Wie können Schwellenlänger vom KI-Boom profitieren?

Emery Brewer, Senior-Fondsmanager bei J O Hambro
Schwellenländer

Während künstliche Intelligenz die globalen Märkte neu gestaltet, gewinnen die Schwellenländer in der Technologie-Lieferkette zunehmend an Bedeutung.

08.07.2026 | 10:10 Uhr

Dies hat auch Auswirkungen auf traditionelle Schwellenmarkt-Gewichtungen.

Die USA dominieren den Markt für hochleistungsfähige Chips durch Unternehmen wie Nvidia und AMD und zunehmend auch durch die Entwicklung eigener Chips von großen Halbleiterabnehmern wie Google oder Amazon. Andererseits befinden sich in den Schwellenländern die meisten Zulieferer, auf die diese Unternehmen angewiesen sind. Unabhängig davon, welches US-Unternehmen den hochmodernen Chip entwickelt, wird dieser mit wenigen Ausnahmen von TSMC in Taiwan hergestellt. Eine Ausnahme bildet Samsung, dessen kleineres Halbleiter-Foundry-Geschäft ebenfalls in einem Schwellenmarkt angesiedelt ist. Auch Intel verfügt zwar nach wie vor über eigene Fertigungskapazitäten, hat in den letzten Jahren jedoch zunehmend Produktionsaufträge an TSMC vergeben, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Schwellenländer erleben Gewinnboom

Der Einfluss der asiatischen Schwellenländer beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Chipfertigung; vielmehr ist dies erst ein Anfang. Taiwan, Korea und China bieten ein Ökosystem von Unternehmen, die bei den meisten Komponenten von KI-Servern eine führende Rolle spielen. Dies umfasst Speicher, Leiterplatten, Kühlung, Netzteilen und andere Bauteilen bis hin zum endgültigen Design und der Montage von KI-Servern.

Diese Abhängigkeit der KI-Infrastruktur von den asiatischen Schwellenländern hat zu einer Veränderung der sektoralen Gewichtungen sowie des Wachstumsprofils der Schwellenländer und in der Folge auch ihres Renditeprofil geführt. Die Gewichtung des Technologiesektors im MSCI Emerging Markets Index liegt bei 36,8 % und ist damit höher als die Gewichtung des Technologiesektors im S&P 500 mit 35 %. Die Schwellenländer erleben derzeit einen Gewinnboom, wie es ihn in den letzten 20 Jahren nicht gegeben hat (mit Ausnahme der raschen Gewinnerholung 2010 nach dem Schock von 2009, was jedoch keinen fairen Vergleich darstellt), und dieses Gewinnwachstum schlägt sich im Renditeergebnis nieder. Die Schwellenländer übertreffen nach einer sehr langen Phase unterdurchschnittlicher Renditen jetzt erstmals wieder die entwickelten Märkte. Im vergangenen Jahr erzielte der MSCI EM Index eine kumulierte Rendite von 52,9 % und übertraf damit sowohl den MSCI AC World mit 30,4 % als auch den Nasdaq mit 29,9 %. Diese Entwicklung setzt sich seit Jahresbeginn fort.

Diese Outperformance ist nicht nur das Ergebnis einer etwas höherer Gewichtung von Technologiewerten, sondern auch einer grundlegend anderen Art der Exposition innerhalb des Technologiesektors selbst. Zwar bieten sowohl der US-Markt als auch die Schwellenländer Zugang zum Thema KI. Ein Großteil des US-Technologiesektors entfällt jedoch auf Unternehmen wie Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft, die massiv in KI investieren und bei denen Anleger zunehmend die Rendite dieser hohen Investitionen hinterfragen. Ein weiterer bedeutender Teil des US-Technologiesektors besteht aus Softwareunternehmen, die wiederum dem Risiko ausgesetzt sind, dass die rasch zunehmenden KI-Fähigkeiten ihre bestehenden Geschäftsmodelle unter Druck setzen könnten.

Demgegenüber stellen Technologieunternehmen in den Schwellenländern eher die „Picks and Shovels“ der KI-Revolution dar. Während der harte Wettbewerb um die Entwicklung führender KI-Modelle die Begeisterung der Anleger für US-Hyperscaler gedämpft hat, war der daraus resultierende Anstieg der Investitionsausgaben ein wichtiger Rückenwind für die „Picks and Shovels“-Unternehmen in den Schwellenländern, die die zugrunde liegende KI-Infrastruktur bereitstellen.

Diese unterschiedliche Ausrichtung auf KI dürfte sich angesichts der bevorstehenden Börsengängen von Unternehmen wie OpenAI und Anthropic noch weiter verstärken. Die Frage, ob die Schwellenländer den US-Markt übertreffen können, wird zunehmend davon abhängen, wo letztlich die größeren wirtschaftlichen Erträge aus dem KI-Boom anfallen: bei den Unternehmen, die in KI-Infrastruktur investieren, oder bei den Unternehmen, die diese ermöglichen.

Trotz der außergewöhnlichen Performance der Schwellenländer im bisherigen Jahresverlauf waren die Renditen stark konzentriert. Rund 60 % der Kursgewinne im MSCI EM Index wurden von nur drei Titeln getragen: TSMC, Samsung Electronics und SK Hynix.

Technologie-Ökosystem mit Wertschöpfungskette

Dennoch wäre es ein Fehler, die Technologiechancen in den Schwellenländern allein auf diese Mega-Cap-Unternehmen zu beschränken. Aktive Portfoliomanager haben weiterhin Zugang zu einem breiten und vielfältigen Spektrum an Anlagemöglichkeiten im gesamten Technologie-Ökosystem der Schwellenländer. In den asiatischen Schwellenländern sind zahlreiche weltweit führende Unternehmen ansässig, die kritische Komponenten für KI-Server liefern. Viele dieser Unternehmen sind gut positioniert, um vom steigenden „Dollar-Anteil“ zu profitieren, da zukünftige KI-Beschleunigerplattformen immer anspruchsvollere Technologie-Upgrades erfordern, um den ständig steigenden Anforderungen an die Rechenleistung gerecht zu werden.

KI hat die Sichtweise von Asset-Allokatoren auf Schwellenmärkte grundlegend verändert. Über ihre traditionellen zyklischen Merkmale hinaus bieten Schwellenmärkte nun ein entscheidendes und oft unersetzbares Technologie-Engagement durch ein tiefgreifendes Ökosystem von Unternehmen, die die Wertschöpfungskette der KI-Infrastruktur stützen.

Zwar konzentrierte sich die Marktperformance in diesem Jahr stark auf eine Handvoll Mega-Cap-Unternehmen, doch wäre es ein Fehler, die Technologie der Schwellenländer ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Der große Pool an Schwellenländerunternehmen in der KI-Lieferkette schafft ein breites und sich weiterentwickelndes Spektrum an Anlagemöglichkeiten für aktive Investoren. Ihre Fähigkeit, diese strukturellen Gewinner frühzeitig zu identifizieren, dürfte sie in die Lage versetzen, von diesem Regimewechsel stärker zu profitieren als passive Anlagestrategien.

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