Columbia Threadneedle: Renditen könnten in Zukunft deutlich niedriger ausfallen

Colin Moore, Global Chief Investment Officer bei Columbia Threadneedle

In diesem Interview widmet sich Colin Moore, Global Chief Investment Officer bei Columbia Threadneedle, dem Thema Freihandel und gibt einen Marktausblick.

09.11.2018 | 13:17 Uhr

Wie beurteilen Sie die aktuelle Freihandelsthematik?

Der Begriff „Freihandel“ ist in aller Munde, aber das heißt noch lange nicht, dass der Handel auch gerecht ist. Handel ist eine wichtige Voraussetzung für das reibungslose Funktionieren einer Wirtschaft, und ich bin ein großer Handelsverfechter. Wenn für alle gleiche Ausgangsbedingungen gelten und ein Unternehmen eine Ware oder eine Dienstleistung kostengünstiger anbieten kann als ein anderes, dann sollte es auch den Zuschlag für die entsprechenden Aufträge bekommen.

Aber was ist, wenn eine Regierung sich einmischt und Unternehmen subventioniert, die nicht so effizient sind? Wenn Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit über Subventionen erhalten, dann ist das nicht gerecht. Man muss auch die Abgaben oder Steuern betrachten, die auf Importwaren erhoben werden. Sind sie weltweit einigermaßen gleich? Wenn nicht, dann müssen Unterhändler versuchen, das in Handelsverhandlungen zu lösen. Aber manchmal ist auch eine Art Schocktherapie erforderlich, damit diese Gespräche aufgenommen werden, denn oftmals verfolgen die Länder große Eigeninteressen.

Das Ziel sollte es jedoch immer sein, solche Gespräche in Gang zu bringen, und nicht, einen Handelskrieg vom Zaun zu brechen, bei dem alle die Importe anderer Länder durch Handelsschranken erschweren oder unterbinden. Denn letztlich würden dadurch die Kosten für Waren und Dienstleistungen steigen, und das führt zu Inflation. Anschließend werden die Waren und Dienstleistungen knapper, dadurch erhöhen sich wiederum die Preise.

Handelskriege sind also nicht vorteilhaft. Meiner Ansicht nach sollte man vielmehr darüber diskutieren, wie man ein ausgewogenes Gleichgewicht bei den Abgaben und Steuern herbeiführen kann, die auf Importe und Exporte erhoben werden, und wie man sicherstellen kann, dass der Handel sowohl gerecht als auch frei ist, auch wenn die momentane Rhetorik das Ganze etwas schwierig macht.

Wie schätzen Sie die Marktaussichten ein?

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir viele gute Jahre hatten. Unsere Analysen legen nahe, dass die Renditen in der Zukunft deutlich niedriger ausfallen könnten als in den vergangenen zehn Jahren.

Auf dem Markt für festverzinsliche Papiere entspricht die derzeitige Basisrendite von Staatsanleihen oder Treasuries in etwa ihrer laufenden Rendite. Wenn ich eine Anleihe kaufe, die mit 2,8 Prozent rentiert, dann kann ich ziemlich sicher sein, dass meine Rendite über zehn Jahre bei etwa 2,8 Prozent liegen wird. Das ist keine große Hexerei. Insbesondere in einem Umfeld steigender Zinsen ist es höchst unwahrscheinlich, dass ich mehr bekommen werde.

Bei Aktien ist das nicht so sicher. Wenn man aber der Ansicht ist, dass der Zyklus noch einige Jahre länger dauern wird und die Unternehmen weiter steigende Gewinne melden werden, dann erzielt man mit einer Investition in Aktien eine positive Realrendite. Allerdings wird sie meiner Einschätzung nach nicht das Niveau der vergangenen zehn Jahre erreichen.

Hier kommen also zwei oder drei verschiedene Punkte zusammen. Wird die Rendite genauso hoch sein? Nein. Wird sie positiv sein? Ja. Aber wird auch die Volatilität zunehmen? Ja. Kann ich diese höhere Volatilität verkraften? Und bei dieser Frage geht es um das Verhalten der Anleger, nicht um ihre finanzielle Lage.

Wenn man diese höhere Volatilität verkraften kann, weil man sicher ist, dass man im Laufe der Zeit – in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren – eine reale Rendite erwirtschaften wird, dann sollte man beispielsweise in Aktien investiert bleiben. Aber man darf nie vergessen, dass die Rendite niedriger und die Volatilität höher sein werden als in der Vergangenheit.

Ist Marktvolatilität immer etwas Schlechtes?

An allen Finanzmärkten herrscht ein gewisses Maß an Volatilität. Nun kommt es darauf an, das normale Maß zu ermitteln. Zu wenig Volatilität könnte ebenso gefährlich sein wie zu viel Volatilität, denn dieses falsche Gefühl der Sicherheit lullt die Menschen ein. Das ist nicht normal, denn es geschehen so viele Dinge in der Welt, in einzelnen Unternehmen, in der Politik, dass man ein gewisses Maß an Unsicherheit einfach voraussetzen kann, und genau das versucht die Volatilität abzubilden.

Zu viel Volatilität heißt wahrscheinlich ein immenses Maß an Unsicherheit – das Risiko eines Krieges, das Risiko einer tiefen Rezession. Gefordert ist ein ausgewogenes Verhältnis. Aber ein gewisses Maß an Volatilität muss herrschen, denn damit signalisiert der Markt, dass er die bestehenden Risiken versteht. Menschen haben ein Problem mit der Volatilität, denn sie bedeutet Unsicherheit. Und wir alle wissen, dass Menschen nicht gut mit Unsicherheit umgehen können.

Wir wissen, dass Menschen in volatilen Zeiten sehr schlechte Entscheidungen treffen, vor allem dann, wenn eher Abwärtsrisiken bestehen. Sie haben vielleicht lange Zeit mit ihrem Finanzberater an der Konzipierung eines Plans gearbeitet, aber dann geraten sie in Panik und laufen weg.

Aktuell erleben wir aber vorwiegend kurzfristige Trends, eine Art „Marktrauschen“. Es sind keine wirklich aussagekräftigen Veränderungen der ökonomischen Richtung, man sollte daher nicht darauf reagieren.

Und wie sieht es mit der Inflation aus?

Instinktiv denken die Menschen meistens: „Mir wäre es lieber, es gäbe keine Inflation.“ Sie halten sie für etwas Schlechtes, aber für die Wirtschaft ist das tatsächlich ziemlich problematisch. Natürlich, wenn die Inflation zu hoch ist, dann ist das nicht gut, aber das ist wieder eines dieser Goldlöckchen-Szenarien – „nicht zu heiß, nicht zu kalt“… Ein bisschen Inflation ist durchaus zu begrüßen.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Haus oder ein Auto kaufen. Wenn Sie erwarten, dass die Preise sinken, würden Sie dann heute kaufen oder lieber doch noch warten? Sie würden selbstverständlich warten. Die Erwartung sinkender Preise bringt eine Wirtschaft also in der Regel völlig zum Stillstand. Alle warten dann nämlich, dass die Preise noch weiter nach unten gehen, und verschieben die Käufe von Waren und Dienstleistungen.

Wenn Sie andererseits davon ausgehen, dass es zu einer galoppierenden Inflation kommen  wird, dann ist das ebenfalls nachteilig. Denn wenn die Preise so stark anziehen werden, dann müssen Sie vielleicht tatsächlich einmal anfangen zu sparen, um das zu kompensieren.

Wenn die Inflation eher bei 2 bis 3 Prozent liegt, im niedrigen einstelligen Bereich, dann kann man mit einiger Zuversicht davon ausgehen, dass der Wert eines Hauses, das man kauft, im Laufe der Zeit langsam steigen wird. Dann ist man auch eher bereit, das Haus zu kaufen. Es ist also ziemlich kompliziert.

Nun hören wir, dass die Zentralbanken Inflation erreichen wollen. Möglicherweise sagen sie: „Unser Ziel ist eine Inflation von über 2 Prozent.“ Und ich denke, viele Menschen sagen dann: „Warum wollen sie das? Warum wollen sie, dass die Preise steigen?“ Aber es geht genau  um dieses Gleichgewicht – darum, wie Inflation das Konsumverhalten beeinflusst.

Daher streben Zentralbanken in der Regel ein optimales Inflationsniveau an. Also ein Niveau, bei dem man sicher sein kann, dass die Wirtschaft normal wächst, dass die Löhne leicht steigen, sodass die Menschen in der Zukunft etwas mehr Geld ausgeben können, dass der Wert von Immobilien zulegt – bei diesem Niveau hat man das richtige ökonomische Verhalten.

Ist eine Verflachung der Renditekurve immer etwas Schlechtes und immer ein Vorbote einer Rezession?

Die wichtige Frage lautet: Schaden Zinserhöhungen der Wirtschaft? Wir hatten  vor zehn Jahren eine immense globale Finanzkrise. Die Zentralbanken überall auf der Welt haben beispiellose geldpolitische Maßnahmen ergriffen und die Zinsen über einen sehr langen Zeitraum auf einem extrem niedrigen Niveau gehalten.Aber nun setzt langsame eine Normalisierung der Wirtschaft ein, daher werden diese Maßnahmen allmählich zurückgenommen: Die US-Notenbank hat wieder damit begonnen, die Zinszügel zu straffen.

Das zweite Element ist die sogenannte Verflachung der Renditekurve, ein leider etwas unklarer Begriff, aber für uns Marktbeobachter ist es ein ziemlich wichtiger Punkt. Wenn die kurzfristigen Zinsen steigen – beispielsweise die Zinsen für einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren –, gleichzeitig aber die zehnjährigen Zinsen weitgehend seitwärts tendieren, dann herrscht zwischen diesen Zinssätzen praktisch kein Unterschied. Genau das ist die Verflachung der Kurve, die abnehmende Differenz zwischen den zweijährigen und den zehnjährigen Zinssätzen.

Eine Zinserhöhung bereitet Anlegern Angst. Aber man muss unterscheiden: Wenn die Zinsen einfach nur nach einer Zeit der Krise normalisiert werden sollen, dann sollte man zuversichtlich sein, dass das Wachstum nun nachhaltiger ist als noch vor einigen Jahren. Das Gegenteil wären Zinserhöhungen, mit denen versucht werden soll, eine Wirtschaft zu bremsen – und das meinen wir normalerweise, wenn wir von steigenden Zinsen sprechen.

Mehr Informationen:

http://www.columbiathreadneedle.de/de/insights/?it=Intermediary
http://www.columbiathreadneedle.at/de/insights/?it=Intermediary

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