EdR: Chinas Askese könnte das globale Wachstum belasten

EdR: Chinas Askese könnte das globale Wachstum belasten

Dr. Mathilde Lemoine, Group Chief Economist von Edmond de Rothschild, hat ihren neuen gesamtwirtschaftlichen Ausblick für 2020 und 2021 erstellt.

17.12.2019 | 15:22 Uhr

Trotz einer synchronen wirtschaftlichen Abkühlung in den USA, der Eurozone, der Schweiz, China und Brasilien hat es die 2019 initiierte Phase der geldpolitischen Lockerung ermöglicht, eine plötzliche Zunahme der privaten und öffentlichen Schuldenlast und einen Anstieg der Risikoprämien zu vermeiden. Die Kehrtwende der Zentralbanken spiegelt aber auch den Rückgang der nominalen Wachstumserwartungen wider.

2020 könnten die Aussichten für die US-Präsidentschaftswahlen Chinas Staatschef Xi Jinping dazu veranlassen, jedwede Verstärkung der wirtschaftlichen Stimuli in China zu begrenzen. Das neue Wachstumsziel, das in der Regel auf der jährlichen Sitzung des Nationalen Volkskongresses verkündet wird, wird wieder einmal entscheidend für das globale Wachstum sein. Unseren Prognosemodellen zufolge schwächt sich das US-Wachstum auf 1,6 Prozent ab, und das chinesische Bruttoinlandsprodukt wächst nur um 6 Prozent. Ein Teilhandelsabkommen zwischen den USA und China dürfte nicht reichen, um die Unsicherheit zu reduzieren.

Tatsächlich betreffen die zur Diskussion stehenden Punkte in den Verhandlungen strukturelle und politische Themen. Daher ist zu erwarten, dass der Welthandel als Folge der verschobenen Investitionen im privaten Sektor weiter leidet. Nichtsdestotrotz sollten starkes Lohnwachstum und fiskalische Unterstützung das Ausmaß der Abkühlung des globalen Wachstums, die wir für 2020 erwarten, begrenzen – insbesondere in der Eurozone, wo sich das Wachstum bei 1 Prozent stabilisieren dürfte.

Unsere Hauptargumente, auf denen unser Makro-Szenario basiert:

  • Zentralbanken setzen geldpolitische Lockerung fort. Nach unserer Berechnung könnte die globale Liquidität um 2,9 Prozent steigen, nachdem sie 2019 um ein Prozent gefallen ist. Zudem werden die Notenbanken weiterhin die relativen Preistrends für Finanz- und Immobilienwerte bestimmen und ebenfalls entscheidend für die Interbankenmärkte sein. Sie werden wieder die Nachfrage nach Staatsanleihen und die Steigung der Zinskurve beeinflussen, während sie die relativen realen Erträge von Immobilienwerten gegenüber dem risikolosen Zins erhöhen. Zusätzlich herrscht in der Eurozone hoher Druck auf die Zentralbank, ihrer Bilanz einen „grünen Anstrich“ zu verleihen und ökologische Nachhaltigkeitskriterien in ihre Eingriffe zu integrieren. Als Vorbild dient die schwedische Notenbank. Die kombinierte Wirkung aus Niedrigzinsumfeld und steigender Zentralbankkontrolle über die relativen Preise von Vermögenswerten könnte die Preise risikoloser Wertpapiere weiterhin stützen und die Differenz zwischen ihren Erträgen und denen risikoreicherer Anlagen reduzieren.
  • Der Handelskrieg dürfte Investitionen weiter schwächen. Neben den direkten Auswirkungen auf den Handel belastet der amerikanisch-chinesische Handelsstreit die Investitionserwartungen – obwohl sich diese bislang gut gehalten haben. Tatsächlich sind die Investitionen in den USA in den ersten drei Quartalen 2019 um weitere 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gewachsen, nach 6,4 Prozent im Jahr 2018. In der Eurozone legten die Investitionsausgaben um 3,4 Prozent zu, 2018 waren es 4,4 Prozent. Zu verdanken ist der weitere Anstieg der ausgeprägten Auftriebskraft französischer Unternehmen, die die negativen Auswirkungen der rückläufigen deutschen Industrieproduktion wettmachen. Vor dem Hintergrund der strukturellen Natur der Spannungen zwischen den USA und China sowie der von uns erwarteten Verlangsamung des globalen Wachstums, könnten sich 2020 die Unternehmensinvestitionen weiter abschwächen. Selbst wenn Xi Jinping und Donald Trump sich auf ein Abkommen einigen, wäre dies nur ein Teilabkommen.
  • Das US-Wachstum schwächt sich ab. Trotz eines Teilhandelsabkommens zwischen China und den USA dürfte die Unsicherheit bezüglich des Handelskriegs 2020 anhalten. Wir prognostizieren weiterhin eine Abschwächung der Investitionen, was eine erste Ausprägung für die mangelnde Einschätzbarkeit in Zusammenhang mit dem Handelskrieg ist – aber auch im Zusammenhang mit den Aussichten für die US-Präsidentschaftswahlen im November 2020. Außerdem würde sich der Außenhandel wieder auf das Wachstum auswirken, wenn – wie wir erwarten – die US-Exporte weiter zurückgehen, ohne dass dieser Trend durch eine Senkung der Importe ausgeglichen wird. Zudem würde sich die Dynamik bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze abschwächen, während die Auswirkungen der Steuersenkungen für Haushalte abnehmen und die Inflation sich nur leicht erholt – insbesondere als Folge der Zölle auf chinesische Waren, die den Konsum weiter belasten. Die Investitionen in Wohnimmobilien sollten ihre Erholung in gemächlichem Tempo fortsetzen, da, trotz niedriger Zinsen, die steigenden Immobilienpreise und das geringere Wachstum der Haushaltseinkommen die Bezahlbarkeit und den Zugang zu Immobilien erschweren. Schließlich sollten die öffentlichen Ausgaben angesichts der Verabschiedung des Bipartisan Act von 2019 weiter leicht steigen. Wir erwarten, dass sich das BIP-Wachstum 2020 auf 1,6 Prozent abschwächt, was die US-Notenbank Fed dazu verleiten könnte, den Leitzins im ersten Halbjahr 2020 erneut zu senken.
  • In der Eurozone dürfte sich das Wachstum 2020 bei 1,0 Prozent stabilisieren. Handelseffekte auf das Wachstum sollten nach und nach abnehmen. Selbst wenn das Risiko eines No-Deal-Brexit schwindet, würde sich das globale Wachstum verlangsamen. Es wird erwartet, dass die öffentlichen Ausgaben um 1,3 Prozent steigen, und die Investitionen mit einer moderateren Rate von 2,1 Prozent zulegen. Der private Konsum sollte einen beschleunigten Zuwachs von 1,3 Prozent aufweisen. Treiber ist die Kaufkraft, die 2020 weiter steigen dürfte, obwohl wir mit anziehender Inflation rechnen. Insbesondere in Frankreich sollen fiskalische Maßnahmen in Höhe von 12 Milliarden Euro die Kaufkraft stützen, nach 10 Milliarden Euro im Jahr 2019. Andererseits könnten sich die Investitionen verlangsamen.
  • Chinesische Binnennachfrage bleibt verhalten. 2020 könnte Xi Jinping entscheiden, die Agenda wirtschaftlicher Stimuli in China nicht deutlich zu verstärken. Erstens kann es sich der chinesische Präsident, der das Ziel verfolgt, die Finanzmärkte weiterzuentwickeln, nicht erlauben, bewusst das Bankensystem zu destabilisieren. Zweitens könnten geldpolitische Lockerungen angesichts der anhaltenden amerikanisch-chinesischen Spannungen nicht reichen, um die Kreditvergabe im privaten Sektor anzukurbeln.
Dr. Mathilde Lemoine
Dr. Mathilde Lemoine
Dr. Mathilde Lemoine, Group Chief Economist von Edmond de Rothschild

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