Schroders: Fossile Brennstoffproduktion steigt schneller als erwartet

Vor einem Jahr stellte Schroders das Climate Progress Dashboard vor. Ein Jahr später wird gezeigt, welche Fortschritte bei der Abschwächung des weltweiten Temperaturanstiegs erreicht wurden.

07.08.2018 | 13:05 Uhr

Das Climate Progress Dashboard wurde entwickelt, um den Analysten, Fondsmanagern und Kunden von Schroders eine Übersicht über die Fortschritte beim Klimaschutz zu bieten. Die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze, der sich Regierungen auf der ganzen Welt verschrieben haben, erfordert Maßnahmen in vielen Bereichen und von vielen Stakeholdern.

Das Dashboard zeigt den langfristigen Anstieg der Temperaturen, der aufgrund der Entwicklungen in jedem Bereich zu erwarten wäre, und bietet eine Übersicht über die Fortschritte des Klimaschutzes in den Bereichen, in denen Veränderungen erforderlich sind. Das Dashboard ermöglicht ein genaueres Bild als einzelne Indikatoren. 

Vor einem Jahr deutete das Dashboard auf einen Temperaturanstieg von 4,1 °C hin. Seitdem ist die Prognose leicht auf 4 °C gesunken. Die Indikatoren bewegen sich in die richtige Richtung, und einzelne Indikatoren geben Anlass zur Zuversicht. Es ist jedoch auch klar, dass deutlich schneller gehandelt werden muss als bisher und große Umwälzungen bevorstehen. 

Einen Schritt vor, einen Schritt zurück?

Die unten stehende Abbildung stellt die Veränderungen bei den Temperaturanstiegen in den vergangenen zwölf Monaten dar, die jeder Indikator impliziert. Zwar bewegen sich genauso viele Indikatoren in die falsche (also hin zu steigenden Temperaturen) wie in die richtige Richtung; dennoch gibt das Gesamtbild Anlass zur Zuversicht.

Absolute Veränderung beim Temperaturanstieg, den jeder Indikator seit Mitte 2017 impliziert (in °C)

Absolute Veränderung beim Temperaturanstieg, den jeder Indikator seit Mitte 2017 impliziert
Absolute Veränderung beim Temperaturanstieg, den jeder Indikator seit Mitte 2017 impliziert

Quelle: Schroders Climate Progress Dashboard. Hinweis: Vergleicht die absolute Veränderung des Temperaturanstiegs, der von jedem Indikator angedeutet wird, wobei die jüngsten Daten mit jenen verglichen werden, die wir bei der ersten Auflage des Dashboards verwendet haben. Die in der Abbildung verwendeten Begriffe werden hier erklärt.

Bereits im Januar verwiesen wir auf die weltweit nachlassenden Investitionen in Klimaschutzlösungen wie saubere Energie. In den USA gibt die politische Lage wenig Grund zur Hoffnung – andere Regionen haben den Klimaschutz jedoch zu einem Schwerpunktthema gemacht. Die Europäische Union beispielsweise hat eine Reihe von neuen Maßnahmen vorgestellt, die die Kapitalmärkte zu den geplanten Investitionen von jährlich 180 Mrd. Euro in den Klimaschutz motivieren sollen.

Die Produktion fossiler Brennstoffe stieg ebenfalls mehr als von ehrgeizigeren Szenarien impliziert. Nachdem die globale Kohleförderung in den vergangenen drei Jahren gesunken war, ist sie 2017 laut der jüngsten BP Statistical Review1 wieder gestiegen. Auch die politischen Ziele erlitten im vergangenen Jahr einen Rückschlag, wobei wir darauf verweisen, dass dies auch durch veränderte Berechnungsmethoden bedingt war.

Ermutigend ist hingegen, dass sich die globalen Kohlenstoffpreise seit Mitte des vergangenen Jahres im Durchschnitt mehr als verdoppelt haben, was Reformankündigungen des EU-Emissionshandelssystems zu verdanken war. Die Pläne Chinas für ein landesweites Emissionshandelsprogramm, das ebenfalls Ende 2017 angekündigt wurde, sprechen dafür, dass deutlich höhere Kohlenstoffpreise einen Anreiz für weitere Maßnahmen bieten werden.

Während die fossile Brennstoffproduktion schneller anstieg als von Klimaschutzgruppen gehofft, sind die nachlassenden Investitionen in die Branche ermutigend. Indem wir Kapitalinvestitionen und deren Ursprung – im Verhältnis zu den gegenwärtigen Vermögenswerten der Branche – nachverfolgen, können wir die Stärke des zukünftigen Nachfragewachstums abschätzen. Angesichts niedrigerer Preise und des Drucks auf die Branche, Zurückhaltung zu üben, sind die Investitionen in neue Kapazitäten in den vergangenen Jahren gesunken. Diese Entschlossenheit wird in den kommenden Jahren auf den Prüfstand gestellt, da höhere Ölpreise – ein traditioneller Impulsgeber– in die Entscheidungsfindung einfließen.

Zu guter Letzt unterstreichen das anhaltend starke Umsatzwachstum bei Elektrofahrzeugen und der Ausbau erneuerbarer Energien das Tempo der Neuerungen innerhalb dieser Technologien, wo sinkende Kosten die wirtschaftlichen Faktoren bei der Stromerzeugung und im Straßentransport neu definieren. Das Weltwirtschaftsforum2 hat festgestellt, dass erneuerbare Energien bereits in mehr als 30 Ländern kostengünstiger sind als fossile Brennstoffe, und dass dies bis 2020 weltweit der Fall sein wird. Auch Elektrofahrzeuge profitieren von den schnell sinkenden Kosten. Autonomes Fahren wird zu dieser Entwicklung noch beitragen. Kurz gesagt: Die technologischen Fortschritte auf wichtigen Gebieten führen selbst ohne strengere politische Interventionen zu Veränderungen.

Insgesamt zeigt das Dashboard für 2018 ein durchwachsenes Bild, mit einer leicht positiven Tendenz in die richtige Richtung. Wir glauben jedoch, dass das Gesamtbild etwas günstiger ist, als die 4 °C vermuten lassen. Insbesondere die zunehmende Nutzung von Elektrofahrzeugen und sauberen Energietechnologien unterstreicht die nachlassende Abhängigkeit von der Politik im Hinblick auf Fortschritte beim Klimaschutz – was angesichts ihres bislang verhaltenen Einflusses durchaus positiv zu sehen ist.

Ein genauerer Blick auf die Indikatoren

In der aktuellen Ausgabe des Dashboards haben wir einige Änderungen eingeführt. So haben wir die Kategorie „Altindustrie“ in die neuen Unterkategorien „Fossile Brennstoffproduktion“ und „Fossile Brennstoffreserven“ unterteilt. 

Die erste Kategorie umfasst die globale Förderung von Öl, Gas und Kohle, auf Grundlage des Energiegehalts jedes Kohlenwasserstoffs. Dies ersetzt die beiden Indikatoren, mit denen wir bislang die Öl-, Gas- und Kohleförderung separat gemessen haben. Zwar sind die den Berechnungen zugrunde liegenden Daten die gleichen. Wir sind aber der Ansicht, dass das Gesamtbild einen besseren Eindruck über die erreichten Fortschritte verschafft. Um langfristig eine Senkung der Emissionen zu erreichen, ist ein geringerer Verbrauch aller drei Brennstoffe erforderlich. Die Kombination dieser Brennstoffe, wie sie in Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) für verschiedene Klimaszenarien verwendet wird, ist relativ willkürlich. 

Das Dashboard zeigt, dass die Kohleförderung, die in den vergangenen fünf Jahren um nahezu 1 % pro Jahr gesunken ist, beinahe dem Zwei-Grad-Szenario der IEA entspricht. Andererseits deutet die Öl- und Gasproduktion, die doppelt so schnell gestiegen ist, auf einen wesentlich höheren Temperaturanstieg hin. Da beide Resultate von den Annahmen der IEA in Bezug auf den zukünftigen Brennstoffmix abhängen, wird das Gesamtbild von der Willkür der IEA-Modellierung weniger beeinflusst. Der neue Indikator deutet auf einen Anstieg der Temperatur um 5,6 °C hin. Berücksichtigt man die drei Brennstoffe separat, erhält man den gleichen Wert.

Der neue Indikator „Fossile Brennstoffreserven“ misst den Anstieg neuer fossiler Energiereserven. Er vergleicht das Volumen der fossilen Brennstoffreserven, die jedes Jahr hinzukommen, mit dem langfristigen Nachfragewachstum in jedem Temperaturszenario. Es wurde belegt, dass das Volumen der bereits entdeckten Reserven bei Weitem die Menge übersteigt, die verbrannt werden darf, um die Zwei-Grad-Grenze nicht zu überschreiten, auf die sich die Regierungen geeinigt haben.

Aus diesem Grund deuten Ausgaben zur Erhöhung der Reserven, die das Wachstum der Nachfrage übersteigen, auf einen übermäßigen Optimismus der Branche hin. Wir berechnen den Temperaturanstieg, der sich durch steigende Reserven ergeben würde, indem wir das Volumen neuer Reserven mit dem langfristigen Wachstum der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen in jedem Temperaturszenario vergleichen. Gegenwärtig zeigt diese Analyse, dass das Wachstum der fossilen Brennstoffreserven auf einen langfristigen Temperaturanstieg um 4,6 °C hindeutet.

https://www.bp.com/en/global/corporate/energy-economics/statistical-review-of-world-energy.html
http://www3.weforum.org/docs/WEF_Renewable_Infrastructure_Investment_Handbook.pdf

Das Climate Change Dashboard finden Sie hier. Bitte beachten Sie, dass die verlinkte Seite in englischer Sprache verfasst wurde.

Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar. Der Beitrag wurde am 31.07.18 auch auf schroders.com veröffentlicht.


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