WisdomTree: Wie die Ölmärkte auf weitere geopolitische Schocks reagieren

WisdomTree: Wie die Ölmärkte auf weitere geopolitische Schocks reagieren

Nachdem der Chef der iranischen Revolutionsgarde Qassem Soleimani bei einem US-Luftangriff in Übersee getötet wurde stiegen die Ölpreise in der ersten Woche des neuen Jahres an.

24.01.2020 | 08:00 Uhr

Von Mobeen Tahir, WisdomTree Associate Directorund Rohstoffexperte

Die Spannungen in der Region steigen immens , denn das irakische Parlament beschloss, das US-Militär aus dem Land auszuweisen. Das wiederum veranlasste US-Präsident Trump dazu, dem Land mit Sanktionen zu drohen. Das war am 8. Januar des neuen Jahres. Brent, das zum Ende des dritten Quartals im vergangenen Jahr mit rund 59 US Dollar pro Barrel gehandelt wurde, bewegte sich an diesem Tag bei 69 US Dollar.

In unserem jüngst veröffentlichten Jahresausblick 2020 betonten wir, dass die Ölmärkte angesichts der Fragilität im Nahen Osten keine angemessenen geopolitischen Risikoprämien eingepreist haben. Nachfolgend analysieren wir, was durch die Öl-Futures-Kurven eingepreist wird. Zudem stellen wir zur Diskussion, welche Richtung die Ölmärkte nehmen könnten. 

Prämie des geopolitischen Risikos fehlt

Die Brent-Preise wurden im Oktober 2018, als die USA Sanktionen gegen den Iran ankündigten, mit rund 85 US Dollar pro Barrel gehandelt. Seitdem sind die Preise erheblich gefallen, da die Märkte aufgrund des lauen globalen Wirtschaftswachstums auf den Rückgang der Nachfrage fixiert waren. Der Zeitraum dazwischen war jedoch nicht frei von Schwankungen. Besonders merkwürdig ist jedoch, wie schnell nach Eintritt eines „geopolitischen“ Ereignisses die zunächst stark angestiegenen Olpreise stets wieder sanken. Zur Veranschaulichung dessen dient der Drohnenangriff auf saudische Ölfabriken im September 2019. Infolgedessen nahmen die Bedenken hinsichtlich der Ölversorgung auf den Weltmärkten zu, die Preise stiegen. Als die saudischen Behörden versicherten, dass der Schaden unter Kontrolle sei (siehe Abbildung 1) gingen sie schnell zurück. Angesichts der Spannungen in der Region in den letzten Monaten wurde eine dem geopolitischen Risiko angemessenen Prämie bei Öl nicht eingepreist. Die jüngsten Preisaktivitäten könnten ein frühes Indiz dafür sein, dass dies allmählich geschieht und wir uns einer faireren Preisspanne für Brent von etwa 70 bis 75 US Dollar pro Barrel nähern.

Abbildung 1: Die geopolitische Risikoprämie ist aufgrund des Ölpreises gesunken

Abbildung 1: Die geopolitische Risikoprämie ist aufgrund des Ölpreises gesunken
Abbildung 1: Die geopolitische Risikoprämie ist aufgrund des Ölpreises gesunken
Abbildung 1: Die geopolitische Risikoprämie ist aufgrund des Ölpreises gesunken

Quelle: Bloomberg, WisdomTree. Stand der Daten am 06. Januar 2020.  Sie können nicht direkt in einen Index investieren.  Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Maßstab für zukünftige Ergebnisse, und Anlagen können im Wert fallen.

Was uns in Backwardation befindliche[1] Futures-Kurven sagen 

Eine in Backwardation befindliche Futures-Kurve zeigt normalerweise an, dass der Markt eher bereit ist, für eine schnelle Lieferung mehr zu zahlen als abzuwarten. Dies deutet auf eine kurzfristige Knappheit des Rohstoffs hin. Die Brent- und WTI-Kurven haben in den letzten drei Monaten eine deutlich stärkere Backwardation erfahren (siehe Abbildung 2). Der Anstieg der Front-End-Preise begann im Oktober letzten Jahres, als die Märkte weitere Angebotskürzungen der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) einpreisten. Die OPEC und ihre Verbündeten, bekannt als OPEC plus, haben ihre Lieferungen um 0,5 Mio. Barrel pro Tag gesenkt, um die Gesamtmenge im Vergleich zum Stand von Oktober 2018 auf 1,7 Mio. Barrel pro Tag zu senken. Die steile Backwardation in den Kurven zeigt jedoch, dass Öl-Futures die Preisbildung wie folgt vornehmen:

1.       Das Angebot wird über längere Laufzeiten reichlich sein, da Engpässe aufgrund eines kurzfristigen Schocks durch mehr Ölquellen ausgeglichen werden können (z. B. könnte die OPEC das Angebot beeinflussen).

2.       Geopolitische Risiken werden allmählich dadurch eingepreist, dass die Kurve am vorderen Ende steiler wird.

Wenn die geopolitischen Spannungen anhalten oder sogar eskalieren, dürften die Ölpreise unter Aufwärtsdruck geraten. Die Front-End-Preise für Öl können volatil sein. In den letzten Monaten sind die Ölkurven nach geopolitischen Ereignissen rückläufiger geworden, bevor sie wieder abflachten. Um zu dem Schluss zu kommen, dass eine geopolitische Risikoprämie angemessen eingepreist wurde, müsste die Backwardation bestehen bleiben, solange die Risiken bestehen.  

Abbildung 2: Brent- und WTI-Kurven nehmen Kurs in Richtung Backwardation

Abbildung 2: Brent- und WTI-Kurven nehmen Kurs in Richtung Backwardation
Abbildung 2: Brent- und WTI-Kurven nehmen Kurs in Richtung Backwardation
Abbildung 2: Brent- und WTI-Kurven nehmen Kurs in Richtung Backwardation
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Quelle: Bloomberg, WisdomTree. Stand der Daten am 06. Januar 2020Sie können nicht direkt in einen Index investieren. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Maßstab für zukünftige Ergebnisse, und Anlagen können im Wert fallen.

Die Ereignisse der letzten Woche hatten einen etwas stärkeren Einfluss auf Brent als eine internationalere Öl-Benchmark als auf WTI, das tendenziell stärker von der Angebots- und Nachfragedynamik in den USA beeinflusst wird.

Was geschieht jetzt?

Die Ölmärkte dürften weiterhin auf die Entwicklungen zwischen den USA und Iran reagieren. Ein regelrechter Konflikt zwischen beiden könnte zu einem großen Angebotsschock führen und die Straße von Hormus könnte für ein Drittel des globalen Ölvolumens, das derzeit durch sie fließt, unzugänglich werden. Ebenso könnte eine Deeskalation der jüngsten Spannungen die Nerven der Marktteilnehmer beruhigen und die Ölpreise dazu veranlassen, erneut zu sinken, wie dies angesichts anderer geopolitischer Ereignisse im vergangenen Jahr in der Region der Fall war.

Angesichts der Ungewissheit und des vorhandenen Spielraums würde die Rationalität vorschreiben, dass die Märkte das geopolitische Risiko bei Öl einpreisen, bis eine sinnvolle Lösung der Hauptprobleme zwischen den USA und dem Iran in Sicht ist. Angesichts der anhaltenden Spannungen werden die Märkte dieses Risiko wahrscheinlich stärker wahrnehmen und die Ölpreise so stützen. Wenn die Märkte jedoch wieder selbstgefällig werden und die Prämie demzufolge sinkt, bevor alle Probleme gelöst sind, könnte Öl als sehr gute Absicherung geopolitischer Risiken darstellen, da die Preise theoretisch immer dann steigen, wenn ein geopolitisches „Ereignis“ eintritt.

[1] Eine Futures-Kurve wird als in Backwardation bezeichnet, wenn ihr Kassa- oder Barpreis höher als der Terminkurs ist. Die gegenteilige Situation, bei der der Terminkurs höher ist als der Kassa- oder Barpreis, wird als Contango bezeichnet.

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