Bankhaus Herzogpark Marktblick Oktober 2026

Michael Titz, Leiter Investment Office, Bankhaus Herzogpark
Marktrückblick

Die Börse sortiert sich neu: Starke Gewinne, fallende Favoriten

03.11.2026 | 08:26 Uhr

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Oktober brachte einen bemerkenswerten Wechsel: Während zahlreiche bisherige Börsenfavoriten aus dem Technologie- und KI-Bereich teils deutlich unter Druck gerieten, entwickelten sich viele andere Aktien erfreulich. Die großen Aktienindizes vermittelten dadurch ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Marktverfassung.
  • Unter der Oberfläche haben zahlreiche Aktien bereits seit Monaten erhebliche Korrekturen durchlaufen. Manche Marktbeobachter sprechen deshalb von einer „versteckten Baisse“. Die Verbesserung der Marktbreite zuletzt spricht allerdings gegen eine pauschal pessimistische Interpretation.
  • Die US-Berichtssaison überzeugt erneut mit außergewöhnlich starkem Gewinnwachstum. Gleichzeitig fallen die positiven Gewinnüberraschungen vergleichsweise gering aus. Gerade bei den großen Technologieunternehmen hinterfragen Anleger wie erwartet zunehmend das Verhältnis zwischen hohen Investitionen, künftigen Erträgen und Bewertungen.
  • Nach dem Renditeschock der Vormonate entspannte sich die Lage an den Anleihemärkten im Oktober spürbar. Zwar weiteten sich die Risikoaufschläge punktuell aus, etwa bei französischen Staatsanleihen, besonders bonitätsschwachen Schuldnern („CCC“-Rating) und einzelnen KI-nahen Finanzierungen. Ein breiter Stress ist bislang jedoch nicht erkennbar. Eine nachhaltige Zinswende lässt sich ebenfalls noch nicht ableiten. Wir behalten eine schrittweise Verlängerung der Duration im Blick.
  • Die Weltwirtschaft zeigt sich weiterhin widerstandsfähig. Das kräftige US-Wachstum und die Stabilisierung in Europa stehen anhaltenden Inflationsrisiken, hohen Finanzierungskosten und erneuten geopolitischen Spannungen gegenüber.
  • Die bevorstehenden US-Zwischenwahlen könnten die politischen Rahmenbedingungen für die nächsten beiden Jahre erheblich verändern. Für die Kapitalmärkte sind insbesondere die Folgen für Finanzpolitik, Staatsverschuldung, Handel und Regulierung relevant.

Portfolioimplikationen: Weiter breite Aufstellung statt einseitiger Wetten


Aktien: Wir halten zum Monatswechsel an einer neutralen Aktienquote fest. Die robuste Gewinnentwicklung und die weiterhin widerstandsfähige Konjunktur sprechen nicht für einen grundsätzlichen Rückzug aus Risikoanlagen. Die jüngste Marktrotation bestätigt vielmehr den Wert einer breiten Diversifikation. Neben ausgewählten Wachstumsunternehmen bleiben Qualitäts- und Valueaktien wichtige Bausteine unserer Portfolios. Regelmäßiges Rebalancing verhindert, dass einzelne Positionen oder Anlagethemen das Risiko übermäßig bestimmen.

Anleihen: Mit den gestiegenen Renditen hat sich das Chancen-Risiko-Verhältnis längerer Laufzeiten gegenüber dem Frühjahr verbessert. Wie bereits im September erläutert, sehen wir deshalb zunehmend Potenzial für einen sukzessiven Duration-Aufbau. Allerdings möchten wir einer nachhaltigen Zinswende nicht vorgreifen. Aktuelle Stimmungsindikatoren deuten zudem darauf hin, dass die Erholung bei Bundesanleihen schon bald wieder an Schwung verlieren könnte. Wir bleiben daher zunächst bei unserer vorsichtigen Positionierung und bevorzugen bei einer schrittweisen Laufzeitenverlängerung weiterhin hohe Bonitäten, ohne gleichzeitig zusätzliche Kreditrisiken in größerem Umfang einzugehen.

Gold: Das Edelmetall bleibt für uns ein strategischer Diversifikationsbaustein. Nach der jüngsten scharfen Korrektur haben sich die Stimmungsindikatoren deutlich eingetrübt, während das längerfristige Vertrauen vieler Anleger in das Edelmetall stabil geblieben ist. Daraus könnte sich mittelfristig eine antizyklische Kaufgelegenheit ergeben, auch wenn die Stimmung allein noch kein verlässliches Einstiegssignal liefert. Auch bei Silber lohnt es sich, die weitere Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Die kurzfristigen technischen Signale sind dort allerdings weniger eindeutig und die Schwankungsrisiken höher. Einen unmittelbaren Handlungszwang sehen wir nicht.

Kapitalmärkte: Ein Oktober mit zwei Gesichtern

Die Aktienmärkte zeigten im Oktober ein ungewöhnlich uneinheitliches Bild. In den USA gerieten insbesondere große Technologie- und Kommunikationsunternehmen unter Druck. Gefragt waren dagegen Energieunternehmen, defensive Konsumwerte, Versorger und der Gesundheitssektor. Auch in Europa gehörten Gesundheits-, Nahrungsmittel- und Energiewerte zu den Gewinnern. Deutlich schwächer entwickelten sich hingegen vor allem Banken und Rohstoffunternehmen. Die großen Aktienindizes vermittelten damit ein teilweise verzerrtes Bild der tatsächlichen Marktverfassung.

Der Wechsel der Börsenfavoriten war bemerkenswert, allerdings nicht ausschließlich positiv zu interpretieren: Die verstärkte Nachfrage nach defensiven Geschäftsmodellen deutet zugleich auf eine vorsichtigere Haltung vieler Anleger hin. Passend zum Halloween-Wochenende bot die Entwicklung mancher bisheriger Börsenlieblinge durchaus Anlass zum Gruseln. Von einer allgemeinen Flucht aus Aktien konnte dennoch keine Rede sein.

Auch an den Anleihemärkten änderte sich das Bild. Der starke Renditeanstieg aus August und September setzte sich nicht fort. Stattdessen gingen die langfristigen Staatsanleiherenditen vieler Länder teilweise deutlich zurück. Dazu dürfte auch die gestiegene Nachfrage nach sicheren Anlagen während der „Aktienmarktturbulenzen“ beigetragen haben. Frankreich blieb dagegen ein besonderer Risikofaktor. Die ungelösten Haushaltsprobleme und die politische Unsicherheit vor der Präsidentschaftswahl 2027 ließen die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen zeitweise weiter steigen. Im Oktober zeigte sich erneut, dass sich allgemeine Zinsbewegungen und länderspezifische Risiken durchaus unterschiedlich entwickeln können.

An den Rohstoffmärkten rückte unterdessen die geopolitische Lage erneut in den Vordergrund. Verbales „Säbelrasseln“ sowie Angriffe auf Energieinfrastruktur und Schifffahrtswege im Nahen Osten ließen die Sorgen um die Versorgungssicherheit wieder zunehmen. Die Ölpreise stiegen entsprechend deutlich. Gold und insbesondere Silber konnten sich dem allgemein unruhigen Marktumfeld nicht entziehen und verzeichneten zeitweise kräftige Rückschläge.

Wirtschaftliche Lage: Die Konjunktur bleibt erstaunlich robust

Die wirtschaftlichen Daten des Oktobers zeichneten insgesamt ein besseres Bild, als es die teilweise heftigen Börsenentwicklungen vermuten lassen. Besonders bemerkenswert bleibt die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 3,4 Prozent und damit stärker als im Vorquartal. Neben dem privaten Konsum trugen vor allem die Investitionen zum Wachstum bei. Der Ausbau von Rechenzentren und anderer KI-Infrastruktur bleibt dabei ein bestimmender Impulsgeber. Allerdings zeigt der zuletzt schwächere Arbeitsmarkt, dass die wirtschaftliche Dynamik keineswegs in allen Bereichen gleichermaßen hoch ist.

Auch Europa überraschte positiv. Die Wirtschaftsleistung des Euroraums legte im dritten Quartal um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. In Deutschland verbesserte sich der ifo-Geschäftsklimaindex im Oktober erneut leicht. Besonders interessant ist die unterschiedliche Entwicklung seiner Komponenten: Während die Unternehmen ihre Geschäftserwartungen positiver einschätzen, beurteilen sie ihre aktuelle Lage weiterhin zurückhaltend. Von einem kräftigen Aufschwung kann deshalb nicht gesprochen werden. Die Stabilisierung der Industrie und die Aussicht auf zusätzliche öffentliche Investitionen sprechen aber gegen ein ausgesprochen pessimistisches Konjunkturbild.

In Asien blieb das wirtschaftliche Bild ebenfalls uneinheitlich. Chinas Wirtschaft stabilisierte sich im dritten Quartal, getragen insbesondere von der Industrie und den Exporten. Die schwache Binnennachfrage und die anhaltenden Probleme des Immobiliensektors begrenzen die Erholung. Japan befindet sich geldpolitisch in einer anderen Situation: Die Bank of Japan beließ ihren Leitzins Ende Oktober zwar unverändert, signalisierte angesichts der hartnäckigen Inflation aber weitere mögliche Zinserhöhungen.

Bei der Inflation gab es zuletzt ebenfalls Lichtblicke. In Deutschland ging die am harmonisierten Verbraucherpreisindex gemessene Inflationsrate im Oktober nach vorläufigen Berechnungen von 3,3 auf 2,8 Prozent zurück. Die nach dem nationalen Verbraucherpreisindex berechnete Kerninflation ohne schwankungsanfällige Preise für Energie und Nahrungsmittel sank auf 2,1 Prozent. Von einer vollständigen Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Energie verteuert sich im Vorjahresvergleich weiterhin deutlich. Sollten die erhöhten Öl- und Gaspreise länger bestehen bleiben, könnten sie erneut auf Produktionskosten, Verbraucherpreise und schließlich die Lohnentwicklung durchschlagen.

Vor diesem Hintergrund hielten sowohl die Europäische Zentralbank als auch die amerikanische Federal Reserve ihre Leitzinsen im Oktober unverändert. In den USA stimmten allerdings erneut zwei Notenbankmitglieder für eine Zinserhöhung. Die EZB verwies ihrerseits auf die Gefahr, dass dauerhaft höhere Energiepreise das Wachstum belasten und gleichzeitig die Inflation verstärken könnten. Die Notenbanken stehen damit vor einer anspruchsvollen Abwägung. Einerseits erweist sich die Wirtschaft als erstaunlich belastbar. Andererseits wirken die höheren Finanzierungskosten mit Verzögerung und könnten die Nachfrage in den kommenden Quartalen bremsen. Eine verlässliche Prognose des weiteren Zinspfads bleibt daher äußerst schwierig.

Fokusthema: „Versteckte Baisse“ oder gesunde Bereinigung?

Bereits im September hatten wir auf die auffällig geringe Marktbreite hingewiesen. Einige wenige große Unternehmen hielten die Aktienindizes damals vergleichsweise stabil, obwohl zahlreiche andere Aktien bereits erhebliche Rückschläge durchlaufen hatten. Inzwischen sprechen manche Marktbeobachter deshalb sogar von einer „versteckten Baisse“. Das klingt allerdings dramatischer, als es die tatsächliche Entwicklung vermuten lässt. Die Korrekturen erfolgten vielfach zeitlich versetzt und betrafen unterschiedliche Branchen. Von einer gleichzeitigen, flächendeckenden Verkaufswelle konnte deshalb keine Rede sein. Gerade diese unterschiedlichen Entwicklungen erklären, warum ein Aktienindex ein wesentlich ruhigeres Bild vermitteln kann als seine Einzelwerte.

Im Oktober kehrte sich dieses Bild nun teilweise um. Während einige der bisherigen Gewinner stärker unter Druck gerieten, holten zahlreiche andere Aktien auf. Das muss kein Warnsignal sein. Im Gegenteil: Eine solche Rotation kann helfen, überzogene Erwartungen abzubauen und die Abhängigkeit des gesamten Aktienmarktes von wenigen Schwergewichten zu reduzieren.

Warum gerade jetzt? Eine wichtige Erklärung liefert die laufende Berichtssaison.

Bis Ende Oktober hatten rund 60 Prozent der Unternehmen im S&P 500 ihre Quartals-ergebnisse vorgelegt. Unter Einbeziehung der noch ausstehenden Gewinnschätzungen zeichnet sich für das dritte Quartal ein außergewöhnlich kräftiges Gewinnwachstum von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab. Sämtliche elf großen Branchen weisen steigende Gewinne auf, sieben davon sogar zweistellige Zuwachsraten. Der Aufschwung steht fundamental also auf einer soliden Basis.

Allerdings offenbart die Berichtssaison auch eine interessante Schwäche. Zwar übertrafen mehr als vier von fünf der bisher berichtenden Unternehmen die Gewinnerwartungen der Analysten, die aggregierte positive Gewinnüberraschung lag jedoch nur bei knapp zwei Prozent. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre waren es rund 7,5 Prozent. Die Unternehmen verdienen also ausgesprochen gut, übertreffen die bereits hohen Erwartungen aber nur noch knapp. Das erklärt, warum selbst überzeugende Geschäftszahlen an der Börse mitunter enttäuscht aufgenommen werden. Entscheidend ist eben nicht nur, wie viel ein Unternehmen verdient, sondern welche Erwartungen bereits in seinem Aktienkurs stecken.

Besonders deutlich wird dies erneut bei den großen Technologiekonzernen. Das Wachstum ihrer Cloud- und KI-Geschäfte bleibt außerordentlich hoch. Bei mehreren führenden Anbietern beschleunigte sich die Umsatzentwicklung im vergangenen Quartal sogar nochmals. Die wirtschaftliche Nachfrage nach KI-Anwendungen und Rechenleistung ist also längst keine bloße Zukunftsvision mehr. Gleichzeitig erfordert der Ausbau der Infrastruktur enorme Investitionen. Bei einigen Unternehmen belasten diese inzwischen den freien Cashflow erheblich. Hinzu kommt, dass sich das außergewöhnlich hohe Gewinnwachstum der KI-Infrastrukturunternehmen in den kommenden Jahren voraussichtlich normalisieren wird, auch wenn die Zuwachsraten weiterhin beachtlich bleiben dürften.

Für Anleger rückt deshalb immer stärker die Frage in den Mittelpunkt, welche Unternehmen ihre hohen Investitionen dauerhaft in angemessene Kapitalrenditen übersetzen können. Das ist keine grundsätzliche Absage an den KI-Boom, sondern eine zunehmend differenzierte Bewertung seiner wirtschaftlichen Gewinner. Auch die jüngsten Stimmungsindikatoren passen zu diesem Bild. Gerade bei amerikanischen Technologieaktien hat die Skepsis deutlich zugenommen. Umfragen deuten darauf hin, dass insbesondere professionelle Anleger ihre Risikopositionen zuletzt reduziert haben. Gleichzeitig ist das längerfristige Vertrauen in den gesamten Aktienmarkt keineswegs zusammengebrochen. Von einer allgemeinen Kapitulation kann daher nicht gesprochen werden.

Entscheidend ist deshalb weniger, ob einzelne Börsenlieblinge korrigieren. Wichtiger ist, ob die verbesserte Marktbreite Bestand hat und die Erholung anderer Branchen auch von nachhaltig steigenden Unternehmensgewinnen getragen wird. Gelingt dies, könnte der Aktienmarkt auf einer langfristig gesünderen Grundlage weiter wachsen. Sollten dagegen auch die bislang stabileren Bereiche unter Druck geraten, wäre die Situation neu zu bewerten.

Worauf Anleger in den kommenden Monaten achten sollten

Bereits morgen, am 3. November, stehen in den USA die sogenannten Midterms an. Sämtliche 435 Sitze des Repräsentantenhauses und rund ein Drittel des Senats werden neu gewählt. Das Ergebnis entscheidet wesentlich darüber, welche politischen Handlungsspielräume Präsident Donald Trump in den verbleibenden beiden Jahren seiner Amtszeit besitzt. Bislang verfügen die Republikaner in beiden Kammern über knappe Mehrheiten. Die Umfragen deuten insbesondere im Repräsentantenhaus auf die Möglichkeit eines Machtwechsels hin, während die Ausgangslage im Senat weiterhin offen ist.

Sollten die Demokraten eine oder beide Kammern gewinnen, wären größere Gesetzesvorhaben der Regierung künftig deutlich schwieriger durchzusetzen. Das betrifft insbesondere die Steuer- und Haushaltspolitik. Gleichzeitig könnten Verhandlungen über den Bundeshaushalt und die staatliche Schuldengrenze erneut zu politischen Konflikten führen. Ein geteilter Kongress würde zwar zusätzliche Ausgabenprogramme erschweren, die hohen Haushaltsdefizite aber keineswegs automatisch beseitigen. Hinzu kommt, dass der Präsident gerade in der Außen- und Handelspolitik erhebliche eigene Handlungsspielräume behält. Eine grundlegende Neuausrichtung der Zoll- oder Iranpolitik wäre deshalb auch bei veränderten Mehrheiten keineswegs sicher.

Behielten die Republikaner dagegen beide Mehrheiten, könnte die Regierung ihre bisherige wirtschaftspolitische Linie leichter fortsetzen. Weitere steuerliche Maßnahmen, Deregulierung und zusätzliche Ausgaben etwa für Verteidigung oder Infrastruktur wären denkbar. Damit würde allerdings auch die Frage nach der langfristigen Tragfähigkeit der amerikanischen Staatsverschuldung erneut an Bedeutung gewinnen. Für die Kapitalmärkte zählt letztlich weniger die politische Konstellation an sich als ihre Auswirkungen auf Wachstum, Inflation, Staatsfinanzen und Regulierung. Die häufig vertretene Annahme, ein geteilter Kongress sei grundsätzlich gut für die Börse, greift deshalb zu kurz.

Ein wichtiger Stimmungstest für den KI-Sektor könnte im November der geplante Börsengang von Anthropic werden. Das Unternehmen hat Ende Oktober seinen vorläufigen Börsenprospekt bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Medienberichten zufolge wird ein Börsendebüt noch im November angestrebt, wobei der genaue Zeitplan und die Konditionen bislang offen sind. Anthropic verbindet außergewöhnlich schnelles Umsatzwachstum mit erheblichen langfristigen Verpflichtungen für Rechenleistung und Infrastruktur. Umso aufschlussreicher dürfte sein, welche Bewertung Anleger in einem zuletzt anspruchsvolleren Marktumfeld noch zu akzeptieren bereit sind. Der Börsengang könnte damit zu einem sehr wichtigen Gradmesser für die Risikobereitschaft gegenüber dem gesamten KI-Sektor werden.

Neben diesen Ereignissen bleiben die wirtschaftlichen Fundamentaldaten entscheidend. Die weitere Berichtssaison muss zeigen, ob das kräftige Gewinnwachstum auch außerhalb der großen Technologieunternehmen anhält. Die Entwicklung der Inflation und die möglichen Folgen der hohen Finanzierungskosten werden ebenso wichtig bleiben wie die Lage im Nahen Osten. Insbesondere die Risiken für Energieversorgung und Transportwege können die wirtschaftlichen Perspektiven jederzeit erneut verändern.

Fazit: Die Börse wird wählerischer

Der Oktober hat gezeigt, dass selbst starke Unternehmensgewinne nicht vor Kursrückschlägen schützen, wenn die Erwartungen zuvor entsprechend hoch waren. Die veränderte Marktführung muss deshalb aber keine schlechte Nachricht sein. Eine breitere Beteiligung unterschiedlicher Branchen könnte die Aktienmärkte langfristig sogar stabilisieren.

Für uns bleibt entscheidend, dass sich die fundamentale Ausgangslage bislang nicht grundsätzlich verschlechtert hat. Wir halten deshalb an unserer ausgewogenen Aktienpositionierung fest und beobachten zugleich die zunehmenden Chancen an den Aktien- und Anleihemärkten. Angesichts der weiterhin unsicheren Inflations- und Zinsentwicklung bleibt bei letzteren allerdings Geduld gefragt.

Nicht die Begeisterung für einzelne Zukunftsthemen, sondern das Zusammenspiel von Gewinnen, Bewertungen und solider Finanzierung dürfte künftig wieder stärker über den Anlageerfolg entscheiden.

Quellen: Bloomberg, Reuters, FactSet, Goldman Sachs, Federal Reserve, SEC, EZB, Eurostat, US Bureau of Economic Analysis, Statistisches Bundesamt, ifo Institut, sentix sowie ergänzende Kapitalmarkt- und Sentimentanalysen. Informationsstand: 2. November 2026.

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