
Raphael Thuin, Head of Capital Market Strategies bei Tikehau Capital, zum Ausblick auf das 2. Halbjahr des Jahres 2026:
09.07.2026 | 08:16 Uhr
Seit Jahresbeginn haben Risikoanlagen ihren Aufwärtstrend trotz geopolitischer Spannungen und Sorgen über Inflation, Wachstum und Geldpolitik fortgesetzt. Solide Unternehmensgewinne stützen die Märkte weiter, insbesondere im Bereich künstlicher Intelligenz, wo die ersten Unternehmen von ihren Investitionen profitieren. Vor diesem Hintergrund bleibt unser Ausblick grundsätzlich positiv, allerdings verringern hohe Bewertungen den Spielraum für Fehler, während eine stärkere Streuung zwischen Sektoren und Regionen zunehmend über die Performance entscheidet.
1. Aktien
Wir sind weiterhin der Ansicht, dass Europa von einer Kombination positiver
Faktoren profitiert: günstige fiskalische Impulse, Normalisierung der
Geldpolitik, im Vergleich zu den US-Märkten unterbewertete Aktien sowie eine
sich voraussichtlich verbessernde Gewinnentwicklung. Insbesondere bei
europäischen Aktien zeichnet sich das Thema Souveränität und Resilienz als
langfristiger struktureller Trend ab.
Rüstung:
Unserer Ansicht nach verfügt Europa über eines der weltweit leistungsstärksten
Verteidigungsökosysteme. Die größte Herausforderung liegt darin, die
Produktionskapazitäten schnell hochzufahren, um der wachsenden Nachfrage
gerecht zu werden. Das Thema der europäischen Wiederaufrüstung ist Teil eines
strukturellen Trends, der sowohl durch die allmähliche Aushöhlung des
militärischen Schutzschirms der USA als auch durch jahrzehntelange chronische
Unterinvestitionen getrieben wird. Hinzu kommt ein wachsendes Streben nach
industrieller Souveränität. Unserer Ansicht nach deuten diese Faktoren auf eine
anhaltende Nachfrage nach europäischen Akteuren in dem Sektor hin. Zwar hat er
sich seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten kontraintuitiv
unterdurchschnittlich entwickelt. Diese Konsolidierung stellt jedoch die
langfristigen Aussichten nicht in Frage. Zuletzt haben die jüngsten
Entwicklungen in den Konflikten Fragen hinsichtlich der Fähigkeit etablierter
europäischer Akteure aufgeworfen, sich an eine stärker technologiegetriebene
Form der Kriegsführung anzupassen, die durch die wachsende Rolle von Drohnen,
Luftabwehr und präzisionsgelenkten Raketen gekennzeichnet ist.
Dennoch glauben wir, dass die strukturellen Fundamentaldaten intakt bleiben.
Zudem ist die Planungssicherheit außergewöhnlich hoch. So beträgt der
Auftragsbestand von Rheinmetall fast das Achtfache des Umsatzes der letzten
zwölf Monate. Dennoch ist es wichtig, weiterhin sehr selektiv vorzugehen. Die
Diversifizierung zwischen zivilen und militärischen Aktivitäten sowie zwischen
Ausrüstungslieferanten und Systemherstellern ist für uns hier ein
entscheidender Faktor.
Industrie:
Die Notwendigkeit, die europäische Souveränität zu stärken, findet sich auch in
der Industrie. Schlüsselbranchen in ganz Europa werden gefördert, um ein
gewisses Maß an industrieller Autonomie zurückzugewinnen. Bei den europäischen
Industriewerten verfolgen wir ebenfalls einen selektiven Ansatz. Derzeit
bleiben wir gegenüber „traditionellen“ Industriewerten eher zurückhaltend, da
diese weiterhin vor verschiedenen Herausforderungen stehen wie etwa den
steigenden Energie- und Logistikkosten sowie dem Risiko neuer Zollbarrieren.
Andererseits halten wir Industrieunternehmen, die direkt vom Thema Künstliche
Intelligenz (KI) profitieren, für sehr attraktiv. Dies gilt vor allem für
Unternehmen, die sich auf elektrische Infrastruktur und die für den Ausbau von
Rechenzentren erforderliche Ausrüstung spezialisiert haben. Ebenfalls positiv
beurteilen wir weiterhin Unternehmen, die aufgrund von Fragen der
Energieversorgungssicherheit indirekt von den aktuellen geopolitischen
Spannungen profitieren. In diesem Segment profitieren Unternehmen, die im
Transport oder in der Speicherung von LNG (Flüssigerdgas) tätig sind, weiterhin
von einer robusten Nachfrage, die durch die langfristige Umstrukturierung der
globalen Energieflüsse gestützt wird.
Technologie:
Bei US-Aktien bleibt unsere Einschätzung entlang der gesamten
KI-Wertschöpfungskette insgesamt positiv. Vor allem Hyperscaler profitieren von
einem weiter starken Investitionszyklus. Hier werden nun auch die Renditen auf
bereits getätigte Investitionen greifbar. Auch Unternehmen im
„Picks-and-Shovels“-Segment, also Anbieter von Infrastruktur, Halbleitern und
Ausrüstung, die für den Ausbau der KI unerlässlich sind, bewerten wir positiv.
Die Nachfrage in diesem Sektor bleibt stark. Dies betrifft auch Unternehmen,
die von den Engpässen des Ökosystems betroffen sind, insbesondere in den
Bereichen Kühlung, optische Konnektivität und Stromversorgung von
Rechenzentren. Demgegenüber bleiben wir in dieser Phase gegenüber dem
Software-Sektor vorsichtig. Die jüngste Underperformance des Segments spiegelt
berechtigte Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit einiger Geschäftsmodelle
wider. Langfristig könnte der Sektor jedoch wieder attraktiv werden, wenn sich
die Bewertungen normalisieren und die zukünftigen Gewinner identifizierbar
werden.
Dies sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Europa in mehreren kritischen
Bereichen der globalen Technologie-Wertschöpfungskette führend ist. Dies gilt
insbesondere für den Halbleitersektor, in dem das niederländische Ökosystem
nach wie vor unverzichtbar ist. Auch in der Photonik ist Europa sehr gut
positioniert, die sich zu einem der nächsten Engpässe der KI-Infrastruktur
entwickeln könnte. Schließlich gewinnen einige, bereits etablierte europäische
Technologiewerte dank ihres indirekten Exposures zu Rechenzentren und
Konnektivität wieder an Schwung.
2. Anleihen
Das Umfeld für Credit bleibt interessant. Die Anlageklasse bietet weiterhin
attraktive Renditen. Darüber hinaus bleiben die Fundamentaldaten der Emittenten
insbesondere im europäischen High-Yield-Sektor solide: Die Ausfallraten bleiben
moderat und die Nettomargen in Europa auf einem komfortablen Niveau. Sektoren
wie Chemie, Automobil und Verpackung haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch
die Volatilität bleibt recht gering, da die Anlageklasse von einem nach wie vor
begrenzten Nettoangebot an Anleihen sowie Investoren gestützt wird, die sich
weitgehend auf laufende Zins-Erträge konzentrieren.
In diesem Umfeld bevorzugen wir Portfolios, die sich auf High-Yield-Emittenten
mit einem angemessenen Verschuldungsniveau und Renditen zwischen fünf und acht
Prozent konzentrieren. Darüber hinaus gibt es Segmente, die potentiell eine
höhere Konvexität bieten. Dies gilt insbesondere für Wertpapiere von
Emittenten, deren vorrangige Schuldtitel mit „B“ oder „B-“ bewertet sind und
die gleichzeitig über unbesicherte nachrangige Anleihen mit einem Rating von
„CCC“ verfügen. So können wir innerhalb derselben Kapitalstruktur eine
zusätzliche Rendite von etwa zwei bis drei Prozent anstreben.
Zudem sehen wir weiterhin Wertpotenzial bei nachrangigen Finanzanleihen. Die
Fundamentaldaten des europäischen Bankensektors sind weiterhin solide: Banken,
vor allem in Südeuropa, haben ihre Bilanzen in den letzten Jahren deutlich
gestärkt. Gleichzeitig bieten Additional-Tier-1-Instrumente (AT1) weiterhin
attraktive Renditen. Innerhalb dieses Universums bevorzugen wir Banken aus den
europäischen Peripherieländern, wie portugiesische, spanische, italienische und
griechische Institute sowie Wertpapiere, die von führenden Banken in
osteuropäischen Ländern begeben werden (Kommunalkredit Austria, Volksbank, OTP
Bank usw.).
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