Die europäischen Aktienmärkte glänzen mit zahlreichen Marktführern im Nebenwertesegment. Fondsmanagerin Birgitte Olsen erläutert, wie sie für ihr Fondsportfolio wachstumsstarke und unterbewertete Unternehmen identifiziert.
19.03.2026 | 10:00 Uhr von «Stefan Riedel»
Europäische Mid und Small Caps sind gegenüber ihren US-Pendants wie auch gegenüber den europäischen Blue Chips weiterhin unterbewertet. Ende 2025 kamen die im MSCI Europe Small gelisteten Aktien auf ein durchschnittliches zwölfmonatiges Forward-KGV von 14. Das ist ein deutlich niedrigerer Wert als die 18,6 des MSCI US Small und 15,6 des MSCI Europe Large. Diese anhaltende Underperformance ist umso bemerkenswerter, weil Small und Mid Caps aus Europa nach einem dreijährigen Mittelabfluss seit 2025 ein wieder langsam steigendes Anlegerinteresse verspüren.
Birgitte Olsen, Lead Portfolio Managerin bei Bellevue Asset Management, macht für den Start der Outperformance der europäischen Nebenwerte ein konkretes Datum fest. Die von US-Präsident Donald Trump als Liberation Day am 2. April 2025 angekündigten Importzölle lösten einen kurzfristigen Ausverkauf an den Weltbörsen aus. Mit der danach einsetzenden Kurserholung rückten europäische Small und Mid Caps Olsen zufolge stärker ins Blickfeld der Investoren: „Themen wie Zölle und ein schwacher US-Dollar sind weiter ein Thema an den Finanzmärkten, ebenso das von wenigen outperformenden Technologieaktien herrührende Klumpenrisiko innerhalb des S&P 500. Aus Diversifikationsgründen bleiben europäische Nebenwerte deshalb hochaktuell.“
Renditestarke Familienunternehmen
Der im Juni 2011 aufgelegte und unter der Leitung von Birgitte Olsen und Eduardo Bravo gemanagte Bellevue Entrepreneur Europe Small Fonds (ISIN: LU0631859062) wählt aus den rund 2500 börsennotierten europäischen Small und Mid Caps ein auf 30 bis 40 Titel konzentriertes Portfolio aus. Eine Besonderheit bei der Titelauswahl ist, dass zwei Drittel des Fondsvermögens aus eigentümergeführten Unternehmen bestehen, bei denen die Gründerfamilien noch mindestens 20 Prozent der Stimmrechte besitzen. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt: rund die Hälfte aller europäischen Small und Mid Caps sind eigentümergeführt.
Nebenwerte-Expertin Olsen fasst die Vorzüge der Familienunternehmen in drei Punkten zusammen. An erster Stelle steht die Ausrichtung des Geschäftsmodells auf langfristiges und nachhaltiges Wachstum. „Die Unternehmen wachsen mit dem eigenen Cashflow und damit, dass die Firmengründer einen großen Anteil ihres Kapitals in die Geschäftsentwicklung stecken.“ Diese Kapitalbindung unterscheide sie von großen Konzernen, die von Managern geführt werden, deren Vergütung teilweise aus Aktienoptionen besteht.
Eine weitere Stärke von Familienunternehmen sind die wetterfesten Bilanzen. Hier achtet das Team von Olsen vor allem auf eine niedrige Verschuldung und überdurchschnittliche Kapitalrendite. Zu guter Letzt müssen die Kandidaten für Olsens Fonds beim Geschäftsmodell über den von Investorenlegende als solchen definierten „Moat“ verfügen, also einem Burggraben für Produkte und Dienstleistungen, der es potenziellen Wettbewerbern erschwert, Marktanteile zu gewinnen. Auf die in Vergangenheit häufig kritisierte mangelnde Transparenz bei den Eigentümerstrukturen und der Entscheidungsfindung haben die meisten Firmen Olsen zufolge längst reagiert: „Viele familiengeführte Unternehmen haben sich zu Herzen genommen, dass eine schlechte Governance und Kommunikation nicht den Börsenpreis maximieren.“
Mehrgleisige Anlagestrategie
Beim Investmentansatz bringt der Bellevue-Fonds Elemente von Wachstum und Value zusammen. Rund die Hälfte aller Fondspositionen wurde anhand des GARP-Ansatzes ausgewählt, der sich am Wachstum zu einem angemessenen Preis orientiert. Rund ein Drittel der Unternehmen erfüllen reine Value-Kriterien, also bilanzielle Substanz im Verbund mit im Branchenvergleich niedrigen Bewertungen. Bei den restlichen Firmen, in der Regel Small Caps, ist das starke Wachstum in Zukunftsmärkten das entscheidende Kriterium. Drei Faktoren sind in allen drei Ansätzen maßgeblich: Marktführerschaft, Preissetzungsmacht und eine ökonomisch nachhaltige Strategie.
Die Portfoliofirmen kommen aus unterschiedlichsten Branchen. Der Windturbinenhersteller Nordex zählt ebenso dazu wie Virbac aus Frankreich, ein Hersteller von Arzneien und Futtermitteln für Tiere, und der finnische Konzern Metso, der auf Maschinen für den Bergbau wie auch Recycling- und Prozessindustrien spezialisiert ist. Ein weiterer Punkt ist der geografische Fokus bei den Endmärkten. 14 Portfoliounternehmen haben überhaupt keinen Umsatzanteil in den USA, wären also von US-Importzöllen überhaupt nicht betroffen.
Fokus strukturelle Wachtumsmärkte
Als größten strukturellen Treiber für die meisten Portfoliofirmen sieht Olsen den weltweiten Ausbau der Infrastruktur – und verweist dabei auf einen wichtigen Indikator: „Seit 2022 geht es mit dem Global Infrastructure Capex Cycle nach oben. Insbesondere, weil die Sicherung der Energiezufuhr und eine günstige Stromversorgung zum Schlüssel werden für die Automation und Implementierung der Künstlichen Intelligenz in allen Industrien. Bei allen technologischen Megatrends, die sich in die Themen Infrastruktur und Sicherheit einbringen, stehen aus Investorensicht die Ampeln auf Grün.“
Das gilt auch für den Bellevue Entrepreneur Europe Small.In den letzten zwölf Monaten hat der Fonds 23 Prozent an Wert zugelegt. Die gerade angelaufene Saison der Jahresberichte könnte die Kurse bei etlichen Portfoliofirmen weiter beflügeln. Mit der Auszeichnung von Euro FundAward zum zweitbesten Fonds in der Kategorie Nebenwerte Europa erhielt der Fonds vor Kurzem ein weiteres Qualitätssiegel. Fondsmanagerin Olsen setzt darauf, dass Europa aus Gesichtspunkten der Bewertung immer noch zum antizyklischen Einstieg lockt:
„Europäische Aktien sind immer noch ein Contrarian Trade, weil der Pessimismus rund um Europa und speziell Deutschland im Hinblick immer noch sehr groß ist.“
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