Edmond de Rothschild: Marktausblick 2021/2022 - 2020 ist kein neues 2008

Dr. Mathilde Lemoine, Chef-Volkswirtin der Edmond de Rothschild Gruppe

Dr. Mathilde Lemoine, Chef-Volkswirtin der Edmond de Rothschild Gruppe, legt neue Wachstums-, Inflations- und Währungsprognosen für 2021 und 2022 vor:

15.12.2020 | 09:42 Uhr

  • Für 2021 erwartet sie 5 Prozent Weltwirtschaftswachstum, 2022 rechnet sie mit 4 Prozent. Dieses Jahr dürfte das Welt-BIP um 3,9 Prozent geschrumpft sein.
  • Nach 3,5 Prozent Rückgang in diesem Jahr wird die US-Wirtschaft 2021 voraussichtlich um 4,3 Prozent und 2022 um 3 Prozent wachsen. Der Euroraum wird sich nur mäßig erholen. Nach einem Einbruch um 7,5 Prozent in diesem Jahr rechnet Lemoine 2021 mit 4,5 Prozent und 2022 mit 3,8 Prozent Wachstum.
  • Die Erholung Asiens sowie der Nachfragestau in Europa und den USA dürften den Welthandel 2021 stärken. Daran ändert auch der Konflikt zwischen China und den USA nichts.


In ihrer aktuellen Studie erklärt die Chef-Volkswirtin der Edmond de Rothschild Gruppe, weshalb die Wirtschaftslage jetzt ganz anders ist als nach der Finanzkrise 2008. Deshalb rechnet sie – selbst ohne flächendeckende Impfungen – 2021 wieder mit einer anziehenden Konjunktur. Für 2021 erwartet sie 5 Prozent Weltwirtschaftswachstum, für 2022 4 Prozent. Dieses Jahr dürfte sich das Welt-BIP um 3,9 Prozent reduziert haben.

„Natürlich muss man sich der Grenzen der aktuellen Prognosemöglichkeiten bewusst sein. Aber: Wenn wir die gängigen Modelle hinterfragen, mit denen die Auswirkungen der Pandemie geschätzt werden, ist das keine generelle Ablehnung von Modellprognosen. Im Januar 2020 haben wir uns auch bei COVID-19 für Modelle entschieden, die bei Grippepandemien verwendet werden. Auf traditionelle Prognosemodelle, wie sie internationale Organisationen nutzen, haben wir verzichtet“, sagt Dr. Mathilde Lemoine.

Annahmen

  1. Modelle zur Messung der wirtschaftlichen Auswirkungen von Grippepandemien kommen zu dem Schluss, dass 60 Prozent ihrer negativen Folgen auf staatliche Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Grenzschließungen zurückgehen. Sobald die Pandemie unter Kontrolle ist, fallen diese Einschränkungen weg. Hinzu kommt, dass die Sterblichkeit die Konsumausgaben beeinflusst: Bei weniger Todesfällen wird weniger gespart; die Verbraucher geben wieder mehr Geld aus. Und schließlich können wir die Einschränkungen umso besser modellieren, je mehr wir über das Virus wissen. Das gilt auch für eine zweite Welle.
  2. In der ersten Jahreshälfte 2021 könnten die USA ein neues Konjunkturpaket verabschieden, das das Wirtschaftswachstum auf 5 Prozent steigen lassen könnte. Es dürfte vor allem Maßnahmen umfassen, bei denen sich Republikaner und Demokraten einig sind – wie direkte Zahlungen an Haushalte, ein höheres Arbeitslosengeld auf Bundesebene und Hilfen für kleine und mittlere Unternehmen. In Europa dürften die positiven Effekte der Hilfsprogramme in Deutschland durch den EU-Wiederaufbaufonds 2021 nochmals verstärkt werden. Gemeinsame europäische Anleihen sind ein sehr wichtiges Signal. Sie stärken den europäischen Fiskalpakt und lassen die Risikoprämie für den Euroraum sinken, auch wenn sich das Volumen in Grenzen hält und zunächst lange gezögert wurde. Das makroökonomische Team von Edmond de Rothschild erwartet deshalb, dass sich die USA schneller erholen als Europa. Nach 3,5 Prozent Rückgang in diesem Jahr wird die US-Wirtschaft 2021 voraussichtlich um 4,3 Prozent und 2022 um 3 Prozent wachsen. Der Euroraum wird sich nur mäßig erholen. Nach einem Einbruch um 7,5 Prozent in diesem Jahr rechnen wir 2021 mit 4,5 Prozent und 2022 mit 3,8 Prozent Wachstum.
  1. Unterdessen investiert China verstärkt in Infrastrukturprojekte und setzt im neuen Fünfjahresplan vor allem auf den Inlandskonsum. Wir rechnen damit, dass die chinesische Wirtschaft 2021 um 9,8 Prozent und 2022 um 5 Prozent wächst. Die Erholung des Konsums und der privaten Investitionen, aber auch steigende Importe der USA und Europas dürften die asiatischen Volkswirtschaften beflügeln. Der internationale Reiseverkehr normalisiert sich sin unserem Prognosezeitraum wohl noch nicht, doch könnten Schwellenländer von höheren Rohstoffpreisen profitieren. Wir rechnen für die Emerging Markets 2021 mit 5,6 Prozent und 2022 mit 4,3 Prozent Wachstum, nach 2 Prozent BIP-Rückgang in diesem Jahr.

Die Erholung Asiens sowie der Nachfragestau in Europa und den USA werden den Welthandel 2021 trotz der Spannungen zwischen China und den USA vermutlich stärken.

„Der designierte US-Präsident Joe Biden dürfte mit seinem neuen Führungsstil und seinem Respekt für internationale Organisationen berechenbarer sein. Er hat allerdings noch nicht entschieden, was aus Trumps Zöllen wird. 2019 ist der World Trade Uncertainty Index auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Besonders stark war der Anstieg in den USA, in China dagegen war er nur halb so hoch. Unsicherheit hat aber große Auswirkungen auf den Welthandel, wie aktuelle ökonometrische Studien zeigen. So war ein Drittel des Anstiegs chinesischer Exporte seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation der größeren Sicherheit zu verdanken. Unsicherheit hat auch Auswirkungen auf die Aktienkurse und damit, direkt und indirekt, auf Anlageentscheidungen.“

Die Wechselkursprojektionen in der Studie sprechen für eine höhere Inflation und einen stärkeren Anstieg der Langfristrenditen in den USA als im Euroraum.

„Die langfristigen US-Staatsanleiherenditen dürften 2021 steigen und 2022 durchschnittlich 1,8 Prozent betragen. Die Fed wird aber die Zinsstrukturkurve steuern, damit sie nicht zu steil wird. Unterdessen dürften die Kurzfristzinsen niedrig bleiben. Die US-amerikanische Zentralbank hat erklärt, dass sie schon bald eine Inflation von 2 Prozent anstrebt.

Außerdem rechnen wir mit sehr viel mehr Forward Guidance, also viel klareren Hinweisen auf die Richtung der Geldpolitik, damit die Dreijahresrendite nicht zu stark zulegt. Die verstärkten Wertpapier­käufe der Europäischen Zentralbank könnten den Euro Anfang 2021 hingegen schwächen.

Sollte der Einsatz der COVID-19-Impfstoffe wesentlich effektiver sein als erwartet und sie schneller flächendeckend verabreicht werden, wäre dies gerade für den Euroraum sehr gut. Denn er ist von Lockdowns und Reisebeschränkungen überdurchschnittlich belastet worden.“

Längerfristig sieht Dr. Mathilde Lemoine einige Risiken. Sie befürchtet aufgrund von Schul- und Universitätsschließungen weniger berufliche Chancen und mehr Ungleichheit. Auch ist sie überzeugt, dass die Investoren einen zu großen Einfluss der Fiskalpolitik und staatlichen Druck auf die Notenbanken mehr fürchten als eine hohe Verschuldung.

Diesen Beitrag teilen: