„Die Börse kann viel ignorieren“

„Die Börse kann viel ignorieren“
Marktausblick

Löst der Krieg im Nahen Osten einen Börsencrash aus? Nicht unbedingt, sagt Antecedo-Gründer Kay-Peter Tönnes. Auch ein Blick in die Statistik helfe nicht weiter. Nur aktives Risikomanagement.

04.03.2026 | 06:33 Uhr

Der Krieg im Nahen Osten hält die Finanzmärkte in Atem. Regionale Transportwege sind abgeschnitten, Ölpreise gestiegen und Aktienindizes zurückgegangen. Klar ist: Mit dem Angriff auf den Iran und der Sperrung der Straße von Hormus ist ein neuer geopolitischer Risikofaktor entstanden. Doch wie nachhaltig wird dieser die Börsen belasten? Kay-Peter Tönnes, Gründer und Geschäftsführer von Antecedo, ordnet ein: „Entscheidend sind die Entwicklungen im Iran und in den USA. Sobald ernsthafte Verhandlungen beginnen, können die Märkte schnell wieder drehen. Politische Ergebnisse werden dabei erfahrungsgemäß als Erfolg kommuniziert, besonders im US-Wahlumfeld.“ Ein großflächiger Börsencrash ist seiner Ansicht nach erst wahrscheinlich, wenn die Ölversorgung dauerhaft unterbrochen ist oder der Konflikt weiter eskaliert.

Aktuell betrachtet Tönnes die Entwicklung als regional begrenzt. „Die militärischen Fähigkeiten des Iran werden mit jedem Tag des Konflikts weiter abnehmen“, sagt er. „Die USA haben aber durch das Fehlen ausreichender Bodentruppen nicht die Möglichkeit, einen Regimewechsel aus eigener Kraft herbeizuführen. Sollte sich das politische System im Iran halten, wird Trump verhandeln müssen.“ Es gelte, die innenpolitischen Entwicklungen in dem Land sowie in den USA genau zu verfolgen. Denn wenn verhandelt werde, könnten die Kurse auch schnell wieder steigen. „Die Börse kann viel ignorieren“, sagt der Anlagestratege, „selbst Kriege. Kritisch wird es erst, wenn Unternehmensgewinne, Konsum oder Bonität eines Staates betroffen sind.“

Große Einbrüche sind selten

Ein Blick in die Historie zeigt: Negative Aktienjahre sind keine Ausnahme, extreme Crashs hingegen schon. Auf Basis von über 100 Jahren Marktdaten liegt die Wahrscheinlichkeit für ein negatives Aktienjahr bei rund 30 Prozent, statistisch also etwa jedes dritte bis vierte Jahr. Rückgänge von mehr als zehn Prozent treten im Schnitt alle fünf Jahre auf. Einbrüche von über 20 Prozent auf Jahressicht gab es seit 1923 lediglich sechs Mal, zuletzt

2008. „Rein statistisch nähern wir uns wieder einem Zeitraum, in dem ein stärkerer Rückschlag möglich wäre“, so Tönnes. Allerdings könne es auch lange Phasen ohne größere Verwerfungen geben. Zwischen 1942 und 1969 etwa vergingen 27 Jahre ohne einen Einbruch von mehr als 20 Prozent. „Statistik ist kein Timing-Instrument“, betont Tönnes. Entscheidend sei die aktuelle Risikolage.

„Die aktuelle Krise ist noch nicht eindeutig greifbar, aber die Wahrscheinlichkeit für stärkere Kursschwankungen steigt. Panikverkäufe sind nicht angebracht. Flexibilität, genaue Beobachtung politischer Entwicklungen und aktives Risikomanagement sind jetzt entscheidend“, fasst Tönnes zusammen.

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