
Europa braucht privates Kapital für seine Zukunft, und das größte Reservoir liegt auf den Sparkonten der Haushalte. Es zu aktivieren, ist eine gemeinsame Aufgabe.
30.10.2026 | 04:11 Uhr
Ein Reservoir von über 10 Billionen Euro
Auf den Sparkonten privater Haushalte in Europa liegen derzeit mehr als 10
Billionen Euro. Deutschland hatte 2025 mit einer Bruttosparquote von 18,9
Prozent eine deutlich höhere Sparneigung als der EU-Durchschnitt von 14,3
Prozent. Schon wenn die EU-Bürger fünf bis zehn Prozent ihrer Ersparnisse
anlegen würden, ließe sich die jährliche Finanzierungslücke von 800 Milliarden
Euro spürbar verkleinern. Diese Lücke beschreibt der Draghi-Bericht. Sie
betrifft Investitionen, die Europa für den Klimaschutz, die geopolitische
Sicherheit und seine Wettbewerbsfähigkeit dringend braucht. Das Geld liegt
nicht aus Überzeugung ungenutzt auf den Konten. Viele Haushalte glauben, ihre
Ersparnisse seien zu klein, um etwas zu bewirken. Hier sehen wir unsere Aufgabe
zu zeigen, dass dies nicht stimmt.
Vom Sparer zum Anleger: drei Hebel
Die Nachfrage nach Anlagen ist vorhanden, und auch die Ersparnisse sind da. Es
fehlen jedoch die Wege, dieses Kapital sinnvoll einzusetzen. Dafür braucht es
Anstrengungen im gesamten System.
1. Finanzbildung früh verankern: Da die Menschen in Europa durch den
Wandel der Rentensysteme zunehmend selbst für ihre finanzielle Zukunft
verantwortlich sind, sollte Finanzbildung in der gesamten EU Teil des
Kernlehrplans sein. Dabei muss vermittelt werden, dass Bargeld Sicherheit gibt,
seine Kaufkraft durch Inflation aber nach und nach sinkt. Zudem sollte deutlich
werden, dass jeder angelegte Euro etwas in der Welt bewirken kann.
2. Zugängliche Anlagemöglichkeiten schaffen: Der Schutz von
Privatanlegern ist unverzichtbar. Ebenso wichtig ist aber, attraktive
Anlageoptionen bereitzustellen. Die neue Spar- und Investitionsunion (SIU) der
EU geht in die richtige Richtung: Sie soll Geld von Sparkonten in produktive
Investitionen lenken, damit Bürger bessere Renditen erzielen können und
Unternehmen und kleinere Betriebe, das Kapital für ihr Wachstum erhalten.
3. Steuerpolitik als Anreiz nutzen Die Steuerpolitik kann nachhaltiges
Anlegen gezielt belohnen. Geltende Steuervorschriften machen nachhaltiges
Anlegen in manchen Fällen jedoch eher weniger attraktiv. Das ist das falsche
Signal. Erfolgreiche steuerpolitische Maßnahmen dürfen nicht vorschnell
zurückgenommen werden.
Politische Entscheidungen müssen über die nächste Wahl hinausreichen. Politiker
sollten bedenken, was ihre Entscheidungen für künftige Generationen bedeuten.
Widerstände ernst nehmen und gemeinsam statt einzeln
handeln
Natürlich gibt es auch Widerstand. Die aktuelle Energiekrise führt an manchen
Orten zu einer Rückkehr zur Kohle. Das ist jedoch nur eine kurzfristige
Reaktion. Angesichts der geopolitischen Lage muss Europa seine Energieimporte
reduzieren, und dafür braucht es Investitionen in Solar- und Windkraft sowie in
Speicherkapazitäten. Hinzu kommen der Verlust der Artenvielfalt, der Mangel an
bezahlbarem Wohnraum und wachsende Ungleichheit. Diese Vielzahl an
Herausforderungen kann überwältigend wirken. Umso wichtiger ist es, dass
Vermögensverwalter, Rentenversicherer und Politik gemeinsam Konzepte
entwickeln, die es ermöglichen, dass jeder seinen Teil zur Lösung beiträgt.
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