungen zu forcieren. Das Agieren der
USA und Chinas in Sachen Protektionismus und bei der Entwicklung neuer
Technologien liegt nicht in unserer Hand. Die unüberlegte Teilnahme an bzw. das
Forcieren einer globalen Spirale des Protektionismus würde allen beteiligten
Volkswirtschaften schaden, insbesondere aber das besonders exportabhängige
Deutschland würde leiden. Die notwendige Erneuerung nicht mehr ausreichend
wettbewerbsfähiger Geschäftsmodelle müssen die Unternehmen selbst vorantreiben.
Politik sollte sich weiter darauf konzentrieren die Rahmenbedingungen am
Standort zu verbessern und insbesondere den Weg für mehr Innovation
freizumachen, den Unternehmen den nötigen Freiraum zu geben, bspw. durch
stärkere steuerliche Anreize für Neugründungen.
Insofern kann das aktuelle Reformpaket nur der Anfang einer längeren
Reformagenda sein und sollte auch so tituliert werden. Es darf auf keinen Fall
der Eindruck erweckt werden, dass dies bereits der „große Wurf“ war. Um die
notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung zu erzeugen, bedarf es insbesondere
eines konkreten Zielbilds, einer positiven Vision für Deutschland in fünf bis
zehn Jahren. Es muss die Frage beantwortet werden, was wir am Ende der
derzeitigen umfassenden Transformation erreichen wollen. Auf dieses Ziel
sollten alle kürzlich beschlossenen und künftig noch anstehenden
Reformvorschläge einzahlen und von diesem abgeleitet werden.
Wenn das gelänge, besteht Hoffnung, dass die Politik einen Zündfunken
initiieren könnte, den die Unternehmen und die Gesellschaft aufgreifen und zu
einem Konjunkturfeuerwerk entfachen könnten. Wir brauchen eine allgemeine
Aufbruchstimmung im Land, einen Enthusiasmus für die notwendige Erneuerung,
Lust auf die aktive Gestaltung der Zukunft anstatt eines Verharrens und
Erstarrens mit der Folge immer größerer Angst vor Veränderung.
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