EdR AM: Ist die Inflation wirklich nur von kurzer Dauer?

Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild Asset Management

Das globale Wirtschaftswachstum ist nach wie vor sehr robust. Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild Asset Management, erwartet, dass die Dynamik weiter anhalten wird.

03.11.2021 | 10:11 Uhr

„Mit Beginn der Berichtssaison für das dritte Quartal und trotz des unerwarteten und erheblichen Drucks auf die Produktionskosten – vor allem aufgrund der Energiepreise – ist es bemerkenswert, dass es nur sehr wenige Ergebniswarnungen gibt. Dies deutet darauf hin, dass die Gewinnspannen der Unternehmen robust sind“, sagt Benjamin Melman.

Als Grund nennt der Experte, dass Analysten in einem starken Wachstumsumfeld dazu neigen, die Auswirkung des Operating Leverage auf die Gewinne zu unterschätzen, dieser Effekt wiederum gleicht die Auswirkungen des Kostenanstiegs aus. Melman rechnet deshalb damit, dass das Gewinnwachstum in absehbarer Zukunft weitergeht: „Analysten hingegen äußern sich für die Zukunft sehr vorsichtig, da das EPS-Wachstum 2022 für die wichtigsten entwickelten Märkte bei etwa 7 Prozent und damit unter den traditionellen 10 Prozent liegt.“

Inflationsängste halten an

Der fortschreitende Anstieg der Energiepreise und die anhaltenden Kapazitätsengpässe wecken Zweifel am vorübergehenden Charakter der Inflation. Viele Zentralbanken, darunter die Bank of England, sprechen nun von einem schneller als erwarteten Zinserhöhungszyklus. Die Federal Reserve (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB), die vor kurzem ihre Inflationsziele geändert haben, um nicht automatisch reagieren zu müssen, wenn die Inflation vorübergehend über 2 Prozent steigt, haben es laut Melman nicht eilig mit der Umsetzung weiterer Schritte. „Vorläufig zeigen die wichtigsten Indikatoren, dass die langfristigen Inflationserwartungen weder bei den Wirtschaftsakteuren noch bei den Anlegern verankert sind, was die derzeitige Einschätzung einer vorübergehenden Inflation und damit die Trägheit der beiden großen Zentralbanken rechtfertigt.“

Je länger die Inflation jedoch kurzfristig anhält, desto größer sei die Gefahr, dass die langfristigen Erwartungen nicht mehr verankert sind – wie es bei den inflationsgebundenen Anleihen im Vereinigten Königreich der Fall war – und desto größer sind die Befürchtungen einer raschen Straffung der Geldpolitik. „Zweifellos werden die kurzfristigen Energiepreise weiterhin eine wichtige Rolle spielen, und die Anleger werden ihr Augenmerk auf das nächste OPEC Plus-Treffen am 4. November richten, bei dem entschieden werden soll, ob das Ölangebot erhöht werden kann“, sagt Melman. Außerdem beobachten Anleger die laufenden Verhandlungen über die Inbetriebnahme der Nord Stream 2-Pipeline, die Russland unter Umgehung der Ukraine mit Deutschland verbinden soll. „Die Marktanalyse zeigt, dass die Investoren derzeit davon ausgehen, dass die Inflation nur vorübergehend sein wird. Ein anhaltender Inflationsdruck könnte daher zu mehr Volatilität führen“, fügt Melman hinzu.

EdRAM bevorzugt US-Aktien

Edmond de Rothschild Asset Management nimmt an, dass sowohl die Fed als auch die EZB Maßnahmen soweit wie möglich hinauszögern werden, weshalb der französische Asset Manager vorerst nichts an seiner Anlage-Allokation geändert hat. „Wir haben im September europäische Aktien zugunsten von US-Aktien reduziert, aufgrund der höheren Sensibilität Europas gegenüber den chinesischen Unsicherheiten. Wir bevorzugen weiterhin unsere wichtigsten Post-Covid Themen: Big Data, Gesundheitswesen, die Energiewende und Humankapital“, erklärt Benjamin Melman.

Den vollständigen „Letter from the CIO“ in englischer Sprache finden Sie hier als PDF.

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