Janus Henderson Investors: US-Wahl - Interpretation der Marktentwicklung seit der positiven COVID-19-Diagnose von Präsident Trump

Janus Henderson Investors: US-Wahl - Interpretation der Marktentwicklung seit der positiven COVID-19-Diagnose von Präsident Trump

Paul O’Connor, Leiter des Multi-Asset-Teams in Großbritannien, kommentiert die jüngsten Marktbewegungen, nachdem die Meldung über die COVID-19-Diagnose von Präsident Trump die Chancen der Demokraten auf einen deutlichen Sieg bei den anstehenden US-Wahlen erhöht hat.

19.10.2020 | 09:04 Uhr

Zentrale Erkenntnisse:

  • Während einige Kommentatoren hinter positiven Marktbewegungen erhöhten Optimismus bezüglich der Erholung des Präsidenten von COVID-19 sehen, halten wir es für wahrscheinlicher, dass die Märkte einen deutlichen Wahlsieg der Demokraten einpreisen.
  • Die Erwartungen bezüglich der Mehrheit im Senat haben stark geschwankt, zwischen einem 50-50 Kopf-an-Kopf-Rennen bis hin zu Prognosen eines Wahlsiegs der Demokraten. Unterdessen deuten die Wettmärkte darauf hin, dass die Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus behalten dürften.
  • Auch wenn weiterhin Fragen bezüglich des Gesundheitszustands des Präsidenten bestehen, ist eine Verschiebung der im November anstehenden Wahlen unwahrscheinlich.


Die Meldung, dass Präsident Donald Trump an COVID-19 erkrankt ist, hat die Verwirrung im Rahmen des US-Wahlkampfs zwar erhöht, die Finanzmärkte, Umfragen und Wettquoten verlagern sich jedoch weiterhin in Richtung eines klaren Wahlsiegs der Demokraten im November. Es sind zwar nach wie vor Fragen darüber offen, was geschieht, wenn sich der Gesundheitszustand des Präsidenten weiter verschlechtert, die Märkte konzentrieren sich jedoch stärker auf die Aussichten auf fiskalpolitische Anreizmaßnahmen – sei es vor oder nach dem Wahltag.

Die anfängliche Reaktion der Finanzmärkte auf die Meldung des positiven Tests des Präsidenten am Freitag (2. Oktober) war verständlicherweise zunächst einmal ein Abbau von Risikopositionen. Im weiteren Verlauf der US-Handelssitzung erholte sich die Stimmung jedoch wieder, und der positive Tonfall hat sich heute (5. Oktober) im asiatischen und europäischen Handel fortgesetzt. Einige Kommentatoren interpretieren die Erholung der Anlegerstimmung zwar als erhöhten Optimismus bezüglich des Gesundheitszustands des Präsidenten, wir sind jedoch der Meinung, dass es vielmehr darum geht, dass Anleger zunehmend einen deutlichen Wahlsieg der Demokraten bei den im November anstehenden Wahlen einpreisen. Auch wenn es sich nur um ein eintägiges Phänomen handelte, lieferte die am Freitag verzeichnete rasante Rotation am US-Aktienmarkt weg von Wachstums- und hin zu Substanzwerten Hinweise darauf, dass sich Anleger auf eine „blaue Welle“ (einen Wahlsieg der Demokraten) einstellen.

Sowohl die Umfragen als auch die Wettmärkte deuten weiterhin auf einen weitläufigen Wahlsieg der Demokraten hin. Im Vorfeld der in der vergangenen Woche abgehaltenen Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten hatte Trump in den Umfragen 7-8 Prozentpunkte hinter seinem demokratischen Rivalen Joe Biden gelegen. Auch in den meisten wichtigen „Swing States“ hatte der Herausforderer die Nase vorn. In drei landesweiten Umfragen, die seit der TV-Debatte durchgeführt wurden, führt Biden jeweils mit 14 %, 10 % und 7 %. Die Tatsache, dass Trumps Erkrankung ihn wahrscheinlich über mehrere Wochen vom Wahlkampf fernhalten wird, verheißt für die Chancen seines Teams, seine Unterstützung unter den Wählern zu stärken, nichts Gutes.

Die Wettmärkte setzen die Wahrscheinlichkeit, dass die Demokraten die Kontrolle über das Repräsentantenhaus beibehalten werden, nach wie vor mit 80-90 % an. Hinsichtlich des Senats haben die Erwartungen stärker geschwankt. Beachtenswert ist hier vor allem die Entwicklung, dass nachdem noch vor einem Monat von einem Kopf-an-Kopf-Rennen (50-50) ausgegangen wurde, die impliziten Wahrscheinlichkeiten inzwischen bei 2/3 ggü. 1/3 zugunsten der Demokraten liegen. Wenn die Umfragen und Wettmärkte für bare Münze genommen werden, wird Biden seine Partei im November zu einem klaren Sieg führen.

Die heutige Erholung bei Risikoanlagen ließe sich dahingehend interpretieren, dass Anleger davon ausgehen, dass die Erkrankung des Präsidenten die Wahrscheinlichkeit eines Kompromisses bezüglich des umstrittenen fiskalpolitischen US-Konjunkturpakets erhöht. Einige könnten sich von Trumps Wochenend-Tweet ermutigt fühlen, in dem die Unterhändler zur Zusammenarbeit aufgefordert werden. Allerdings besteht die große Kluft hier nicht zwischen den Demokraten und dem Präsidenten, sondern vielmehr zwischen den Demokraten und den Republikanern im Kongress. Ein entscheidender Durchbruch vor den im November anstehenden Wahlen wäre eine Überraschung für uns und eine positive Überraschung hinsichtlich der Risikostimmung der Anleger.

Die Erkrankung des Präsidenten hat, wie zu erwarten wäre, das Augenmerk auf Fragen über mögliche Szenarien gelenkt, sollte sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtern. Da die COVID-19-Infektion bei vielen Patienten in zwei Schüben erfolgt, wobei sich in der zweiten Woche häufig eine Verschlechterung einstellt, werden diese Fragen anhalten, bis sich Trump eindeutig auf dem Weg der Erholung befindet. Auf allgemeiner Ebene gibt die Verfassung der USA vor, dass die präsidiale Gewalt an den Vizepräsidenten übergeht, sollte der Präsident nicht in der Lage sein, seinen Amtspflichten nachzukommen. Sollte der Präsident so krank werden, dass er sich von der Wahl zurückziehen muss, dann ist eine Vertagung der Wahl möglich, aber keineswegs unvermeidlich. Noch niemals wurde eine Präsidentschaftswahl vertagt – nicht einmal während der Weltkriege. Sollte der Wahltag verschoben werden, müsste die Neuwahl vor dem 20. Januar stattfinden – dem Tag, an dem die Amtszeit von Donald Trump offiziell endet.

Risikoanlagen: Finanzielle Wertpapiere, die erhebliche Kursschwankungen aufweisen können (und somit mit einem höheren Risiko behaftet sind). Hierzu zählen unter anderem Aktien, Rohstoffe, Immobilien und Anleihen.

Fiskalische Anreize Die Haushaltspolitik der Regierung betrifft die Festlegung von Steuersätzen und Ausgaben. Der Begriff fiskalische Anreize (oder Expansion) bezieht sich auf die Ausgaben der Regierung und/oder die Senkung von Steuern.

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