
Die Aktienmärkte wirken oberflächlich ruhig, vor allem durch den KI-Boom. Doch hinter den Rekordständen verbergen sich zunehmend Spannungen.
18.06.2026 | 10:08 Uhr
Schon kleine Auslöser könnten zu größeren Verschiebungen führen. In solchen Phasen wird es wichtiger, Multi-Asset-Portfolios auf verschiedene Szenarien einzustellen. Worauf es dabei ankommt, erläutert Marc Momberg, Leiter Portfoliomanagement und Multi-Asset-Experte der Apo Asset Management GmbH (apoAsset).
Krisensymptome verändern sich, Muster bleiben
Die Auslöser großer Marktbewegungen unterscheiden sich von Krise zu Krise, ob
Dotcom-Blase, Finanzkrise, Pandemie oder aktuelle geopolitische Eskalationen.
Die grundlegenden Mechanismen ähneln sich jedoch, wie in diesem Jahr im Kontext
des Iran-Kriegs. Märkte reagieren regelmäßig mit Übertreibungen, einseitigen
Positionierungen und sprunghaft steigender Unsicherheit. Deshalb reicht der
Blick auf Indizes, Schlagzeilen und Prognosen allein meist nicht aus. Wichtiger
ist es, Portfolios strukturell auf verschiedene mögliche schwierige Marktphasen
vorzubereiten. Resilienz entsteht nicht durch die Vorhersage der nächsten
Krise, sondern durch die bewusste Kombination unterschiedlicher Renditetreiber.
Dazu gehört auch die Kontrolle der verschiedenen Risikoquellen, um jederzeit
handlungsfähig zu bleiben.
Tieferliegende Unsicherheiten
Derzeit gibt es an den Märkten mehrere Bewegungsmuster, die sich überlagern und
damit entweder kurzfristig aufheben oder gegenseitig verstärken können. Zudem
führt die gestiegene Rolle des automatisierten Handels und des
optionsmarktgetriebenen Orderflows dazu, dass Märkte heute weitaus dynamischer
auf neue Nachrichten reagieren als früher.
Geopolitische Konflikte wie derzeit im Nahen Osten und in Osteuropa zeigen immer wieder Abhängigkeiten in einer stark verflochtenen Weltwirtschaft, die unterschiedliche Regionen jeweils unterschiedlich stark belasten. Ein weiterer Faktor ist die Index-Dominanz einzelner Sektoren, wie derzeit die von KI- und Tech-Aktien. Die hohen Bewertungen und immensen Investitionen der Tech-Konzerne werden bislang von sehr hohen Wachstumserwartungen und Cashflows getragen. Die Konzerne und Marktteilnehmer erhoffen sich daraus stark steigende Gewinne in der Zukunft. Sollten jedoch Zweifel an der Realisierbarkeit der Gewinnerwartungen aufkommen, kann schnell ein Teufelskreis einsetzen, wie schon in früheren Marktphasen, zum Beispiel beim Platzen der Internetblase. Verlangsamte Wachstumsaussichten führen dann zu fallenden Erwartungen. Investitionen werden in Frage gestellt, Projektkosten steigen, während der Nutzenzuwachs der KI-Anwendungen im Vergleich zu deutlich steigenden IT-Kosten als bisher in Frage gestellt wird.
An der Börse entscheidet auch die Stimmung
Dass diese Entwicklungen nicht nur Privatanleger beunruhigen können, zeigten
zuletzt auch die Warnungen der EZB vor möglichen Marktverwerfungen.
Zwischenzeitliche Korrekturen können zwar gesund sein. Entscheidend ist dabei
häufig, wie einseitig die breite Masse an der Börse zu dem Zeitpunkt
positioniert ist. Solange unterschiedliche Meinungen im Markt vorhanden sind,
wirkt das stabilisierend. Problematisch wird es aber, wenn Euphorie dominiert
und sich gleichzeitig im Untergrund viele Indikatoren verschlechtern. Zum
Beispiel könnten sich Belastungen wie hohe Energiepreise, steigende Zinskosten
und zunehmende Unsicherheiten durch den rasanten Wandel in der Arbeitswelt als
Belastungsfaktoren in der Konsumentenstimmung verstärken. Wenn dann durch einen
Auslöser die Stimmung an den Märkten kippt, sind schnell empfindliche Verluste
möglich. Gerade in solchen Zeiten werden deshalb eine diversifizierte, flexible
Portfolioaufstellung und die Bereitschaft, antizyklisch zu handeln, wichtiger.
Wer in mehreren Schritten bei fallenden Kursen investiert oder nahe neuer
Höchststände Risiken sukzessive reduziert, bleibt flexibler als jene, die
versuchen, Wendepunkte exakt vorherzusagen. Für die langfristige Geldanlage ist
diese Disziplin oft wichtiger als die perfekte Marktprognose, die es ohnehin
nicht geben kann.
Liquidität kann plötzlich zentral werden
Ein unterschätzter Faktor in solchen Phasen ist oft Liquidität. Die Erfahrung
zeigt, dass selbst große Märkte oder Werte plötzlich schwer handelbar werden
können. Spreads weiten sich dann deutlich aus, Limits werden nicht ausgeführt
oder gerissen und Marktorders werden plötzlich zu deutlich anderen Kursen
ausgeführt, als eben noch auf dem Schirm sichtbar waren. Auch ETFs oder Fonds
können illiquide werden und zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugen, der andere
Marktbewegungen verstärken kann. Deshalb spielt operative Flexibilität im
Multi-Asset-Management eine zentrale Rolle. Neben Zielfonds und ETFs nutzen die
Multi-Asset-Fonds der apoAsset daher zum Beispiel Futures sowie Aktien- und
Renten-Einzeltitel, um in den Portfolios mehrere Handlungsoptionen zu haben.
Auch in den Auswahlprozessen werden Überlegungen zu Stressphasen und möglichen
Liquiditätsengpässen bereits berücksichtigt.
Die Resilienz-Formel für Multi-Asset-Strategien
Diversifikation bedeutet heute weit mehr als die klassische Aufteilung zwischen
Aktien und Anleihen. Multi-Asset-Strategien kombinieren verschiedene
Anlageklassen, Regionen, Investmentstile, Unternehmensgrößen, Branchen, bei
Anleihen unterschiedliche Emittenten, Laufzeiten und Bonitäten, auch
alternative Strategien, Rohstoffe oder Edelmetalle – jeweils abgestimmt auf das
angestrebte Rendite-Risiko-Profil. Ziel ist nicht die Vermeidung von
Schwankungen, sondern eine robustere Geldanlage über unterschiedliche
Marktphasen hinweg. Ein Multi-Asset-Portfolio darf nicht davon abhängen, dass
ein einzelnes Thema dauerhaft alle Erwartungen erfüllt. Konzentrationsrisiken
aktiv zu managen, gehört deshalb zu den wichtigsten Aufgaben im
Portfoliomanagement. Dafür ist es notwendig, mögliche Risiken zu verstehen und
sich breit genug aufzustellen, so dass man den nächsten Sturm übersteht, egal
aus welcher Richtung er kommt. Aktive und liquide Multi-Asset-Strategien sind
somit ein wichtiges Instrument für den langfristigen Vermögensaufbau und
Vermögenserhalt, sowohl in der privaten Geldanlage als auch in institutionellen
Portfolios.
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