
Die Renditen der Staatsanleihen steigen sowohl in den USA als auch in Europa – aber aus unterschiedlichen Gründen.
05.10.2026 | 04:45 Uhr
Während in Amerika hohe Staatsschulden bei steigenden Zinsen
Sorge bereiten, sind es in Europa vor allem politische Unsicherheiten, die zu
steigenden Laufzeitprämien beitragen. Was das für Anleger bedeutet, führt Jonas
Krettek, Investmentstratege der apoBank, aus:
„Sowohl in Europa als auch in den USA sind die Renditen langfristiger
Staatsanleihen zuletzt deutlich gestiegen. Die Zerlegung der Renditeentwicklung
zeigt jedoch, dass die Ursachen unterschiedlich sind. Während in den USA vor
allem robuste Konjunkturdaten und höhere Zinserwartungen eine Rolle spielen,
ist der Anstieg in Europa zunehmend Ausdruck wachsender Fiskal- und
Politiksorgen.
Besonders in Frankreich ist dieser Effekt seit Anfang Juli sichtbar. Ein
entscheidender Impuls war das Urteil des Berufungsgerichts im Fall von Marine
Le Pen, das ihre Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2027 ermöglicht. Da
Marktteilnehmer ihrem politischen Lager gute Chancen bei der ersten Wahlrunde
einräumen, rückten Fragen nach dem künftigen finanzpolitischen Kurs des Landes
stärker in den Fokus.
In der Folge stieg die von Anlegern verlangte Laufzeitprämie deutlich an und
erklärt inzwischen mehr als die Hälfte des Renditeanstiegs französischer
Staatsanleihen seit Jahresbeginn. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die
hohe Staatsverschuldung, die bevorstehenden Haushaltsverhandlungen sowie
anstehende Bonitätsprüfungen durch die Ratingagenturen. Der Druck beschränkt
sich dabei nicht auf Frankreich, sondern strahlt zunehmend auch auf andere
europäische Rentenmärkte, einschließlich deutscher Bundesanleihen, aus.
In den USA zeigt sich dagegen bislang kein vergleichbarer Anstieg der
Laufzeitprämien. Trotz einer Staatsverschuldung von mittlerweile über 40
Billionen US-Dollar werden die höheren Renditen dort vor allem durch
fundamentale Faktoren erklärt. Die US-Wirtschaft präsentiert sich weiterhin
robust, während Fed-Chef Kevin Warsh sowohl in Jackson Hole als auch im Rahmen
der jüngsten FOMC-Kommunikation die Priorität der Inflationsbekämpfung deutlich
betonte. Entsprechend haben die Märkte wieder einen höheren Leitzinspfad
eingepreist.
Aus Anlegersicht spricht dies für Zurückhaltung bei langlaufenden
Staatsanleihen. Insbesondere in den USA besteht das Risiko, dass die hohe
Staatsverschuldung künftig stärker in Form einer höheren Laufzeitprämie
eingepreist wird und damit zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Renditen
ausübt.
Vor diesem Hintergrund bevorzugen wir bei Staatsanleihen weiterhin kürzere
Laufzeiten. Diese bieten attraktive laufende Erträge und sind zugleich weniger
anfällig für einen möglichen Anstieg der Laufzeitprämien infolge wachsender
Fiskalsorgen.“
Diesen Beitrag teilen: