Schwellenländer: Anleger übersehen bislang Gesundheitssektor – vor allem Afrika und Indien

Dr. Ivo Kovachev, Senior-Fondsmanager bei J O Hambro
Schwellenländer

Während sich immer mehr Kapital auf KI-Investitionen konzentriert, könnte eine der attraktivsten langfristigen Chancen in den Schwellenländern bislang weitgehend übersehen worden sein: der Gesundheitssektor.

04.08.2026 | 09:10 Uhr

Marktkommentar von Dr. Ivo Kovachev, Senior-Fondsmanager, und Dalibor Kovac, Fondsmanager bei J O Hambro

Der starke Fokus auf KI und Technologie hat dazu geführt, dass Gesundheitsunternehmen in den Schwellenländern trotz verbesserter Fundamentaldaten und attraktiver Bewertungen in den Hintergrund gerückt sind. Nach mehreren Jahren schwacher Entwicklung – verursacht durch makroökonomischen Gegenwind und Kapitalabflüsse – sehen wir den Sektor nun an einem Wendepunkt. Nachlassende Belastungsfaktoren, eine verbesserte Anlegerstimmung und die zunehmende Verbreitung von GLP-1-Therapien schaffen aus unserer Sicht die Voraussetzungen für eine nachhaltige Erholung.

Nach der außergewöhnlichen Wertentwicklung von Aktien aus dem KI-Bereich in den vergangenen Jahren, die teilweise neue Rekordstände erreichten, gibt es zunehmend Anzeichen dafür, dass einzelne Marktsegmente mögliche Anzeichen einer Preisblase aufweisen. Obwohl wir von mehreren dieser Gewinner profitiert haben, insbesondere von den sogenannten „Picks and Shovels“ – vor allem in Korea und Taiwan, die vom plötzlichen Nachfrageanstieg profitierten –, bleiben wir diszipliniert und selektiv. Wir gehen umsichtig vor und meiden Titel, die zwar auf der „KI-Welle“ reiten, denen es jedoch an fundamentalen Treiber mangelt; stattdessen konzentrieren wir uns darauf, aktiv andere Sektoren und Themen zu identifizieren, die eine Diversifizierung gegenüber potenziellen KI-bezogenen Risiken bieten könnten.

US-Biotech setzt sich vom Markt ab

Ein Sektor in den USA fällt besonders auf. Obwohl er weder mit Technologie noch mit KI in Verbindung steht, hat er es geschafft, den Nasdaq sowohl seit Jahresbeginn als auch im vergangenen Jahr zu übertreffen: Es handelt sich um den US-Biotech-Sektor.

Chart 1
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Bemerkenswert ist die unterschiedliche Entwicklung von Industrieländern zu Schwellenländern. Während der US-Biotech-Sektor eine Phase deutlicher Outperformance verzeichnete, blieb sein Pendant in den Schwellenländern hinter dem Gesamtmarkt zurück. Der MSCI Emerging Markets Health Care Index entwickelte sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich schwächer als der breite MSCI Emerging Markets Index und verzeichnete allein in den letzten zwölf Monaten eine relative Underperformance von 41 %.

Chart 2
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Kapitalströme flossen aus Ostasien in die USA

Ursachen für die deutliche Underperformance liegen zum einen in makroökonomischen und fundamentalen Faktoren. Höhere US-Zölle und zunehmende regulatorische Unsicherheit haben die Pharmaunternehmen in den Schwellenländern belastet, darunter viele stark exportabhängig. Diese Faktoren wurden durch die Schwäche des US-Dollars sowie das hohe Exposure des Sektors im US-Markt verschärft, der für zahlreiche EM-Pharmaunternehmen nach wie vor der größte Absatzmarkt ist.

Zweitens wurden die globalen Aktienmärkte in den vergangenen Jahren vom KI-Hype dominiert. Die außergewöhnliche Entwicklung von Technologiewerten zog erhebliche Kapitalzuflüsse an, häufig zulasten anderer Sektoren. Der Gesundheitssektor in den Schwellenländern, insbesondere die Biotechnologie, gehörte zu den Hauptursachen für diesen Kapitalbedarf. Biotech-Unternehmen aus den Schwellenländern konzentrieren sich überwiegend auf Ostasien (China, Südkorea und Taiwan), dieselben Länder, welche die Technologie- und KI-Rallye angeführt haben. Da die Anleger ihr Engagement in Bereich mit KI-Bezug erhöhten, wurden Kapitalströme häufig aus dem Gesundheits- und Biotechnologiesektor abgezogen, was zur Underperformance beitrug.

GLP-1 zieht neues Kapital an

In den vergangenen drei Jahren haben wir aus diesen Gründen den Gesundheitssektor untergewichtet. Nun erkennen wir jedoch positive Signale. Wir sind der Ansicht, dass der Gegenwind durch höhere US-Zölle und geopolitische Unsicherheiten seinen Höhepunkt überschritten hat. Gleichzeitig wirkt sich die vorübergehende Pause beim Abwärtstrend des US-Dollars positiv für den Sektor aus.

Aus fundamentaler Sicht ist der rasche Fortschritt bei der Entwicklung von GLP-1-Therapien gegen Adipositas und Diabetes ein zunehmend wichtiger Treiber. Der Markt für diese Medikamente in den Schwellenländern ist erheblich. Während die Einführung zunächst von bekannten westlichen Marken wie Ozempic oder Mounjaro angeführt wurde, war der entscheidende limitierende Faktor die relativ hohen Preise. Lokale Pharmaunternehmen bringen zunehmend preisgünstigere Alternativen auf den Markt.

Zudem beobachten wir erste Anzeichen einer verbesserten Anlegerstimmung gegenüber Gesundheits- und Biotechnologieunternehmen in den Schwellenländern. Da die Dynamik der Technologierally nachlässt, beobachten wir wieder Kapitalzuflüsse in diese Sektoren. Für wachstumsorientierte Investoren bieten Gesundheits- und Biotechnologieunternehmen attraktive Alternativen zu den inzwischen hoch bewerteten KI-Investments. Vor diesem Hintergrund haben wir begonnen, unsere Positionen im Gesundheitssektor auszubauen.

Indien und Afrika rücken als Herstellungsmärkte in den Fokus

Einer der unmittelbarsten Profiteure dieses verbesserten Umfelds ist die indische Herstellungsindustrie. Innerhalb dieses Segments bevorzugen wir Unternehmen mit einer starken Ausrichtung auf den heimischen Markt gegenüber reinen Exporteuren (angesichts der geringen Marktdurchdringung des indischen Pharmamarktes) sowie Hersteller, die in der Lieferkette aufgrund einer höheren Wertschöpfung aufsteigen.

Ein weiterer Profiteur dieser Entwicklung ist der pharmazeutische Herstellungssektor in Afrika. Dieser Markt ist weiterhin deutlich zu wenig erschlossen, insbesondere die ungenutzten Möglichkeiten von GLP-1-Präparaten erscheint attraktiv. Darüber hinaus beobachten wir seit mehreren Monaten eine zunehmende Zahl von M&A-Aktivitäten im afrikanischen Pharmasektor, wodurch zusätzliche Aufwärtspotenzial entstehen könnte.

Ein sich verbesserndes makroökonomisches Umfeld, einschließlich eines deutlichen Rückgangs der Stromausfälle und einer Stabilisierung der Währung, hat sich vor allem positiv auf den Gesundheitssektor in Südafrika ausgewirkt.

Selektives Engagement im Gesundheitssektor

Entsprechend unserer Dual-Growth-Philosophie erhöhen wir selektiv unser Engagement im Gesundheitssektor und konzentrieren uns auf Unternehmen mit starken Wettbewerbspositionen und langfristigem Wachstumspotenzial. Besonders attraktiv erscheinen uns derzeit Pharmahersteller in Indien und Afrika, wo verbesserte makroökonomische Rahmenbedingungen, strukturell steigende Nachfrage, Innovationen und eine fortschreitende Marktentwicklung die Renditen steigen lassen könnten und gleichzeitig eine sinnvolle Diversifikation gegenüber den zunehmend überlaufenen KI-Investments bieten.

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