Bankhaus Herzogpark Marktblick – US-Midterms: Neue Mehrheiten, alte Risiken

Michael Titz, Leiter Investment Office, Bankhaus Herzogpark
Marktkommentar

Politik: Die Demokraten übernehmen beide Kammern des Kongresses. Trumps gesetzgeberischer Spielraum schrumpft, seine exekutiven Befugnisse bleiben jedoch erheblich. Politische Blockaden und schwer kalkulierbare Entscheidungen könnten die Unsicherheit erhöhen.

06.11.2026 | 04:00 Uhr

Das Wichtigste in Kürze:

  • Kapitalmärkte: Weniger fiskalischer Spielraum könnte US-Staatsanleihen etwas entlasten. Gleichzeitig bleiben hohe Defizite, die weitere Dollarentwicklung, regulatorische Risiken im KI-Sektor und insbesondere der Iran-Konflikt entscheidende Einflussfaktoren.
  • Unsere Positionierung: Ein strategischer Kurswechsel ist nicht erforderlich. Die fundamentalen Treiber der Märkte haben sich durch die Wahl nicht grundlegend verändert. Wir halten an unserer neutralen Aktienquote, breiter Diversifikation und einer sukzessiven Verlängerung der Duration fest.

Wahlausgang und erste Reaktionen

Die amerikanischen Zwischenwahlen haben einen deutlichen politischen Machtwechsel gebracht. Die Demokraten gewinnen sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit. Während ein Wechsel im Repräsentantenhaus vielfach erwartet worden war, überrascht vor allem das Ausmaß des demokratischen Erfolgs, auch in traditionell republikanischen Bundesstaaten. An den Finanzmärkten sorgte das Ergebnis zunächst für gewisse Unruhe. Besonders Technologie- und KI-nahe Unternehmen gerieten unter Druck, während amerikanische Staatsanleihen gefragt waren und der US-Dollar nachgab.

Allerdings setzte bereits am Vormittag eine Erholung an den Aktienmärkten ein. Anleger scheinen zunehmend zwischen der politischen Schlagzeile und den tatsächlichen wirtschaftlichen Konsequenzen zu unterscheiden.

Washington: Weniger Macht, aber nicht weniger Konfliktpotenzial

Ab Januar 2027 muss Präsident Donald Trump mit demokratischen Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses regieren. Größere Gesetzesvorhaben, insbesondere in der Steuer- und Haushaltspolitik, werden dadurch erheblich schwieriger. Umgekehrt können die Demokraten wegen des präsidialen Vetorechts auch keine grundlegende politische Neuausrichtung im Alleingang durchsetzen. Von einem handlungsunfähigen Präsidenten („lame duck“) kann unserer Ansicht nach dennoch keine Rede sein. Gerade bei Zöllen, Sanktionen und Außenpolitik bleiben dem Weißen Haus erhebliche eigene Befugnisse. Die Regierung hat sich offenbar bereits auf einen verstärkten Rückgriff auf Exekutivmaßnahmen vorbereitet. 

Politische Auseinandersetzungen könnten sich deshalb zunehmend auf Dekrete, gerichtliche Verfahren und Haushaltskonflikte verlagern. Das muss nicht zwangsläufig mehr Kapitalmarktvolatilität bedeuten. Eine stärkere parlamentarische Kontrolle könnte die Politik in manchen Bereichen sogar berechenbarer machen. Gleichzeitig bleibt jedoch das Risikokurzfristiger und schwer kalkulierbarer Entscheidungen bestehen.

Staatsanleihen: Weniger Fiskalimpulse, aber hoher Finanzierungsbedarf

Für die Rentenmärkte könnte die neue politische Konstellation zunächst entlastend wirken. Zusätzliche Ausgabenprogramme und Steuersenkungen dürften schwieriger durchzusetzen sein. Das könnte den Druck auf die amerikanischen Haushaltsdefizite und die langfristigen Staatsanleiherenditen leicht begrenzen. Entsprechend waren US-Staatsanleihen nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses zunächst gefragt. Allerdings verschwindet der enorme Finanzierungsbedarf des US-Staates dadurch nicht. 

Das Finanzministerium rechnet allein im laufenden Quartal mit einer Nettokapitalaufnahme am Markt von 618 Milliarden US-Dollar, für das erste Quartal 2027 sind weitere 800 Milliarden US-Dollar vorgesehen. Besonders interessant ist deshalb die für den heutigen Tag angekündigte Quartalsplanung des US-Finanzministeriums. Neben dem Emissionsvolumen wird vor allem die Laufzeitenstruktur entscheidend sein. Eine perspektivische Verringerung der Emissionen sehr lang laufender Anleihen könnte den Renditedruck an diesem Ende der Zinsstrukturkurve begrenzen, ohne das grundlegende Verschuldungsproblem zu lösen.

Hinzu kommt unseres Ermessens ein politisches Risiko. Die neuen Mehrheiten übernehmen erst am 3. Januar 2027 die Kontrolle. Bereits am 11. Dezember läuft jedoch die derzeitige Finanzierung der US-Bundesregierung aus. Unterschiedliche Interessen des noch republikanisch kontrollierten Kongresses und der künftigen demokratischen Mehrheiten könnten die Haushaltsverhandlungen erschweren und erneut einen Government Shutdown provozieren. Eine nachhaltige Entspannung bei den langfristigen Renditen ist damit keineswegs gesichert. Für unsere Anleihepositionierung bestätigt sich vielmehr die bisherige Haltung: Die Duration bei Anleihen guter Bonität sukzessive verlängern, ohne auf einen raschen und nachhaltigen Rückgang der langfristigen Renditen zu setzen.

Den vollständigen Marktblick finden Sie im Anhang.


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