
Hohe Anleiherenditen, hohe Ölpreise und geopolitische Spannungen: Eigentlich spricht vieles gegen eine robuste Börse. Dennoch halten sich die Aktienmärkte nahe ihrer Hochs.
14.10.2026 | 09:43 Uhr
Solange die Unternehmensgewinne stark bleiben, stützen sie die Kurse an den Börsen, ist Anlagestratege Kay-Peter Tönnes überzeugt. Brisant werde es erst, wenn ein externer Schock über Zinsen und Ausfallraten tatsächlich auf die Gewinne durchschlage. Aus Sicht von Tönnes wirkt Inflation zunächst wie Rückenwind: Unternehmensgewinne seien nominal, Ergebnisse würden durch steigende Preise erst einmal angehoben. „Inflation ist ein süßes Gift“, so Tönnes. Der Gegenwind komme zeitverzögert, wenn höhere Zinsen und Refinanzierungskosten sich „durchfressen“. Ein Warnsignal geht für ihn vom US-Refinanzierungsbedarf aus: „In den kommenden drei Jahren werden rund 16 Billionen US-Dollar an Staatsanleihen fällig, die zu höheren Zinsen neu begeben werden müssen.“
Den eigentlichen Trigger für einen Stimmungsumschwung sieht Tönnes weniger im Konjunkturkalender als in der Politik. Die US-Zwischenwahlen könnten die Anreize im Weißen Haus verschieben – mit potenziell marktbewegenden Entscheidungen, etwa bei Energiepreisen, Konflikten oder Fiskalthemen. Zudem rückt die US-Schuldengrenze wieder näher. Die USA hätten die Marke von 40 Billionen US-Dollar Schulden überschritten. Die Obergrenze liege bei 41,1 Billionen US-Dollar und könnte im Frühjahr 2027 erreicht werden. Vorstellbar sei, dass der Präsident dann andere Register ziehe, bis hin zu Eingriffen in die Unabhängigkeit der amerikanischen Notenbank, so Tönnes: „Man muss sich bei Trump an extreme Ideen gewöhnen.“
Auch niedrige Volatilitätsindizes bewertet der Anlagestratege nicht als Entwarnung. Sie spiegelten vor allem die aktuelle Marktmechanik: In den USA werde inzwischen zu mehr als 50 Prozent in One-Day-Options gehandelt. Das drücke die gemessene Volatilität, bis ein Ereignis sie abrupt „explodieren“ lasse. Solche Niedrigphasen hielten statistisch oft nur wenige Monate; Tönnes rechnet daher bis Jahresende mit mindestens einem spürbaren Volatilitäts-Spike.
Antecedo arbeitet im Risikomanagement mit Optionsstrategien. Wenn Volatilität – also die Schwankungsbreite der Kurse am Markt – niedrig ist, sei Absicherung vergleichsweise preiswert. Bei hoher Volatilität stünden eher Strategien im Fokus, die Prämien aus dem Optionsgeschäft vereinnahmen. Als derzeit am meisten unterschätztes Risiko nennt Tönnes den boomenden Markt für Private Debt, also Kreditfinanzierung außerhalb des Kapitalmarkts. Dieses Segment sei groß, teils unreguliert und in seiner Systemrelevanz viel größer als Subprime vor 2008. In einer Abschwungphase könnten Ausfälle dort heftiger durchschlagen als viele erwarten, warnt der Risikospezialist.
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